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Auch für Absatzschuhe gilt: Aller Anfang ist schwer.
© DAVIDS

High-Heels-Kurs: Auf hohem Fuß

Nicht jede Frau macht auf High Heels eine gute Figur. Ksenia Kotina schon. Die ehemalige Tänzerin trainiert ungeübte Läuferinnen und will ihnen dabei auch etwas Selbstbewusstsein vermitteln. Danach sollen die Stöckelschuhe nie wieder unbeachtet im Schrank liegen.

Wirke ich lasziv – oder eher lächerlich? Stiletto-Trägerinnen haben sich diese Frage bestimmt schon mal gestellt. Was in der Vorstellung einfach zu sein scheint, wird von der Realität, diesem unberechenbaren, missgünstigen Biest, auf eine harte Probe gestellt. Balanceschwierigkeiten, Schlaglöcher auf den Gehwegen, Selbstzweifel. Wie soll man da Haltung bewahren und eine gute Figur machen?

Grazil wirken auf hohen Schuhen meistens die anderen. Die Models auf dem Laufsteg. Die Stars auf dem roten Teppich. Das Modevolk, das anlässlich der Fashion Week nach Berlin kam. Und Ksenia Kotina. Die Russin bietet seit vier Jahren Kurse an, in denen sie Frauen das sichere Laufen auf High Heels beibringt. Je eineinhalb Stunden braucht es dafür. Und 99 Euro. Danach, so das Versprechen, wird Frau ihre Stöckelschuhe nicht länger unbeachtet im Schrank liegen lassen.

„Walk on Heelz“ heißt das Programm der 28-Jährigen. Ihr Training hat Ksenia Kotina mit Hilfe eines Orthopäden entwickelt. Sie bietet es nicht nur in Berlin an, zum Beispiel an diesem Wochenende. Um Frauen jeden Alters, aber auch interessierte Männer absatztauglich zu machen, reist sie nach Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Leipzig. Dort mietet sie sich in Tanzstudios ein und unterrichtet ihre lernwilligen Teilnehmerinnen.

Wer zu Ksenia Kotina kommt, hat oft einen langjährigen Leidensweg hinter sich. So wie die Frau, die an einem Samstagnachmittag in einer Altbauwohnung in Wilmersdorf von ihren orthopädischen Problemen erzählt. Und von ihrem Wunsch, dennoch halbwegs sicher auf Stöckelschuhen gehen zu können. Aus ihrer Tasche holt sie schwarze Riemchenpumps, die drei Zentimeter hoch sind. Im Vergleich zu den beigefarbenen Lackschuhen mit den 14 Zentimeter hohen Absätzen, die Kotina an diesem Tag trägt, wirken sie fast wie Ballerinas.

Wichtig ist das Aufwärmen. Das sei wie beim Sport, sagt Kotina. Ohne Warm-up könne niemand schwere Hanteln stemmen. Also ab auf die Matte und ran ans Gymnastikband, das straff um die Füße gespannt wird. Die Zehen gegen den Widerstand des Gummis drücken, das soll Muskeln und Gelenke auf hohe Schuhe vorbereiten. Und Verletzungen vorbeugen. Wenn man diese kleine Übung in den Alltag integriert, sagt Kotina, trainiert man die Fußmuskulatur, und das Stöckeln wird bald zum Spaziergang. Schön wär’s.

