Berliner Brennpunktschulen : Forscher wollen Quote für Quereinsteiger

Immer stärker ballen sich die beruflichen Neulinge an Brennpunkt-Grundschulen. Politik und Wissenschaft suchen Auswege.

Am Montag beginnt das neue Schuljahr in Berlin.
Am Montag beginnt das neue Schuljahr in Berlin.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Die qualitative Entmischung der Berliner Schulen schreitet voran: Innerhalb von nur zwei Jahren hat sich der Quereinsteigeranteil an Berliner Brennpunkt-Grundschulen mehr als verdoppelt und ist damit um 150 Prozent größer als im bürgerlichen Milieu. Dies belegt eine wissenschaftliche Untersuchung, die dem Tagesspiegel vorliegt.

Betrachtet wurden Schulen mit mehr als 80 Prozent und weniger als 20 Prozent Kindern aus Sozialtransferfamilien. Vor zwei Jahren lag ihr Quereinsteigeranteil bei 6,7 beziehungsweise 3,1 Prozent. Inzwischen sind es 14 Prozent zu 5,5. Diese Entwicklung halten die involvierten Forscher, Dirk Richter von der Universität Potsdam und Dirk Zorn von der Bertelsmann Stiftung, für bedenklich, weil bei Quereinsteigern das fachdidaktische und pädagogisch-psychologische Wissen „signifikant schwächer“ ausgeprägt sei als bei regulären Lehrern. Daher raten sie dazu, die Lehrkräftezuweisung „stärker zu regulieren“.

Dafür unterbreiten sie drei Vorschläge. Zum einen könnte die Bildungsverwaltung die regulär ausgebildeten Lehrer Schulen „zuweisen“ und es nicht wie jetzt bei regionalen, also dezentralen Castings belassen. Zudem nennen sie die Möglichkeit einer „Quotenregelung“, bei der festgelegt wird, „wie viele Quereinsteiger maximal an einer Schule unterrichten dürfen“. Als Drittes sehen sie die Möglichkeit, auf freiwilliger Basis zu agieren und Lehrer mit der Zusage in den Brennpunkt zu locken, dass sie nur nach dem Besuch einer derart „herausfordernden“ Einrichtung ein Beförderungsamt bekommen könnten.

Der Anteil der Quereinsteiger an Grundschulen weist deutliche Unterschiede zwischen Brennpunktschulen und privilegierten auf.
Der Anteil der Quereinsteiger an Grundschulen weist deutliche Unterschiede zwischen Brennpunktschulen und privilegierten auf.Grafik: Tsp/Gitta Pieper-Meyer

Um plausibel zu machen, dass es ohne derart drastische Schritte nicht geht, rechnen Richter und Zorn vor, wie sich die von der Bildungsverwaltung gewählte vorsichtige Gangart auswirken könnte: Die Bildungsverwaltung hatte, um eine Quote zu vermeiden, lediglich die Vorschrift erlassen, dass jede Schule ein bis zwei Quereinsteiger einstellen müsse. Diese Vorschrift gilt seit dem neuen Schuljahr 2019/20. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass die Ungleichverteilung nicht ausreichend gedämpft würde. Sie würde sich zwar „verringern, jedoch bestünden weiterhin deutliche Unterschiede in der Lehrkräfteverteilung in Abhängigkeit des sozialen Hintergrunds der Schüler“.

Brennpunktzulage "ohne steuernde Wirkung"

Die Aufgabe, die Richter und Zorn stellen, bleibt relevant, weil die Zahl der Quereinsteiger weiterhin steigt. Das zeigen die Einstellungszahlen für das neue Schuljahr: Wie berichtet stehen 1650 Quer- und Seiteneinsteiger nur 1085 regulär ausgebildeten Lehrern gegenüber, und es ist nicht davon auszugehen, dass sie jetzt besser verteilt sind als vorher. Zwar gibt es seit einigen Monaten eine „Brennpunktzulage“ und damit verbunden die Hoffnung, dass Lehrer in den Brennpunkt gelockt werden könnten. Allerdings hatte Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) am Donnerstag auf Anfrage mitgeteilt, dass diese Zulage „keine steuernde Wirkung“ entfaltet habe. Richter und Zorn hatten schon 2018 gegen eine Brennpunktzulage argumentiert.

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Und wie steht es mit ihrem Quotenvorschlag? „Ein Großteil der Lehrer würde gehen“, befürchtet Dieter Haase, der Vizechef des Gesamtpersonalrates. Er plädiert eher dafür, die Pflichtstundenzahl für Lehrer im Brennpunkt zu senken, um die Arbeit dort attraktiver zu machen. Davon hatte allerdings Scheeres abgesehen, weil zur Kompensation weitere Lehrer gebraucht würden – die das Land schlicht nicht hat.

Ausgebildete Lehrer machen nur einen Teil der Einstellungen aus.
Ausgebildete Lehrer machen nur einen Teil der Einstellungen aus.Grafik: Tsp/Gitta Pieper-Meyer

Die bildungspolitische Sprecherin der Linken, Regina Kittler, plädiert wie Richter und Zorn für eine zentrale Vergabestelle: Die Castings würden ihren Zweck nicht immer erfüllen, mahnt Kittler. Zudem schlägt sie vor, alle offenen Stellen auf einer zentralen Homepage der Bildungsverwaltung zu veröffentlichen. Für nicht sinnvoll hält Kittler es, Beförderungsämter an eine vorherige Arbeit im Brennpunkt zu knüpfen, wie Richter und Zorn es vorschlagen.

Quer- und Seiteneinsteiger summieren sich auf rund 7000

„Das klingt wie früher in der DDR die ,Bewährung in der Produktion'“, moniert die Abgeordnete. Im übrigen blieben Beförderungsämter wie etwa Schulleiter- und Fachbereichsleiterstellen schon jetzt oftmals unbesetzt. Berlin könne es sich gar nicht leisten, Hürden vor diesen Ämtern aufzustellen.

Maja Lasic, die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, sagte auf Anfrage, sie trage „jede Linie der Verwaltung mit, die zum Ergebnis führt, dass alle Berliner Schulen sich an der Ausbildung der Quereinsteigenden beteiligen und die Verteilung der Quereinsteigenden unter den Bezirken gleichmäßiger wird.“ Die fehlende Verbeamtung sei nach wie vor Teil des Problems.

Die Zahl der Quereinsteiger unter den Neueinstellungen steigt seit Jahren an, drastisch passierte das erstmals 2014. Wenn man alle Quer- und Seiteneinsteiger, die seither ihre Arbeit in den Berliner Schulen aufgenommen haben, addiert, kommt man auf rund 7000. Schätzungsweise mehr als jeder fünfte Berliner Lehrer hat demnach kein Lehramtsstudium absolviert. In Berlin waren von den neu eingestellten Lehrkräften 2018 rund 60 Prozent Quer- und Seiteneinsteiger. Bundesweit lag dieser Wert viel niedriger, nämlich nur bei 13 Prozent.

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