Aktionstage "Gemeinsame Sache" : Gedenken pflegen im "Parlament der Bäume"

Die Erinnerungsstätte hinterm Reichstag in Mitte ist ein bedrohter Ort des Gedenkens und Symbol für den Schutz der Natur.

Ben Wagin mit Kindern der Regenbogen-Grundschule bei einer Pflanzaktion im "Parlament der Bäume".
Ben Wagin mit Kindern der Regenbogen-Grundschule bei einer Pflanzaktion im "Parlament der Bäume".Foto: Thilo Rückeis

Es war irgendwann im Frühjahr 2015: Berlins Baumpate Ben Wagin erzählte vor dem „Berliner Innovationskreis“ aus seinem Leben und bat um Unterstützung für sein „Parlament der Bäume“ im Regierungsviertel am Schiffbauerdamm. Hilfe für die Pflege von Bäumen, Wiese und Blumen werde benötigt. Als Ulla Ondratschek das hörte, zögerte sie nicht lange. Die Lehrerin von der Grundschule im Beerwinkel im Falkenhagener Feld im Bezirk Spandau sagte spontan Unterstützung zu: „Ich mache das mit unserer Garten-Arbeitsgruppe.“

Bald schon wurde die Idee praktisch umgesetzt. Im Oktober 2015 kamen zum ersten Mal Schülerinnen und Schüler vom Stadtrand in das Parlaments- und Regierungsviertel, um sich in der von Ben Wagin angelegten Erinnerungsstätte nützlich zu machen. Sie zupften Unkraut und staunten zugleich über die Mauerreste. Im Jahr drauf durften die Kinder Früchte von einem Ginkgo-Baum, den einst der Schauspieler Michael Douglas gepflanzt hatte, mitnehmen.

Nicht nur die Grundschüler, auch Jugendliche von der benachbarten Martin-Buber-Oberschule helfen seither mit. Gemeinsam bringen sie Blumenzwiebeln in den Boden und pflanzen Sonnenblumen. Ulla Ondratschek ist begeistert von dem Engagement der Schüler: „Auch Kinder, die sonst nicht immer konzentriert bei der Sache sind, arbeiten fleißig und gern mit.“ Für manche ist es ein tolles Erlebnis, dass sie ein Stück der Berliner Mauer anfassen können. Ein etwa 80 Meter langer Rest dieses Bauwerks steht neben rund 100 Bäumen und den zahlreichen Erinnerungstafeln an die Opfer von Krieg und Gewalt auf dem rund 2000 Quadratmeter großen Areal, Teil des einstigen Todesstreifens zwischen Ost- und West-Berlin.

Mauerreste im "Parlament der Bäume".
Mauerreste im "Parlament der Bäume".Foto: Thilo Rückeis

Auch Schulklassen kommen

Für den Lehrer Nikolas Hübner von der Martin-Buber-Oberschule ist der Ort wie geschaffen für die praktische Beschäftigung mit Kunst und Geschichte: „Wir sprechen im Ethikunterricht darüber und nehmen auch gern den Spaten in die Hand.“ Mit der Band der Oberschule hat er einen Song geschrieben, der beim Tag der offenen Tür am vergangenen Sonntag im „Parlament der Bäume“ zu hören war. „Hast du nicht auch Lust, zusammen einen Baum zu pflanzen? Kannst du dir vorstell’n, in Zukunft gemeinsam um ihn zu tanzen?“, heißt es in dem Lied. Und: „Wenn niemand was tut, wird auch nie was geschehn. Schwimm gegen den Strom, du wirst schon sehn.“

Es ist aber nicht so, dass nur die beiden Schulen vom Falkenhagener Feld gemeinsame Sache mit Wagins „Parlament der Bäume“ machen. Ulla Ondratschek ist es gelungen, mit dem Erasmus-Austauschprogramm das Projekt am Schiffbauerdamm inzwischen Schülern aus zehn verschiedenen Ländern vorzustellen. Gemeinsam pflanzte man Bäume und erinnerte an die Zeit der Teilung Europas.

Eine Begegnung war besonders eindrucksvoll: Eine Schülergruppe aus Kobrin bei Brest in Weißrussland hatte nämlich dort ein „Parlament der Bäume“ geschaffen und diese Information jetzt im Sommer als Geburtstagsgeschenk für den fast 90-Jährigen mitgebracht. Der Gegenbesuch in den Osterferien im kommenden Jahr ist schon fest eingeplant. Ben Wagin hat versprochen, mitzukommen.

