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Tschingderassabumm! Das Freizeitangebot in Alt-Treptow ist vielfältig.

© Jens Mühling

Unterwegs in Berlins Ortsteilen: Alt-Treptow: Wo Familien Kaffee kochen können

96 Ortsteile hat die Stadt. Unser Kolumnist bereist sie alle – von A wie Adlershof bis Z wie Zehlendorf. Mühling kommt rum, Teil 3: Alt-Treptow.

Bei der Vorbereitung auf meinen Ausflug nach Alt-Treptow las ich, dass hier in den wilden 90ern die ersten illegalen Clubs der Stadt entstanden sind. In den wilden 1790ern, genauer gesagt. Auch damals gab es am südöstlichen Spreeufer nämlich schon Lokale für vergnügungshungrige Großstädter. Deren Wirte mogelten sich um die preußische Getränkekonzession herum, indem sie ihren Gästen nur heißes Wasser und Geschirr anboten – Kaffeepulver und Speisen mussten die Ausflügler selbst mitbringen. Das dazugehörige Geschäftsmotto wurde zum geflügelten Wort, das bis ins 20. Jahrhundert Wirtshausschilder zierte: „Hier können Familien Kaffee kochen.“

Lang ist’s her! Als ich gut zwei Jahrhunderte nach den 1790ern Alt-Treptow besuchte, zierte auf der Insel der Jugend ein völlig anderes Motto die Menütafel vor dem Freiluftcafé: „Bei uns gibt es köstlich Speis und Trank, lasst eure zu Hause, vielen Dank.“ Welch ein geschichtsvergessener Ortsteil, dachte ich seufzend.

Ohnehin war das Café geschlossen. Saison sei erst ab Ostern, erklärte mir der Gärtner, ein Mann im Rentenalter, der eine Schubkarre voller Stiefmütterchen über die Insel schob. „Ich habe den besten Job der Stadt“, sagte er grinsend. „Wasser, junge Leute, immer was los – besser geht’s doch nicht.“ Gerade war allerdings gar nichts los, die Insel war menschenleer bis auf ein Liebespaar, das streitend am Ufer stand. Halb auf Deutsch, halb auf Türkisch zischten sich die beiden an. „Küss mich!“, unterbrach die Frau immer wieder den Mann: „Küss mich!“ Er küsste sie nicht.

Im Schatten des Bronzesoldaten

Mehr los war beim sowjetischen Ehrenmal. Im Schatten des riesigen Bronzesoldaten kam ich mit einem russischen Touristenpärchen ins Gespräch. Dima und Katja kamen aus Petrosawodsk bei Sankt Petersburg. Es war der allererste Tag ihres allerersten Besuchs in Berlin. „Und da kommt ihr ausgerechnet hierher?“, fragte ich staunend. „Gibt’s in Petrosawodsk keine sowjetischen Denkmäler?“ Unsicher erwiderte Dima meinen Blick. „Doch“, sagte er. „Aber nicht so große.“

Alt-Treptow gehört flächenmäßig zu den kleinsten Berliner Ortsteilen. Ein gutes Drittel davon entfällt auf den Treptower Park. Zieht man zusätzlich das Flohmarkt-Badeschiff-Club-Areal am Spreeufer, die Grünflächen am Landwehrkanal, das Botschaftsviertel an der Puschkinallee sowie das Industriegebiet nördlich des alten Bahndamms ab, bleibt ein verblüffend winziges Rumpf-Wohnviertel zwischen Kanal, S-Bahn-Ring und ehemaligem Mauerstreifen übrig. Eine galoppierende Gentrifizierung ist dort im Gange, was vor allem an der auffälligen Dichte an Rennradläden abzulesen ist, daneben gibt es Burgerrestaurants, Cafés mit ambitionierten Brühmethoden und sorgsam kuratierte Secondhandshops.

Das Denkmalamt sollte sich einschalten!

Wem das als Beleg für die Hipsterisierung des Ortsteils nicht reicht, der sollte die Elsenstraße besuchen, wo wenige Häuser voneinander entfernt zwei Frisörläden residieren. Der eine ist erkennbar neu und heißt „Old Barber“. Der andere ist erkennbar älter und heißt „HAIReinspaziert“. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich wäre traurig, wenn jetzt Barbiere mit neumodisch altmodischen Namen die alteingesessenen Kalauer-Frisöre verdrängen. Hier ist eine schützenswerte Tradition in Gefahr, das Denkmalamt sollte sich einschalten!

Fläche: 2,31 km² (Platz 87 von 96)

Einwohner: 11 934 (Platz 72 von 96)

Durchschnittsalter: 38,5 (ganz Berlin: 42,7)

Lokalpromis: Friedrich S. Archenhold (Sternwartengründer), Karl Kunger (Antifaschist)

Gefühlte Mitte: S-Bahnhof Treptower Park

Diese Kolumne erschien am 25. März 2017 im Tagesspiegel-Samstagsmagazin Mehr Berlin.

Alle Folgen zum Nachlesen: tagesspiegel.de/96malberlin.

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