Auswege aus der Berliner Kitakrise : Fachfremde sollen in Berlin als Erzieher arbeiten

Um den Personalmangel zu kompensieren, werden weitere Berufsgruppen in die Kitas geholt. Das Abitur als Zugangsbedingung könnte entfallen.

Begehrte Betreuung. Tausende Berliner Eltern sind zurzeit auf der Suche nach einem Kitaplatz. Etliche Klagen sind anhängig.
Begehrte Betreuung. Tausende Berliner Eltern sind zurzeit auf der Suche nach einem Kitaplatz. Etliche Klagen sind anhängig.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Das gab es noch nie: Rund 30 Fachleute haben am Freitag drei Stunden lang mit Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) über Auswege aus der Berliner Kitakrise beraten. Am Schluss des neuartigen „Kitagipfels“ stand fest: Die Kitagruppen sollen trotz des Personalmangels nicht vergrößert, sondern weiter verkleinert werden.

Eine „Übergangsstrategie“ soll diesen Widerspruch lösen. Zudem sollen die Kitasuche und das Anmeldeverfahren durch ein neues, verbessertes Onlineangebot, den sogenannten Kitanavigator, elternfreundlicher werden. Er soll „voraussichtlich ab Ende 2018“ starten.

Im Mittelpunkt des Kitagipfels stand klar der Erziehermangel. Fest steht, dass es – ebenso wie in den Schulen – ohne fachfremde Berufsgruppen nicht gelingen kann, die Betreuung abzusichern. Daher sollen auch etwa Künstler an die Stelle von Erziehern treten können.

Dies können Menschen sein, die auch bisher schon – etwa im Rahmen zusätzlicher Angebote – in den Kitas arbeiten. Es können aber auch berufsfremde Bewerber sein, die bislang noch nicht in einer Kita tätig sind. In beiden Fällen sind aber „Einzelfallprüfungen“ nötig, stellte Scheeres klar.

Quereinsteiger werden umworben

Unabhängig davon wird weiter um Quereinsteiger geworben, die berufsbegleitend eine Erzieherausbildung absolvieren. Um diese Gruppe zu vergrößern, soll verstärkt informiert werden. Geprüft werden zudem verbindliche Ausbildungsquoten für die Kita-Eigenbetriebe und Ganztagsschulen.

Scheeres kritisierte, dass die Ausbildungsquote in den Schulhorten bei nur zwei Prozent liegt und will diese Quote auf zehn Prozent angehoben sehen. Auch die Ausbildungsquote der Kita-Eigenbetriebe liege nur im „einstelligen Bereich“ merkte Scheeres an.

Zur Lösung des Personalproblems soll zudem beitragen, dass das Abitur als Zugangsvoraussetzung zur Erzieherausbildung entfällt: Künftig soll wieder der Mittlere Schulabschluss (MSA) reichen – zumindest so lange, bis es wieder genug Erzieher gibt, was schätzungsweise fünf Jahre dauern könnte.

Das ist ein erheblicher Einschnitt, denn vor 15 Jahren war das Abitur als Hürde eingebaut worden, um dem Bildungsauftrag der Kitas besser gerecht zu werden. Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doreen Siebernik, betonte dann auch, dass dies nur eine temporäre Regelung sein dürfe.

Mehr finanzielle Anreize

Auch finanzielle Anreize wie Stipendien und Bafög sollen dazu beitragen, dass mehr Menschen sich entscheiden, den Erzieherberuf einzuschlagen. Weiteres Personal soll dadurch gewonnen werden, dass bei der Anerkennung von ausländischen Abschlüssen großzügiger verfahren wird. Der Ausbau der Tagespflege soll zudem weitere Plätze schaffen.

Neben den Gewerkschaften waren auch Kitaverbände, Bezirke und Elternvertreter am Kitagipfel beteiligt. Am Schluss einigten sie sich auf ein erneutes Treffen im Januar, um die Resultate der „Übergangsstrategie“ zu beraten. Erst dann wird auch feststehen, ob Berlin es sich leisten kann, im August 2019 die Kitagruppen nochmals zu verkleinern, was eigentlich im Kitagesetz festgelegt wurde, um die Qualität zu verbessern.

Weitere Fortschritte bei der Personalgewinnung versprechen sich alle Fachleute von den Tarifverhandlungen Anfang kommenden Jahres. Scheeres setzt sich dafür ein, „dass mit den Verhandlungen zwischen der Tarifgemeinschaft der Länder und den Gewerkschaften Anfang 2019 die Gehaltslücke zu den Brandenburger Fachkräften geschlossen wird“, wie sie nach dem Kitagipfel betonte.

Allerdings könne dadurch das „akute Fachkräfteproblem“ nicht gelöst werden, da die Kinderzahlen weiter steigen: Wie berichtet, wurden 2016 und 2017 jeweils rund 40 000 Kinder geboren. Zum Vergleich: In diesem Jahr verlassen nur rund 30 000 Kinder die Kitas Richtung Schule.

Kompromisse sind unausweichlich

Das liegt zum einen daran, dass der Jahrgang der künftigen Erstklässler kleiner war und zum anderen daran, dass – trotz der um drei Monate hinausgezögerten Schulpflicht – noch immer Tausende Eltern ihre Kinder von der Schulpflicht zurückstellen lassen. Diese Kinder „blockieren“ also die Plätze in den Kitas, was allerdings immerhin den positiven Effekt hat, dass die ebenfalls überlaufenen Grundschulen etwas entlastet sind.

Roland Kern vom Dachverband der Kinder- und Schülerläden lobte zum Abschluss des Kitagipfels, dass die Kitagruppengrößen nicht angetastet werden. Allerdings sprach er auch davon, dass es bei den jetzigen Kompromissen einige gebe, die an die „Schmerzgrenzen“ gingen.

Dennoch seien diese Kompromisse unausweichlich, weil die Lage in manchen Regionen „angespannt wie ein Flitzebogen ist“, ergänzte Martin Hoyer, der Vizevorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbands. Wichtig sei jetzt, dass es einen Kitaplatz für jedes Kind gebe und bessere Informationen für die Eltern. Wenn man jetzt mit Künstlern und anderen Berufsgruppen „multiprofessionelle Teams“ bilde, sei das immer noch besser, als die Kitagruppen zu vergrößern.

„Wir müssen jetzt sehr, sehr, sehr schnell Ergebnisse liefern“, gab die Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann (Grüne), die Richtung für die kommenden Monate vor.

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