Die von ihm kurz nach dem Fall der Mauer ab 1990 geschaffene grüne Oase an der Spree ist ein Ort des Gedenkens, der Erinnerung und Symbol für den Schutz der Natur. Im vergangenen Jahr wurde das „Parlament der Bäume“ in die Berliner Denkmalschutzliste aufgenommen. Aber dadurch ist langfristig der Bestand des Ensembles nicht gesichert. Denn das Baurecht für das Grundstück liegt noch beim Bund.

Parlamentarier fordert Übergabe an Stiftung Berliner Mauer

Einer, der das ändern möchte, ist der grüne Europaparlamentarier Michael Cramer. „Dies darf hier nicht verschwinden. Wir brauchen auch angesichts des hohen Alters von Ben Wagin Klarheit. Er soll noch erleben, dass dieses Werk dauerhaft Bestand hat“, sagte er jetzt beim Tag der offenen Tür. Und Cramer hat auch einen Vorschlag: „Das ,Parlament der Bäume‘ muss von der Stiftung Berliner Mauer übernommen werden.“ Dann hätte es dieselbe Sicherheit und Bedeutung wie die Anlagen an der Bernauer Straße oder an der East Side Gallery an der Warschauer Brücke. Erst im Mai 2018 waren die dort stehenden Mauerreste in die Verantwortung der Stiftung, getragen vom Land Berlin und dem Bund, übergegangen.

Ein gleichlautender Beschluss für das „Parlament der Bäume“ wäre für Ben Wagin die Erfüllung eines Lebenstraums. Zugleich bliebe dem steinernen Regierungszentrum ein geschichtsträchtiger und nunmehr grüner Ort erhalten, Zeichen für Vergänglichkeit und Zukunft. „Europa Erde Werde“ steht dort groß auf einem der Gedenksteine.

Wagin lädt alle interessierten Berliner beim Gemeinsame-Sache-Aktionstag am Freitag, 7. 9., und Sonnabend, 8. 9., jeweils ab 11 Uhr zu einem Happening am Schiffbauerdamm ein. Am Sonnabend werden ab 15 Uhr auch viele Radler ins Regierungsviertel rollen. Michael Cramer startet um 14 Uhr am S-Bahnhof Wollankstraße zu einer Tour entlang des ehemaligen Mauerstreifens. Am „Parlament der Bäume“ sollen die Pedale für eine Weile ruhen.

Machen Sie mit. Wollen Sie – allein, mit Nachbarn, Freunden oder Ihrer Initiative – mitmachen beim Aktionstag von Tagesspiegel und Paritätischem Wohlfahrtsverband? Alle Aktionen finden Sie hier: www.gemeinsamesache.berlin Dort können Sie auch Ihre eigene Aktion anmelden. Bei Fragen: gemeinsamesache@tagesspiegel.de

Sie alle machen mit

Jeden Tag stellen wir Ihnen hier Projekte vor, die sich noch Helfer wünschen.

Gemeinsam für einen sauberen Kiez

Das Netzwerk von Kitas und Familienzentren im Soldiner Kiez freut sich am Freitag, 7. 9., über viele HelferInnen, um in kleinen Gruppen auf den Spielplätzen und in den Straßenzügen Müll zu sammeln und so für das Thema zu sensibilisieren. Jede Gruppe/Kita startet zwischen 9–10 Uhr in der eigenen Einrichtung. Zwischen 11–11.30 Uhr treffen sich alle beteiligten Gruppen auf dem Geländer der Fabrik Osloer Straße e.V. Alle Müllsäcke werden aufeinandergestapelt, die Höhe des Müllturms wird gemessen. Für die beteiligten Kinder gibt es Getränke zur Stärkung und ein kleines süßes Dankeschön fürs Mitmachen.

Aktionsort: Soldiner Kiez und Fabrik Osloer Straße, Osloer Str. 12, 13359 Wedding. Kontakt: 221 9436-224. E-Mail: jpfaff@g-casablanca.de

Sauberes Berlin – Saubere Schule

Alle Kinder der Moabiter Grundschule in der Paulstraße beteiligen sich im Rahmen einer Aktionswoche am Freitag, dem 7. September, von 8–15 Uhr an der jährlichen Säuberungsaktion rund um die Schule. Ort: Paulstraße 28, 10557 Mitte

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