Berlinale-Kolumne „Im Film“ : Die Kosslick-Romantiker haben Grund zum Spotten

Die neue Berlinale-Leitung wollte Arthouse, jetzt gibt es Arthouse, meckern manche. Tatsächlich gibt's schwere Kost. Die Berlinale-Kolumne für den dritten Tag.

Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor der Berlinale-Leitung.
Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor der Berlinale-Leitung.Foto: Christoph Soeder/dpa

Am besten an den Berlinale-Filmen ist der Vorspann. Ein goldener Regen geht auf die Zuschauer nieder, bevor der Bär funkelnd erscheint. Danach hagelt es im Programm meist Probleme. Kino ist eben politisch, erst recht in diesen Zeiten.

Die Berlinale ist eine Weltreise in zehn Tagen. Einige scheinen aber verpasst zu haben, ins Reisebüro zu gehen – die Kassen sind in den ersten Tagen auffällig leer. „Die neue Leitung wollte ja Arthouse-Kino, nun haben sie Arthouse“, spottet einer der vielen Kosslick-Romantiker nach einer Premiere. Berlin ist die einzige Stadt der Welt, in der man fürs Meckern bezahlt wird. Das Berlinale-Programm scheint sich der Düsterkeit anzupassen. Ein echtes Publikumsfest.

Ich habe mich erstmal bei einem Animationsfilm entspannt, in dem es um Magie geht. Die Helden von „Onward“ sind zwei Brüder mit blauen Haaren und einem Zauberstab, die ihren toten Vater noch einmal für einen Tag zurück in die Zukunft hexen wollen. Leider misslingt der Zauberspruch, und der Vater ist nur halb wieder da, vom Bauchnabel abwärts. Eine Hauptrolle, die nur aus zwei Beinen besteht: Wie hätte ein echter Schauspieler das darstellen sollen? Irgendwann werden wir nur noch durch Animationen animiert.

Am Ende des Films habe ich trotzdem geweint. Das tue ich im Kino gerne. Gefühle zeigen für Menschen, die man gerade erst kennengelernt hat – wo geht das sonst schon?

Kein Geld für die Berlinale

Darius stellt seine Krücke an einem Mülleimer ab und pinkelt an die Bushaltestelle. Der 51-Jährige ist einer der Obdachlosen am Potsdamer Platz. Seit fünf Jahren lebt der Pole in Berlin auf der Straße; meist sitzt er mit ein paar anderen Männern am U-Bahn-Eingang auf den Steinen.

In seinem früheren Leben hatte Darius noch ein gesundes Bein, er hatte eine Familie und eine Videothek. „Ich liebe Filme“, sagt er und lächelt. Aber Berlinale? Dafür hat er kein Geld. Er hat nicht mal welches für eine Krankenversicherung. Das Filmfest bringt Darius auch Probleme.

Eigentlich sitzt er tagsüber oft in den Cafés der Umgebung, um sich aufzuwärmen, „aber jetzt ist da überall Security“. Ob er irgendwann wieder zurück will in seine alte Heimat? „Meine Frau hat mit den Kindern eine neue Familie.“
Darius weint.

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