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Alle Mieter müssen raus : Bürgerzentrum in Lichtenberg wegen Asbest geschlossen

Im "Hechtgraben" wurde das Frauentechnikzentrum gegründet und der Reha-Sport erfunden. Nun müssen Asbest-Langzeitschäden untersucht werden.

Die Architektin Friederike Schwalbe würde das Bürgerzentrum in Hohenschönhausen gerne erhalten.
Die Architektin Friederike Schwalbe würde das Bürgerzentrum in Hohenschönhausen gerne erhalten.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

In dem "Bürgerzentrum am Hechtgraben" hängt noch ein Schild mit dem Namen Jan Ullrich. Der spätere Radprofi hat hier einst sein Rennrad an die Wand gehängt und Rehasport betrieben. Ullrich war 1987 von Rostock an die Kinder- und Jugendsportschule (KJS) in Höhenschönhausen gewechselt, einer von vier DDR-Eliteschulen für den Sportnachwuchs. Dort wurden auch Franziska van Almsick, Jens Fiedler oder Andreas Wecker zu Stars.

In dem Gebäude am Hechtgraben 1 ist auch der "Behindertensport", heute Rehasport genannt, erfunden worden. Nun musste es geräumt und versiegelt werden, wie das Bezirksamt Lichtenberg mitteilte. Zahlreiche Mieter suchen nun einen neuen Ort.

Im Zuge der Vorbereitung von Fenster-Reparaturarbeiten wurde laut Bezirksamt festgestellt, dass die in den Fensterbereichen seinerzeit eingebauten Materialien asbestbelastet sind. Der Bezirk wird ein Büro damit beauftragen, zu untersuchen, die mögliche Asbestbelastung zu untersuchen. Die Messungen sollen zeigen, ob und in welchem Ausmaß eine Belastung vorliegt, und um welche Stoffe es sich handelt.

Bereits im Juni 2018, als Lichtenbergs Bürgermeister Michael Grunst (Linke) durch das Gebäude geführt hatte, war die Rede von Asbest in der Fassade des Hauses. Dieses sei jedoch nicht gefährlich, weil abgekapselt, hieß es.

Anfang des Jahres sollte eine Kita in das Gebäude

Zahlreiche Menschen nutzten das Gebäude täglich für sportliche Aktivitäten wie Tischtennis oder Krafttraining. Im Gebäude befanden sich beispielsweise die Familienberatung, die soziale Bücherstube und ein Angebot mit Freizeitsport für Kinder. Sollte die Untersuchung ergeben, dass Langzeitschäden nicht auszuschließen sind, wird sich der Bezirk mit Fragen nach Entschädigungszahlungen beschäftigen müssen.

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Anfang des Jahres gab es Pläne, eine Kita in das Gebäude zu holen. Auch Ende September hatte der Bezirk dem Verein für ambulante Versorgung Hohenschönhausen e.V. die Zusage für ein Kitaprojekt mit 20 Kindern und acht Erziehern gegeben, so Vorstandsvorsitzende Christina Emmrich, die von 2001 bis 2011 Bürgermeisterin von Lichtenberg war und den Linken angehört. Ende Oktober habe das Bezirksamt über Asbest in dem Gebäude informiert, so Emmrich. Die ambulante Versorgung ist derzeit auf der Suche nach einem neuen Ort. Benötigt werden 300 Quadratmeter und eine Freifläche, möglichst in Hohenschönhausen.

Ebenfalls auf Suche und ehemals Mieter im Hechtgraben ist das "Sibuz", ein Beratungszentrum der Senatsverwaltung für Schüler, Eltern und Lehrer mit 40 Mitarbeitern. Eine Mitarbeiterin, die 20 Jahre im Hechtgraben gearbeitet hat, macht sich große Sorgen um eine mögliche Belastung durch das Asbest, erzählt sie dem Tagesspiegel. So gehe es auch vielen Kollegen. Sie mussten das Gebäude sehr spontan räumen und Blumen sowie Kühlschrankinhalt zurücklassen.

"Berlin denkt immer nur an den Wohnungsbau"

Der Bezirk will das Gebäude Am Hechtgraben am liebsten abreißen und Wohnungen bauen. "Berlin denkt immer nur an den Wohnungsbau", findet die Architektin Friederike Schwalbe, die Teil der "Bürgerinitiative Hechtgraben" ist, welche sich für die Bestandssicherung einsetzt. "Es ist ein politischer, sozialer und ökologischer Skandal, wenn dieses Gebäude tatsächlich abgerissen werden soll." Ihr drängt sich der Verdacht auf, dass das Asbest als Vorwand herangezogen wird, um ein lukratives Bauprojekt durchzusetzen. Der Bezirk hat ihr bisher keinen Einblick in das Asbest-Gutachten gewährt.

Das Bezirksamt Lichtenberg ist im Gespräch mit Wohnungsunternehmen und der Berliner Immobilienmanagement GmBH (BIM), um Ersatz-Räumlichkeiten für die Mieter des Standortes zu finden. Der Bezirk wäre auch bereit, sechs Millionen Euro für einen Neubau auszugeben, so Grunst im Februar.

Das Bürgerzentrum "Am Hechtgraben" in Hohenschönhausen steht leer. Der Bezirk will es abreißen lassen.
Das Bürgerzentrum "Am Hechtgraben" in Hohenschönhausen steht leer. Der Bezirk will es abreißen lassen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Zu DDR-Zeiten fand sich in dem Gebäude auch die Kommunale Wohnungsverwaltung, nach der Wende hatte die städtische Wohnungsbaugesellschaft Howoge hier einen Sitz. 1991 gründete sich das Frauentechnikzentrum am Hechtgraben, welches 2018 den Integrationspreis des Bezirks erhielt. Es ist bereits zum 1. April umgezogen, in die Treskowallee 109, direkt am S-Bahnhof Karlshorst. 300 Quadratmeter zu einem guten Mietpreis, erzählt Audrej Hoffmann, Projektmanagerin des Frauentechnikzentrums.

Der Bezirk habe geholfen. Das mit dem Asbest habe früher nie eine Rolle gespielt, so Hoffmann, niemand habe davon gesprochen. Ob Mitarbeiter, die jahrelang in dem Haus gearbeitet hatten, informiert werden sollen, konnte Hoffmann noch nicht sagen. Vorerst sehe man dazu keine Notwendigkeit.

Der Familienanlauf e.V. (FAN), ebenfalls Ex-Mieter am Hechtgraben, hat eine neue Heimat in der Paul-Schmidt-Oberschule gefunden. Zahlreiche FAN-Mitarbeiter, die im Bürgerzentrum am Hechtgraben gearbeitet hatten, könnten jedoch durch das Asbest belastet worden sein und Gesundheitsschäden davongetragen haben. Cornelia Adolf, FAN-Geschäftsführerin beklagt, dass der Bezirk hier noch nicht ausreichend über die Gefahr informiert habe.

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