• Berlin übt für den Terrorfall: Was ein Anschlag auf eine Fabrik im Krankenhaus auslösen würde

Berlin übt für den Terrorfall : Was ein Anschlag auf eine Fabrik im Krankenhaus auslösen würde

Maschinenpistole, Handgranaten – was tun, wenn Terroristen in Berlin zuschlagen? Die Gesundheitsverwaltung simuliert einen Anschlag, die Helios-Klinik reagiert.

Jetzt muss es schnell gehen: Verletzte werden bei der Übung ins Krankenhaus in Zehlendorf eingeliefert.
Jetzt muss es schnell gehen: Verletzte werden bei der Übung ins Krankenhaus in Zehlendorf eingeliefert.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Ein Terroranschlag in Berlin: Ein, vielleicht zwei, drei Attentäter stürmen um 18.50 Uhr mit Maschinenpistole und Handgranaten eine Fabrik im Süden der Stadt. Schüsse, Explosionen, Chaos. Polizeiwagen rasen zum Anschlagsort, die Feuerwehr wird informiert. Um 19.05 Uhr ist klar: massenhaft Verletzte, vielleicht Tote. Was tun?

Am diesem Mittwochabend ist das nur eine Übung, die Probe eines Szenarios. Spätestens seit dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt vom Breitscheidplatz 2016 allerdings ein realistisches. Der Senat hat die Notfallpläne für solche Fälle seit den Achtzigern immer wieder verfeinert, seit dem Massaker am Breitscheidplatz sei das "Bewusstsein in den Behörden", wie es ein hoher Beamter ausdrückt, aber noch mal gestiegen.

In der Nacht zu Donnerstag müssen die Pflegekräfte und Ärzte des Helios-Klinikums Emil von Behring in Zehlendorf beweisen, dass sie in der Lage sind, einen sogenannten "Massenanfall" ein Anschlagsopfern zu versorgen. Weder die Helios-Spitze noch die örtlichen Ärzte und Pflegekräfte wissen von der Probe. Alle werden überrascht, als um 19.05 Uhr das sogenannte Alarmfax eintrifft.

Wie im Ernstfall beginnt die Übung damit, dass das Krankenhaus über den - in diesem Fall fiktiven - Notfall informiert wird: Angriff auf eine nahe Fabrik, viele Verletzte, mögliche Schuss-, Brand,- und Splitterwunden. So zumindest die Geschichte. Das Fax ist mit einem Alarm gekoppelt, zur gleichen Zeit ruft der von der Feuerwehrleitstelle informierte Einsatzkoordinator der Gesundheitsverwaltung an.

Ein unvollständiges Protokoll

19.10 Uhr: Am Tresen vor der Notaufnahme wird's unruhig. Schwestern und Pfleger ziehen leicht nervös, aber zügig Liegen und Geräte hervor, errichten einen Extra-Kontrollpunkt am Eingang, rufen Kollegen aus dem Feierabend an, klären Zuständigkeiten.

19.15 Uhr: Der erste Patient wird eingeliefert, leicht verletzt. Abfrage: Ansprechbar? Wo sind die Schmerzen? Name?

19.21 Uhr: Patientin, schwerer verletzt, Blutdruck? "Gleich", ruft eine Schwester: "140/ 75!"

19.30 Uhr: Patient, die Hände blutig, der Kopf in Schieflage, humpelt zu einem Seitenangang: Die von Terroristen angegriffene Fabrik liegt in der Nähe, solche "Selbsteinweisungen" sind im Ernstfall zu erwarten. Eine Pflegerin führt den Mann nach einem ersten Check ruhig, aber bestimmt in die Notaufnahme.

19.36 Uhr: Eine Frau - schreiend, weinend, Schmutz, Blut, Staub im Gesicht - wird von Rettungskräften auf einer Trage gebracht.

19.38: Ein, zwei, drei Verletzte kommen an. Sie alle sind Statisten, die verschiedenen Schweregrade können sie aber deshalb so gut simulieren, weil sie selbst als Sanitäter und Helfer tätig sind: Johanniter, DRK, Malteser, ASB.

19.41 Uhr: Insgesamt sind zehn Verletzte aus der Fabrik in der Klinik. Die Notaufnahme muss parallel noch 14 Männer und Frauen mit realen Verletzungen versorgen. Die Einsatzleiter der Übung haben sich erkundigt, ob dort womöglich zu viele tatsächliche Fälle liegen. Abwägungssache.

Cwojdzinski hat den Überblick

Den Überblick an diesem Abend behält Detlef Cwojdzinski, der 64 Jahre alte Notfallexperte der Senatsverwaltung für Gesundheit. Er sagt trocken: "Nun muss sich zeigen, wie gut die Abläufe einstudiert sind - und ob die Klinik genug Personal aus dem Feierabend holen kann." Cwojdzinski war schon bei der ersten Übung dieser Art 1985 dabei - ebenfalls im Behring-Krankenhaus. Dazwischen 198 weitere Übungen. Nun wird in der selben Klinik, die in den vergangenen Jahren allerdings umgebaut und aufgerüstet wurde, wieder geprobt. Laut Alarmplan muss sich das Krankenhaus in Alarmbereitschaft versetzen, das gilt zunächst für alle 38 Berliner Kliniken mit Rettungsstellen. Mediziner und Pflegekräfte werden zum Notdienst gerufen, Vorräte geklärt, der OP fertig gemacht.

Im Ernstfall - gerade bei einem Terrorakt - säße nun der Krisenstab des Senats, womöglich auch der Bundesregierung zusammen. In Berlin also Innensenator, Polizeiführung, Feuerwehrspitze, Gesundheitssenatorin, vielleicht Vertreter anderer Sicherheitsbehörden.