Beim Lauftraining wird nicht mit Kritik gespart

Absatztauglich. Unter Ksenia Kotinas Anleitung werden die Füße aufgewärmt. Das garantiert einen sicheren Gang.
Absatztauglich. Unter Ksenia Kotinas Anleitung werden die Füße aufgewärmt. Das garantiert einen sicheren Gang.
© DAVIDS

Nach dem Aufwärmen wird aufgebockt. Die sechs Teilnehmerinnen schlüpfen in ihre mitgebrachten Schuhe und gehen zur Probe über den roten Filzteppich, der das Parkett vor Schrammen schützen soll. Das dumpfe Klackern der Absätze hallt durch den Raum. Anspannung und Unsicherheit zeichnen sich in den Gesichtern der Frauen ab. Ksenia Kotina kommentiert den Gang jeder einzelnen. Der Blick ist zu sehr auf den Boden gesenkt! Du läufst nicht aufrecht genug! Die Füße setzen nicht richtig auf! Die ehemalige Balletttänzerin Kotina, die gesundheitsbedingt ihre Karriere aufgeben musste und sich später in Hamburg zur Musicaldarstellerin ausbilden ließ, spart nicht mit Kritik. Dabei ist sie jedoch nie verletzend. Wie eine große Schwester, die einem Rat gibt.

Die Gründe, warum Frauen zu Kotina kommen, sind ganz verschieden. Friederike zum Beispiel ist Studentin und hat sich vor kurzem von ihrem Freund getrennt. Seinetwegen hat die 23-Jährige bislang auf hohe Absätze verzichtet: Mit einer Körpergröße von einem Meter achtzig hätte sie ihn überragt. Nun ist sie frei, auch in der Wahl ihrer Schuhe. Eine andere Teilnehmerin will in zwei Wochen heiraten und den Gang zum Altar ohne böse Zwischenfälle hinter sich bringen.

Geübt werden der richtige Gang, der richtige Hüftschwung, die richtige Körperspannung. Die Teilnehmerinnen drehen gelehrig ihre Runden. Mal mit Musik, mal – Klassiker! – mit Buch auf dem Kopf, mal mit extrem überkreuzten Beinen. Wichtig sei, sagt Ksenia Kotina, mit der Ferse zuerst aufzusetzen und zu den Zehen hin abzurollen. So, als laufe man barfuß. Leichter gesagt als getan, wenn die Hacken sieben Zentimeter höher gelegt sind. Da hilft nur Autosuggestion. Und ein Blick auf Kotinas Füße. Bei ihren Killerabsätzen bildet man sich tatsächlich ein, keine Schuhe zu tragen.

Im zweiten Teil wird das Training härter: Es geht raus. Statt Filzteppich stehen nun Treppenstufen, Kopfsteinpflaster und Gitterschächte auf dem Programm. Ksenia Kotina geht wie eine Entenmutter vorweg, ihre Schülerinnen hinterher. Sieben Frauen mit auffallend hohen Absatzschuhen – das zieht irritierte Blicke von Passanten auf sich. Jetzt nur keine Verunsicherung. Es läuft doch gerade.

Tatsächlich haben die Teilnehmerinnen merkliche Fortschritte gemacht. Friederike ist jedenfalls zufrieden und will nun künftig öfter hohe Schuhe tragen. Nach dem Ausflug ins Freie verabschiedet sich Ksenia Kotina von den Frauen. Sie hofft, ihnen nicht nur Lauftechnik, sondern auch etwas Selbstvertrauen vermittelt zu haben. Wem nach diesem Kurs immer noch nicht geholfen ist, der kann weiterführenden Einzelunterricht buchen. Für 60 Euro die Stunde.

Zurück in der Wohnung lässt sich Ksenia Kotina auf einen Stuhl fallen und greift zu einem Kaffeebecher. Sicher auf hohen Schuhen zu laufen, sagt sie, sei eine Frage der Einstellung. „Wenn der Kopf verkrampft, verkrampfen auch die Füße.“ Sie selbst hat bereits als Teenager angefangen, High Heels zu tragen. Seither geht sie kaum noch ohne aus dem Haus. Wie viele sie besitzt? Keine Ahnung, sagt Kotina und lacht. Eines weiß sie jedoch genau: In ihrem Schrank befindet sich genau ein Paar Turnschuhe. Nicht zum Gehen. Nicht zum Laufen. Zum Autofahren.

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