Berliner Gründer - zurück in die 50er : Die Start-up-Szene hat ein Frauenproblem

Kinder, Küche, Kleider: Wenn es um die Rolle der Frau geht, sind Berliner Start-ups alles andere als fortschrittlich. Das muss sich ändern. Ein Essay

Franziska Holzfurtner
Wenn es um Frauen geht, hängt Berlins Start-up-Szene ziemlich abgeschmackten Geschlechterrollen an.
Wenn es um Frauen geht, hängt Berlins Start-up-Szene ziemlich abgeschmackten Geschlechterrollen an.Foto: iStock

Es ist nicht so, dass Frauen nie Thema gewesen wären in dem Start-up, in dem ich während meines Studiums jobbte. Im Gegenteil, immer wieder war von „der Susi im Office“, „unserer Fee“ oder, kurz und knapp, von „der Mausi“ die Rede. Es waren dann aber zumeist Männer, die über Frauen sprachen, nicht mit ihnen.

Denn obwohl die Produktpalette der Firma mit Big Data und Machine Learning die progressivsten Technologien umfasste, ging es bei der Rollenverteilung weiterhin zu wie in den 50er Jahren: Die Männer führten – Susi, Fee und Mausi führten aus. In den Verkaufsgesprächen mit unseren mittelständischen Kunden habe ich keine einzige Frau getroffen. Und das obwohl die potenziellen Anwender in den Unternehmen meistens Frauen waren.

Ein Zufall? Leider nein, wie ein Blick auf die Zahlen deutlich macht. Der Start-up-Monitor des Branchenverbands Bitkom zeigt: Der durchschnittliche Berliner Gründer ist 35,2 Jahre alt und männlichen Geschlechts. Lediglich 16 Prozent der Berliner Gründer sind weiblich. Gründe dafür gibt es viele.

Einer davon ist lange bekannt: Der Anteil weiblicher Absolventen in den innovationsträchtigen Mint-Fächern verharrt auf niedrigem Niveau. Andererseits sind nicht alle männlichen Gründer Ingenieure und Informatiker – in anderen häufigen Berufsabschlüssen wie Medizin oder Betriebswirtschaftslehre haben die Frauen längst aufgeholt.

Auch der sogenannte „Confidence-Gap“ könnte mitverantwortlich sein: Frauen würden ihre Fähigkeiten notorisch unterschätzen und sich deshalb keine Gründung zutrauen. Das wiederum könne möglicherweise sogar die Zahlen der Bitkom-Studie verfälschen, glaubt Claudia Gather, Professorin an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR). „Frauen halten ihre Unternehmen nicht für ,innovativ‘ genug, um sich bei einer Umfrage für Start-ups angesprochen zu fühlen.“

Eine Frage der Kultur

Vielleicht liegt es ja aber auch daran, dass in der Gründerszene, da kann sie sich so viele geometrische Tattoos stechen lassen, Ärmel hochkrempeln und offene Bürolandschaften schaffen, wie sie möchte, gar kein so progressives Klima herrscht, wie sie vorgibt. Im Bitkom-Monitor gibt zwar ein Großteil der männlichen Gründer an, sie wünschten sich mehr weibliche Bewerber. Aber nur wenige sind tatsächlich bereit, etwas dafür zu tun: Gerade mal 38 Prozent der von Männern geleiteten Start-ups fördern gezielt die so dringend benötigten weiblichen IT-Talente.

Hinzu tritt häufig eine Unternehmenskultur, die gar nicht auf die Existenz von Frauen ausgelegt ist. „Creative Minds“ in einer innovativen, ergebnisoffenen Atmosphäre sind manchmal erstaunlich hilflos, wenn plötzlich eine Software-Architektin eingestellt wird. Angesichts solcher Aussichten haben nur wenige Frauen Lust, zu Männerteams zu stoßen.

Selbst die reinen Frauen-Start-ups tun in vielen Fällen wenig dafür, Geschlechterrollen aufzubrechen. Die in Gründermagazinen hervorgehobenen weiblichen „Entrepreneurs“ geben sich allzu oft ziemlich rollenkonform: Kinder, Küche, Kleider.

