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Evoléna de Wilde d’Estmael und Ali Nezamolmalek haben zusammen Faircado gegründet.

© Mario Heller

Plattform für Secondhand-Mode: Faircado will das „System hacken“

Die Bundesregierung hat 32 Firmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft ausgezeichnet. Das Berliner Start-up Faircado ist darunter.

Von Lena Toschke

„Action is my response to fear.“ Handeln ist ihre Antwort auf Angst. So fasst Evoléna de Wilde d’Estmael, Mitgründerin des digitalen Secondhand-Start-ups Faircado, ihre Einstellung zusammen. Vor zwei Monaten auf den Markt gebracht, hat Faircado gestern die Kultur- und Kreativpilot:innen-Auszeichnung der Bundesregierung erhalten. Die Auszeichnung wird jährlich an 32 Unternehmen aus der Kultur- und Kreativwirtschaft vergeben.

Mut zur Veränderung zu zeigen – in Zeiten von Klimakrise und Co. –, das falle auch ihr manchmal schwer, so de Wilde. Aber: „Handeln ist immer ein guter Ausweg aus diesem Gefühl der Ohnmacht, dass wir eh nichts bewirken können. Denn das ist nicht wahr.“

Diese positive Art überträgt sich, trotz weißem Zoom-Hintergrund. Ob wir uns duzen könnten, fragt de Wilde unmittelbar nach Betreten des virtuellen Raumes mit leichtem Akzent, bevor wir auf Englisch umsteigen. Und erzählt anschließend davon, wie ihr bereits als Zwölfjährige, beim Gucken des Dokumentarfilms „Eine unbequeme Wahrheit“, bewusst geworden sei, dass „alles, wovon ich dachte, dass es ewig bestehen würde – die Natur, die Tiere, die Menschen – einer großen Gefahr des Aussterbens und der Zerstörung ausgesetzt sind.“

Der Film war kein Zufall. „Ich wurde tatsächlich in eine Familie hineingeboren, die sehr sozial engagiert und politisch aktiv war, das hatte von klein auf einen großen Einfluss auf mich“, erzählt de Wilde. „Meine Mutter ist Künstlerin und Lehrerin und mein Vater setzt sich viel für umweltfreundlichen Verkehr und nachhaltiges Bauen ein. Sie haben mir und meinen beiden Brüdern beigebracht, wie wichtig es ist, seine Meinung zu äußern und sich für seine Werte einzusetzen.“ Was für sie vor allem Freiheit, Gleichheit und Nachhaltigkeit seien.

Beflügelt durch die Berliner Startup-Szene

Schnell begann sie, sich für Nachhaltigkeit an ihrer Schule und in ihrer Heimatstadt Brüssel einzusetzen. „Ich war sehr neugierig, und diese Neugier hat mich wirklich dazu gebracht, alles verstehen zu wollen: die Politik, den Planeten und die Menschen. Deshalb habe ich schließlich Kommunikations- und Europawissenschaften studiert, auch weil ich mich sehr für die EU interessierte – dieses politische Konstrukt, das einem Kontinent, der sich immer im Krieg befand, Frieden brachte.“ Während ihres Bachelor- und Masterstudiums an der Universität Louvain engagierte sie sich als Studierendenvertreterin für nachhaltige und integrative Bildung.

Es sei ihr Plan gewesen, in die Politik zu gehen. Bis es sehr konkret wurde und sie mehrere Job-Angebote bekam, um der – wie sie es nennt – „EU-Bubble“ beizutreten. „Da erst wurde mir klar: Es gibt noch so vieles, wovon ich nichts weiß. Ich war 23, voller Energie, Ehrgeiz und Veränderungswillen, und hatte das Gefühl, es war noch nicht der richtige Zeitpunkt“, erzählt die heute 29-Jährige rückblickend.

Evoléna de Wilde d’Estmael wuchs in Brüssel auf. Für Nachhaltigkeit hat sie sich schon in der Schule interessiert.

© Lisa Maria Pippus

Also zog sie nach Berlin, für ein Praktikum bei einem Start-up. Es sollten eigentlich nur ein paar Monate sein. „Aber ich habe mich in die Startup-Welt verliebt, in die Freiheit und die Verantwortung, die damit einhergehen. Und ich habe gemerkt, dass dieser kleine Teil des Arbeitsmarkts ein riesiges Potenzial für gesellschaftliche Veränderungen birgt“, sagt de Wilde.