Nach dem Terroranschlag vom Breitscheidplatz im Jahr 2016 hat die Senatsverwaltung für Gesundheit für die Krisenvorsorge in den 38 "Aufnahmekrankenhäusern" noch mal eine Million Euro im Jahr bereitgestellt. Denn nach dem Breitscheidplatz-Anschlag des Islamisten Anis Amri waren in einigen Kliniken beispielsweise bestimmte OP-Utensilien knapp. Immerhin mussten damals fast 60 Männer und Frauen in wenigen Stunden versorgt werden. Und auch die Notfallübungen kosten Geld, es braucht Autos, die woanders fehlen, Personal, allerlei Utensilien für eine authentische Simulation.

2018 wurden 15 Notfallübungen durchgeführt

Vergangenes Jahr wurden 15 ähnliche Krankenhausübungen durchgeführt, in diesem Jahr bislang drei. Auch sogenannte "Second hit"-Szenarien werden geübt, also für einen zweiten Anschlag. Dann mit Polizisten, die in der Klinik im Einsatz sind. Hintergrund: Nach dem Anschlag 2016 war die Angst groß, dass der Tunesier Amri (oder ein Komplize) in der Nacht eine Folgeattacke starten könnte. Schließlich schlugen auch die "Bataclan"-Mörder aus Paris im Jahr zuvor mehrfach zu. Die Befürchtung der Berliner Anti-Terror-Experten: Ein Terrorist könnte unter den Verletzten sein, um in einer Klinik weiter zu morden.

Die "Verletzten" werden bei der Katastrophenschutzübung in Zehlendorf versorgt.
Die "Verletzten" werden bei der Katastrophenschutzübung in Zehlendorf versorgt.Foto: Kai-Uwe Heinrich

19.50 Uhr: Ein Problem in Zehlendorf? Offenbar sind viele Ärzte auf einem Kongress. Trotzdem gelingt es der Klinikleitung wohl, Mediziner von der Tagung zu holen. Das Bering-Haus füllt sich mit Personal. Zur gleichen Zeit immer mehr Verletzte.

19.55 Uhr: Frau mit Granatsplittern im Oberkörper. "Keine Allergien bekannt", ruft jemand, "los!" Der Katastrophenschutz-Beauftragte trifft ein, er war schon Zuhause. In 40 Minuten durch die halbe Stadt. Die Beobachter von Senat und Feuerwehr sind zufrieden. Überhaupt: Die Helios-Mitarbeiter müssen bei dieser Übung nicht tatsächlich Leben retten. Aber sie werden von 15 Fachleuten bei fast jedem Schritt beobachtet. Dauernd tragen die Beobachter Details in Listen. In den kommenden Wochen muss jede Entscheidung nachvollzogen und bewertet werden.

20.09 Uhr: Sanitäter schieben Verletzten auf Trage in den Flur. Der Mann hat einen epileptischen Anfall (er simuliert ihn zumindest gekonnt).

20.12 Uhr: Junge im Rollstuhl hereingeschoben. "Streifschuss Rumpf" lautet die einstudierte Diagnose. Die Ärzte erkennen sie.

20.14 Uhr: "Steckschuss in Thorax". Der Mann ist einer der sieben Patienten, die an diesem Abend als "Sichtungskategorie I", also lebensgefährlich verletzt eingestuft werden sollen. Und tatsächlich ruft jemand: "Denke, SK I!"

20.17 Uhr: Angehörige rennt panisch durch die Halle. Ein Arzt hält die Frau auf, sie schreit: "Lass mich, ich will zu meiner Schwester! Lass mich! Wo ist meine Schwester?"

20.24 Uhr: Bislang 25 der Terroropfer eingeliefert. Das Szenario sieht vor: 250 Verletzte, die auf alle verfügbaren Kliniken in der Nähe verteilt werden. Das Helios-Klinikum wird bewusst "arg beansprucht", heißt es von der Planung. Weitere Verletzte kommen.

20.26 Uhr: Die Klinik hat 132 Mitarbeiter aus der Freizeit mobilisiert. Übungsleiter Cwojdzinski sagt, mit 100 bis 130 habe man gerechnet. Die Aufgabe sei leicht übererfüllt worden.

20.40 Uhr: Der 32. Fall ist da - schwarzes Gesicht, blutig, bewusstlos. Stichflamme, Brandopfer, schließlich warfen die Attentäter ja Granaten. Im Foyer, am Extra-Kontrollpunkt, steht der Triage-Arzt. Der Fachmann entscheidet über die Schweregrade der Fälle. Er geht ruhig vor, jeder Griff sitzt, jede Anweisung ist deutlich. Nur Sekunden später kommt eine "SK 3", also eher leicht Verletzte. "Oberflächliche Gesichtswunden!"

20.55 Uhr: Schon 150 Mitarbeiter sind seit dem Alarm aus dem Feierabend angerückt. Neue Patienten kommen. Bis 21.05 Uhr wurden eingeliefert: 46 Verletzte, sieben davon lebensgefährlich, neun Personen schwer, 30 leicht. Bei Terrorattacken realistisch, sagen die Experten vor Ort, die Zahl der Schwerverletzten sei in solchen Lagen oft höher als bei Betriebsunfällen.

21.10 Uhr: Nach zwei rasanten Stunden äußert sich Gesundheitsstaatssekretär Martin Matz (SPD), der die Übung in den Gängen der Klinik vom Start an beobachtet hat: "Gut gelaufen, wirklich. Nun werden wir das auswerten - einige Details können sicher verbessert werden."

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Die Lage hatten die Pflegekräfte und Ärzte in Zehlendorf an diesem Abend jedenfalls im Griff.

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