Sicher ist nichts Falsches daran, einen hauptsächlich weiblichen Markt zu bedienen. Aber nur selten, wie im Fall des Vaginaltemperatur-Trackers „Trackle“, steckt dahinter wirklich eine Produktentwicklung oder technische Innovation (und „Trackle“ stammt übrigens aus Bonn, nicht Berlin). Und nur ganz wenige Frauen-Start-ups bedienen den Business-to-Business-Markt. Häufiger finden sich E-Commerce-Unternehmen, App-Versionen bestimmter Dienstleistungen oder soziale Plattformen, die sich wiederum an Segmente des weiblichen Publikums (etwa junge Mütter) richten.

Es ist nicht ganz klar, ob dies ein realistisches Bild ist oder die Selbstbeweihräucherungsportale der Start-up-Szene gezielt solche Unternehmerinnen heraussuchen und porträtieren. Beides wäre problematisch.

Der eigene Spielplatz

Die betroffenen Gründerinnen scheinen sich indes nicht gegen diese Darstellung zu wehren. Beispiel dafür sind die Managerinnen des Onlinehandels „Tausendkind“. In einem Interview mit der Plattform „Hauptstadtmutti.de“ schilderten sie vor einiger Zeit ihre Gründungsinspiration: „Weil immer mehr Freunde Kinder bekommen haben und wir auf der Suche nach schönen Geburtsgeschenken waren, die wir online nicht gefunden haben“. Zu viele Freundinnen und Geld. Die Geisel der Menschheit!

Ob Online-Doula-Vermittlung, Blumen-Abonnement, Schwangerschaftsyoga-App, digitale Handarbeitsschule oder die vielen Öko-Start-ups, die Produkte ohne Gluten, Plastik oder Sauerstoff herstellen: Ihre Zielgruppe sind Frauen, die es sich leisten können, sich hauptsächlich ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter zu widmen. Ebensolche stehen dann auch hinter diesen Unternehmen. Während die Kolleginnen in anderen Branchen froh wären, von den Medien mal nicht nach der Fortpflanzung gefragt zu werden, kokettieren sie damit, „Mama und Entrepreneur“ zu sein.

Sie wollen gar nicht zusammen mit den Männern da arbeiten, wo es um die Wurst geht, sie haben ihren eigenen Spielplatz. Der mag nicht so profitabel sein, aber er erlaubt einem, das zu praktizieren, was Feministinnen und Soziologinnen als „Intensive Mutterschaft“ bezeichnen: die in der Moderne aufgekommene Tendenz gerade besonders gebildeter Frauen, sich ganz auf die Mutteridentität zu reduzieren und extrem zeitaufwendigen Erziehungsphilosophien anzuhängen. Deren Umsetzung ist jedoch nur auf der Basis eines gewissen Wohlstands möglich. Das gilt umso mehr für Selbstständige, für die es im Gegensatz zu Angestellten keinen Mutterschutz gibt. Eine Firma neben der Familie zu leiten, sei es durch Integration der Mutterschaft in den Betrieb, sei es durch selbst organisierte Fremdbetreuung der Kinder, das ist in Deutschland tatsächlich Luxus.

Ohne Frage ist es wichtig, über Frauen in hoch innovativen Start-ups zu diskutieren. Aber das Getöse um die Start-ups lenkt letztlich von den Problemen durchschnittlicher Gründerinnen ab.
Das findet auch Professorin Gather. Sie forscht schon lange über Geschlechterbilder in der Wirtschaft und gründete gemeinsam mit ihren Mitstreiterinnen die Genossenschaft „Weiberwirtschaft“, die Unternehmerinnen in Berlin berät und Mikrokredite vergibt.

Aus ihrer 2017 für die Bundesregierung erstellten Expertise über Gleichstellung für Selbstständige geht hervor, dass viele Start-ups zum Problem eher noch beitragen. Ein beliebtes Geschäftsmodell dieser ist die Vermittlung von Dienstleistungen, beispielsweise Lieferservices, Handwerkern oder Reinigungskräften. Sie basieren zur Umgehung des Mindestlohns und der Sozialabgaben auf einem Scheinselbstständigen-System. Auch die verbreitete Nutzung von Crowdsourcing und Mikro-Jobs schaffen immer mehr Selbstständige in prekären Verhältnissen. Das betrifft natürlich auch Männer, Frauen sind dafür jedoch besonders verwundbar: Sie haben oft keine Angestellten, wenig Kapital und sind im Dienstleistungssektor tätig.

