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„Identitätsstiftend“: Die Haupttribüne des Großen Stadions im Jahn-Sportpark mit den Flutlichtmasten.

© imago images / Matthias Koch

Tagesspiegel Plus Exklusiv

„Aufgrund neuer Prioritäten“: Berlin verschiebt Umbau des Jahn-Sportparks

Das Stadion wird bis 2026 für 111 Millionen Euro erneuert, für den Rest des „Inklusionsparks“ ist kein Geld mehr eingeplant. Der Breitensport gehe leer aus, fürchten Sportbund und Anwohner.

Von Christian Hönicke

Neuer Zeitplan für den Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg: Ob das Große Stadion umgebaut oder abgerissen und durch einen Neubau ersetzt wird, steht frühestens Ende Oktober 2022 fest. Der Stadionbau soll dann in jedem Fall noch in dieser Legislatur bis 2026 abgeschlossen werden - die Umgestaltung des restlichen Sportparks zum „Inklusionssportpark“ wird jedoch auf die Zeit danach verschoben.

So sieht es der Beschlussvorschlag für den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses vor, in dem Finanzmittel für die wichtigsten Berliner Bauprojekte angemeldet werden. Zwar sollen ab 2023 insgesamt 111 Millionen Euro bereitgestellt werden, um das Stadion zu erneuern. Für die Umgestaltung und Modernisierung des übrigen Geländes werden demnach weitere 60 Millionen Euro veranschlagt – diese sollen jedoch in dieser Legislaturperiode nicht freigegeben werden. Als Begründung heißt es in der Beschlussvorlage konkret: „Die ursprünglich ab 2024 geplante Maßnahme wird aufgrund neuer Prioritäten nach 2026 verschoben.“

Nach Angaben der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, die mit Planung und Umbau des Sportparks betraut ist, stehen in den kommenden Haushaltsjahren aufgrund der Pandemie generell nur „reduzierte finanzielle Mittel“ zur Verfügung. Die Finanzverwaltung hatte demnach dazu aufgefordert, „die Investitionsmaßnahmen auf den unbedingt notwendigen Umfang zu reduzieren“. Zuletzt waren noch 195 Millionen Euro dafür anvisiert, das gesamte Gelände in einen „Inklusionssportpark“ umzugestalten. Nun soll zunächst nur das Stadion in eine moderne, spitzenfußballtaugliche Arena für 20.000 Zuschauer umgewandelt werden.

Sportverwaltung geht „weiterhin von einer Realisierung des Gesamtvorhabens aus“

Dieses Vorgehen wurde nach Angaben von Beteiligten auch am Mittwochabend durch die Senatsverwaltung bestätigt. Bei dem Termin wurde der sogenannten Projektgruppe, in der Vertreter von Verwaltungen, Sportverbänden und -vereinen, Bürgerschaft und Stadtgesellschaft sitzen, der aktuelle Planungsstand präsentiert. Damit würden sich Befürchtungen bestätigen, es solle nur „schnellstmöglich ein neues Stadion für den Spitzensport gebaut werden, ein Leuchtturm der Funktionärseitelkeit“, kritisiert Philipp Dittrich von der „Bürgerinitiative Jahn-Sportpark“. „Für die Sportverwaltung ging es also all die Jahre vorrangig um das Stadion, nicht um den Inklusions-, Schul- und Vereinssport. Das ist die bittere Kernaussage dieser Haushaltsmittelanmeldung.“

Die Sportverwaltung erklärte auf Anfrage, man stehe zum „inklusiven Sportpark“. In der Investitionsplanung sei weiterhin das Gesamtvorhaben vorgesehen, teilte Sprecher Martin Pallgen mit: „Wir gehen daher weiterhin von einer Realisierung des Gesamtvorhabens aus. Ein Stopp des Vorhabens steht für uns überhaupt nicht zur Debatte.“

Die erste Rate für den „dritten Bauabschnitt“, mit dem der restliche Sportpark gemeint ist, sei in der Tat von 2025 nach 2026 geschoben worden. Für diese Verzögerung sei dabei nicht zuletzt das „eingeschobene Beteiligungsverfahren“ verantwortlich, erklärte Pallgen. „Um es klar zu sagen: Hätten wir früher mit dem Stadionbau beginnen können, wären wir auch schneller mit dem restlichen Sportpark.“ Der Sportverwaltung zufolge sollen 2024 „die notwendigen Realisierungswettbewerbs- und Ausschreibungsverfahren“ für den restlichen Sportpark durchgeführt werden.

