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© Sebastian Gabsch

Tagesspiegel Plus

„Aus der Geschichte getilgt“: Neonazi im Grab eines jüdischen Wissenschaftlers beerdigt

Zur Bestattung eines Holocaustleugners reiste rechtsextreme Prominenz nach Brandenburg. Die Grabstelle irritiert: Hier fand auch ein jüdischer Wissenschaftler die letzte Ruhe.

Ein toter Neonazi, Dutzende rechtsextreme Trauergäste und ein schwarzes Tuch auf dem Grabstein eines jüdischen Wissenschaftlers: Die Beerdigung des Holocaustleugners Henry Hafenmayer auf dem bekannten Stahnsdorfer Südwestfriedhof zieht Diskussionen nach sich. Der gut vernetzte rechtsextreme Aktivist war bereits im August im Alter von 48 Jahren gestorben. Am Freitag wurde er auf dem Friedhof südlich von Berlin beigesetzt - im Grab von Max Friedlaender.

Zuerst hatte der Twitter-Account „friedensdemo-watch” über die Beerdigung berichtet. Der Account gilt als zuverlässige und vertrauenswürdige Quelle für rechtsextreme, antisemitische und verschwörungsideologische Aktivitäten in Berlin und Brandenburg.

Nach Angaben von „friedensdemo-watch” nahmen etwa 55 Weggefährten Hafenmayers an seiner Beisetzung teil, darunter zahlreiche bekannte Akteure der deutschen Neonazi-Szene wie der sogenannte „Volkslehrer” Nikolai Nerling, die Holocaustleugner Horst Mahler und Gerd Walther, der III.-Weg-Aktivist Michel Fischer und der Berliner NPD-Mann Uwe Meenen. Einzelne Gesinnungsgenossen seien außerdem aus Nordrhein-Westfalen angereist, da Hafenmayer bis zuletzt in Oberhausen lebte.

Schwarzes Tuch über Friedlaenders Grabstein

Besonders irritierend an der rechtsextremen Trauerfeier: Die Urne Hafenmayers wurde im Grab des jüdischen Musikwissenschaftlers Max Friedlaender beigesetzt. Das zeigen Aufnahmen, die dem Tagesspiegel vorliegen. Demnach verhängten die Neonazis den Grabstein des 1934 verstorbenen Friedlaenders mit einem schwarzen Tuch, dem Namen und einem Foto Hafenmayers.

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Außerdem war auf dem verhüllten Grabstein der Spruch „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen” aus dem Johannesevangelium zu lesen. Der Spruch kann als Fingerzeig zur geschichtsrevisionistischen Einstellung Hafenmayers verstanden werden, der immer wieder die Verbrechen der Nationalsozialisten verharmloste und teilweise leugnete.

Vor dem eigentlichen Grab Friedlaenders legten die rechtsextremen Gäste der Zeremonie Gestecke und Kränze in rot-weiß-schwarzen Farben nieder. Auf einem Spruchband war unter anderem der Satz „Ehre wem Ehre gebührt” zu lesen.

Evangelische Kirche bezeichnet Vergabe als „Fehler“

Wie es dazu kommen konnte, dass der Holocaustleugner Hafenmayer im selben Grab wie der jüdische Musikwissenschaftler Max Friedlaender, der von den Nationalsozialisten aus dem Amt gedrängt wurde, beerdigt wurde, war am Montagmittag zunächst unklar.

Friedlaenders Grabstein nach der Bestattung des Neonazis, nun wieder enthüllt.

© Netzwerk „Tolerantes Teltow Kleinmachnow Stahnsdorf”

Die Friedhofsverwaltung verwies nach einer Tagesspiegel-Anfrage auf die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz (EKBO) als Träger des Friedhofs. Nach Tagesspiegel-Informationen ist es möglich, dass das Familiengrab Friedlaenders auslief und die Neonazis somit bewusst das Grab des jüdischen Musikwissenschaftlers erwarben, um ihren Kameraden dort zu beerdigen.

„Der erste Grabstättenwunsch ist von der Friedhofsleitung abgelehnt worden, trotzdem war auch die Auswahl der ehemaligen Grabstätte Max Friedlaender ein Fehler“, teilte eine EKBO-Sprecherin auf Anfrage mit. „Diesen Fehler prüfen wir zurzeit.“ Die Sprecherin verteidigte die grundsätzliche Entscheidung des Konsistoriums, eine Beerdigung auf dem Stahnsdorfer Friedhof zu gestatten. „Leitend ist dabei der Grundsatz, dass jeder Mensch ein Anrecht auf eine letzte Ruhestätte hat.“ Die Beisetzung sei allerdings „ohne evangelische Begleitung“ erfolgt.

Das Netzwerk „Tolerantes Teltow Kleinmachnow Stahnsdorf” schätzte den Vorfall in einer Pressemitteilung als „bewusste Provokation” ein. „Durch das Verschwinden seines Grabes wird er gewissenmaßen nachträglich aus der Geschichte getilgt“, interpretierten die Aktivisten die Vorgehensweise der Neonazis gegen Friedlaenders Grab.

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