41 Prozent der Männer, aber nur 25 Prozent der Frauen leiten eine Firma mit Angestellten in Vollzeit-Selbstständigkeit, also das klassische mittelständige Unternehmen. Frauen sind viel häufiger solo-selbstständig im Haupterwerb oder im Zuerwerb ohne weiteres Einkommen. Frauen in Teilzeit-Selbstständigkeit arbeiten weniger Stunden als Männer in Teilzeit. Gemeinsam mit der Demografie – es sind eher jüngere verheiratete Frauen mit Kindern im Haushalt – ist dies ein wichtiger Hinweis darauf, dass Frauen

die Solo-Selbstständigkeit wählen, um ihren Erwerb besser mit Erziehungsarbeit vereinbaren zu können und nicht weil sie von Anfang an selbstständig sein wollten.

Kredite und Stolpersteine

Der geringere Verdienst, den diese Frauen in Kauf nehmen, ist drastisch: Durch die Branchen hindurch sind es fast 40 Prozent, und selbst in Branchen, in welchen sie eigentlich in der Überzahl sind, beispielsweise in den nicht-ärztlichen Gesundheitsberufen verdienen selbstständige Frauen 50 Prozent weniger als ihre männlichen Konkurrenten.

Außerdem haben ihre Unternehmen wesentlich weniger Kapital. Während 64 Prozent der Männer weniger als 5000 Euro Gründungskapital mitbringen, sind es bei den Frauen 80 Prozent. Das gefährdet die Überlebensfähigkeit dieser Unternehmen.

Professorin Gather vermutet, dies läge neben den unter Frauen recht häufigen Gründungen aus der Elternzeit heraus und dem branchenspezifisch geringeren Investitionsbedarf an den Strukturen. Mikrokredite über ein paar Tausend Euro würden von Banken meist nicht ausgestellt.

Außerdem seien die Förderprogramme weder an die neuen Geschäftsmodelle in Zeiten der Digitalisierung noch an das dienstleistungsorientierte Gründungsverhalten von Frauen angepasst: Der größte Finanzbedarf in der Startphase solcher Unternehmen liegt im Gegensatz zum klassischen mittelständischen Handwerksbetrieb weniger bei der Anschaffung von Unternehmensmasse, sondern bei der Lebensunterhaltssicherung der Gründerinnen, bis die Auftragslage das Unternehmen rentabel macht.

Die Bundesregierung pumpt mit großem Gestus Geld in die Start-ups. Im Endeffekt kauft sie mit Staatsgeldern Lottotickets für ein neues Google oder Spotify, obwohl die bürokratischen und technologischen Strukturen in Deutschland derlei ohnehin nicht selten effektiv im Keim ersticken. Gleichzeitig haben Selbstständige Schwierigkeiten, wenige Tausend Euro aufzubringen. Mikrokredit-Institute wie Goldrausch in Berlin oder Genossenschaften wie Weiberwirtschaft können das bisher nicht vollständig auffangen.

Dabei gibt es in Deutschland so viele Menschen mit Visionen und Tatendrang. „Oft“, sagt Gather, „ist das Motiv einer Unternehmensgründung gar nicht finanzieller Erfolg. Eine Altenpflegerin zum Beispiel, die sagt, sie hält es im Gesundheitssystem nicht mehr aus, sie will das besser machen, und die dann einen Pflegeservice gründet. Sie nennt sich nicht ,Social Entrepreneur‘. Die Regulierungen legen ihr Steine in den Weg, aber sie schafft es, dass sie am Ende Leistungen anbietet, mit denen sie sich besser fühlt und ihre Kunden auch.“

In dem ganzen Getöse um die Zahl der weiblichen Absolventen in Mint-Fächern und auf der Suche nach dem nächsten „Einhorn“ spielt sie aber keine Rolle. Dabei bräuchten viele weibliche Unternehmerinnen gar keine disruptive Idee und auch keinen „Smart-Workplace“ mit Bällchenbad, Protein-Bar und Mitarbeiter-„Gym“, sondern lediglich ein verlässliches soziales und finanzielles Sicherheitsnetz.

Dieser Artikel erschien auf der wöchentlichen Sonderseite "Berliner Wirtschaft". Folgen Sie uns auf Twitter für Updates: @BRLNRwirtschaft

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