Landessportbund sieht Verschiebung kritisch und fordert „zügige“ Modernisierung

Die Anwohnerinitiative befürchtet dennoch, dass nach dem Stadion-Bau dafür kein Geld mehr da sein werde. Die Verschiebung bedeute, „dass die Vereine, der Breiten-, Inklusions- und Schulsport, die sporttreibenden Kinder und Jugendlichen auf der Strecke bleiben“, so Dittrich. „Alle Beteuerungen, gerade diese Gruppen wolle man mit den zig Millionen bedienen, scheinen vergessen.“ Dabei gehörten Stadion und Sportpark zusammen und müssten auch zusammen geplant werden.

Auch der Landessportbund Berlin (LSB) sieht die Verschiebung kritisch und möchte eine umfassende Modernisierung des gesamten Sportparks noch in dieser Wahlperiode. „Der Inklusionssportpark ist ein Leuchtturmprojekt von einer Bedeutung, die weit über den Sport hinausreicht“, erklärte LSB-Präsident Thomas Härtel auf Nachfrage. „Daher erwarten wir hier eine zügige Planung und Umsetzung durch die neue Koalition in dieser Legislatur.“ Dazu hätten sich SPD, Grüne und Linke vor der Wahl bekannt, „da nehmen wir sie jetzt auch beim Wort“.

Die finale Haushaltsmittelanmeldung durch den Hauptausschuss wird voraussichtlich nach Abschluss der Berliner Koalitionsgespräche Anfang 2022 erfolgen. Die Senatssportverwaltung erklärte, sie werde sich nun dafür einsetzen, „das Verfahren und die Realisierung dieses bedeutenden Inklusionsprojekts zu beschleunigen und die erste Rate für den dritten Bauabschnitt wieder in die laufende Legislaturperiode vorzuziehen“. Die Entscheidung darüber treffe jedoch „das Parlament mit der Verabschiedung des jeweiligen Haushaltsgesetzes“.

Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen bekräftigte, wolle man das Stadion und das restliche Gelände planerisch nicht auseinanderreißen: „Wir halten an der integrierten Entwicklung des gesamten Sportparks fest.“ Laut Dittrich wurde seitens der Verwaltung am Mittwoch allerdings erklärt, dass der nun laufende Realisierungswettbewerb sich nur mit dem Stadion beschäftige, „denn nur dafür gibt es ja Haushaltsmittel. Der Rest des Sportparks soll als ‚Ideenteil‘ drangehängt werden. Aber das ist für die Planungsbüros dann natürlich total unattraktiv, da es kein Realisierungsversprechen gibt.“ Die Stadtentwicklungsverwaltung erklärte dazu, die Qualität des gesamten Sportparks, auch wenn nur im Ideenteil, sei „ein entscheidendes Kriterium bei der Beurteilung der Entwurfsvorschläge“.

Hinterlandmauer, Leuchmasten und Haupttribüne sollen „möglichst“ erhalten bleiben

Wie das Stadion aussehen soll, ist dabei noch unklar. Sportverbände und Sportverwaltung fordern einen Neubau, Anwohner und Stadtplaner wollen das aktuelle Stadion aus dem Jahr 1951 mit den weithin sichtbaren Lichtmasten möglichst erhalten. Eine Lösung der Arena-Frage sollen nun die beteiligten Planungsbüros finden - im Rahmen des städtebaulichen Realisierungswettbewerbs, der bis Ende Oktober 2022 laufen soll. Dafür wurden ihnen durch die Senatsgremien (unter anderem durch den sogenannten Lenkungskreis) verbindliche Vorgaben gemacht. Unter anderem jene, dass „identitätsstiftenden Merkmale“ wie die Hinterlandmauer an der Grenze zum Mauerpark oder die Flutlichtmasten beim Umbau möglichst zu erhalten seien.

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