Berliner Bildungspolitik : Doch kein Zuschlag für Lehrer im sozialen Brennpunkt?

Rot-Rot-Grün wollte Lehrer an Brennpunktschulen besser bezahlen. Nun sollen sie wohl stattdessen mehr Freizeit erhalten - was neue Probleme bringt.

Starker Einsatz. An Schulen im sozialen Brennpunkt sind die Anforderungen an die Lehrer besonders hoch. Hier ein Archivbild von einem Musikprojekt an der Nürtingen-Grundschule in Kreuzberg.
Starker Einsatz. An Schulen im sozialen Brennpunkt sind die Anforderungen an die Lehrer besonders hoch. Hier ein Archivbild von...Foto: Thilo Rückeis

Mit dem Geldsegen wird es wohl nichts: Ein paar Monate lang konnten sich Lehrer an Berliner Brennpunktschulen auf ein paar hundert Euro zusätzlich pro Monat freuen. So hatten es die rot-rot-grünen Bildungspolitiker im November angekündigt. Jetzt könnte es stattdessen auf eine pauschale Arbeitsentlastung hinauslaufen. Am Mittwoch will der Senat mit den Fraktionen die Möglichkeiten durchspielen.

Das Ganze ist erstmal ein Rechenexempel: Je 8,6 Millionen Euro stehen im Doppelhaushalt 2018/19 bereit – auf Initiative der bildungspolitischen Sprecherin der SPD- Fraktion, Maja Lasic. Das Ziel: Mehr Wertschätzung für Lehrer im Brennpunkt demonstrieren und zugleich einen Anreiz dafür geben, dass Pädagogen an die betreffenden Schulen gehen. Von Anfang an war nicht ganz klar, was monatlich herauskommen könnte. Von rund 300 Euro war im November die Rede gewesen. Um das genau zu klären, musste entschieden werden, ab welchem Grad von Armut Schulen profitieren sollten.

Schon diese Frage ist schwer zu beantworten. So umfasst das Bonusprogramm des Landes alle Schulen, in denen die Hälfte der Familien und mehr von Sozialtransfers leben. In diese Kategorie fallen aber mehr als 250 Schulen mit geschätzt 7500 Vollzeitlehrern. Wollte man die 8,6 Millionen auf sie verteilen, blieben pro Monat und Lehrer nur rund 100 Euro übrig: ein schwacher Trost angesichts der aufreibenden Arbeit.

300 Euro pro Monat, hieß es zunächst

Im Bonusprogramm gibt es allerdings noch eine andere Kategorie. Das sind die rund 80 Schulen mit 75 Prozent armen Kindern. Würde man nur hier eine Zulage zahlen, kämen die ins Auge gefassten rund 300 Euro heraus. Netto blieben weniger als 200 Euro übrig. Reicht das? Wenn nicht, müsste man eine noch höhere Quote an Sozialtransferempfängern als Grenze für die Zulage festsetzen. Das ist wohl nicht geplant. Geplant ist aber laut Lasic, dass die Berufsschulen nicht dabei sein sollen - selbst wenn sie über der 75-Prozent-Quote liegen.

Die Berufsschulen profitieren nicht

Das Problem liegt aber nicht nur darin, dass ein Großteil der Brennpunktschulen außen vor bliebe. Vielmehr gab es frühzeitig auch tarifrechtliche Bedenken, die von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vorgetragen wurden: Sie bezweifelt, dass diese Zulage in der Tarifgemeinschaft der Länder durchsetzbar wäre. Allerdings liegt Lasic dazu ein Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Abgeordnetenhauses vor, wie sie auf Anfrage mitteilte. Das Ergebnis: Die Zulage sei machbar, „allerdings wäre ein Trick nötig“, so die Weddinger Sozialdemokratin.

Inzwischen scheint der „Trick“ entbehrlich zu sein, denn das Pendel schlägt Richtung Entlastung: „Der Landeslehrerausschuss hat uns mitgeteilt, dass vielen Lehrern eine Stundenermäßigung wichtiger wäre als mehr Geld“, berichtet Lasic. Dies entspräche auch dem, was die GEW von Anfang an empfohlen hatte, wie Vorstandsmitglied Nuri Kiefer betont. Auch Schulleiter hatten sich in dieser Richtung geäußert.

Erzieher würden weiter abgehängt

Hinzu kommt noch ein weiteres Problem, das gegen die Zulage spricht: Die Erzieher und Sozialarbeiter im Ganztagsbetrieb fühlen sich zurückgesetzt. Sie verdienen rund 2000 Euro pro Monat weniger als Lehrer. Eine einseitige Lehrer-Zulage würde die Lücke weiter vergrößern – und den Frust damit auch. Denn die pädagogischen Mitarbeiter im Brennpunkt haben mit den sozialen Problemen ebenso zu tun wie die Lehrer, nur dass sie sich – im Schichtdienst – von sechs bis 18 Uhr noch um viele andere Facetten von Armut kümmern müssen.

„Auch die guten Taten wollen wohl überlegt sein“, kommentiert denn auch GEW-Tarifexperte Udo Mertens den tarifrechtlichen Konflikt mitsamt dem absehbaren Unmut der anderen Beschäftigten.

Lasic macht keinen Hehl daraus, dass „unser Fokus in diesem Haushalt auf den Lehrern lag“. Im nächsten Doppelhaushalt werde es um die Erzieher gehen.

Die Fokussierung hat Gründe: Zwar werden auch Erzieher knapp, aber der Lehrermangel ist seit 2014 eklatant und hat inzwischen extreme Ausmaße angenommen, wie die 40-prozentige Quereinsteigerquote bei Neueinstellungen zeigt; je nach Bezirk und Schulart steigt die Quote sogar auf 70 Prozent.

Die Konsequenz: noch mehr Quereinsteiger

Umso schwerer wiegt allerdings, dass die angedachte Entlastung den Mangel noch verstärken würde: Denn jede Stunde, die erlassen wird, müsste tendenziell durch einen Quereinsteiger ersetzt werden. Grob geschätzt würde – bei nur einer Stunde Entlastung – eine zusätzliche Lücke von rund 100 Lehrern gerissen, von der noch nicht klar ist, wie man sie stopfen könnte. Klar ist nur, dass schon jetzt überproportional viele Quereinsteiger in Brennpunkten arbeiten. Und dennoch konnten nicht alle freien Stellen besetzt werden: Von den aktuell rund 320 unbesetzten Stellen dürften vor allem Brennpunktschulen betroffen sein.

Dennoch hält es nicht nur die GEW, sondern auch der Verband Bildung und Erziehung (VBE) für richtig, statt der Zulage auf die Stundenermäßigung zu setzen. Die Kollegen seien so überlastet, dass immer mehr von ihnen auf Teilzeit gingen: „Zusätzliches Geld würde sie kaum reizen“, vermutet die VBE-Vorsitzende Heidrun Quandt. Nuri Kiefer von der GEW hält es für die beste Lösung, wenn man den Brennpunktschulen einen Stundenpool geben würde, aus dem sie vor allem Klassenleiter entlasten könnten.

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