Erste Schritte als Unternehmerin

Dann kam die Pandemie. „Mir fehlte der Sinn hinter dem, was ich tat. Mir fehlte die große Vision, das Gefühl, wirklich nützlich für die Gesellschaft zu sein.“ Doch sie unternahm etwas dagegen – indem sie an einem Coaching sowie einem Kurs zum Thema „Business and Impact Planning for Social Enterprises“ am MIT teilnahm und begann, sich als Klimaaktivistin auf europäischer Ebene zu engagieren. Alles, um „einen Schritt zurückzutreten und meine Werte neu zu kalibrieren“. Zusammen mit zwei Freundinnen gründete sie anschließend die gemeinnützige Organisation Solidartsy, um Künstlerinnen durch Marketing- und Geschäftsberatung zu empowern. „Das hat mir erst das Selbstvertrauen gegeben, mein eigenes Startup zu gründen, obwohl ich nie dachte, dass ich einmal Unternehmerin werde.“

Gemeinsam mit einem Freund und ehemaligen Kollegen, Ali Nezamolmaleki, begann sie 2021 schließlich mit der Entwicklung von Faircado, einer Secondhand-Vergleichsplattform in Form einer Browser-Erweiterung. Durch die Bündelung der Angebote von rund fünf Millionen Produkten von über 35 Plattformen aus Deutschland und der Welt soll Faircado das Secondhand-Shoppen erleichtern. Künstliche Intelligenz (KI) spielt dabei eine wesentliche Rolle, indem sie die Unmengen von Daten analysiert, auf deren Grundlage die Secondhand-Angebote für das gesuchte Produkt zusammengestellt werden. Auch werde die KI zukünftig in der Lage sein, Bilder zu erkennen, um die Secondhand-Optionen eines beliebigen Produkts zu finden. Oder andersherum: Informationen aus einem Bild zu extrahieren, falls der:die Nutzer:in das Produkt online verkaufen wolle, so de Wilde.

In Zeiten von Amazon Prime, Gorillaz und Tinder, in denen Technologie es uns ermöglicht, alles, was wir wollen, per Knopfdruck nach Hause zu bekommen, müssen wir auch Secondhand-Shopping ins 21. Jahrhundert holen.

Evoléna de Wilde d’Estmael, Mitgründerin von Faircado

„Wir dachten uns: In Zeiten von Amazon Prime, Gorillaz und Tinder, in denen Technologie es uns ermöglicht, alles, was wir wollen, per Knopfdruck nach Hause zu bekommen, müssen wir auch Secondhand-Shopping ins 21. Jahrhundert holen“, sagt de Wilde. Secondhand zur ersten Wahl machen, lautet das Motto. „Was nicht bedeutet, dass man nichts Neues mehr kaufen sollte – es bedeutet nur, bewusster zu konsumieren und zu schauen: Gibt es das, was ich brauche, vielleicht auch gebraucht. Denn wir alle stimmen jeden Tag mit unserem Geld ab.” 

Nachhaltiger Konsum durch Kreislaufwirtschaft

Mittlerweile hat Faircado sechs Mitarbeiter:innen sechs verschiedener Nationalitäten und fünf Praktikant:innen. „Wir achten sehr auf Diversität, Geschlechtergerechtigkeit, Fairness und Respekt“, sagt de Wilde. So hätten sie für Faircado beispielsweise auch gezielt weibliche Investor:innen angeworben – deren Quote liege bei fast 50 Prozent, im Vergleich zu den durchschnittlichen 15 Prozent.

Doch im Kern gehe es um Nachhaltigkeit und darum, „das System zu hacken“. „Wir kaufen, wir benutzen und wir werfen weg. Diesen Kreis müssen wir schließen“, so de Wilde. „Denn was wir brauchen, sind ein Systemwechsel und eine gemeinwohlorientierte, ressourcenschonende Wirtschaft, die nicht nur auf Profit basiert.“ So wie sie die EU mit dem European Green Deal und dem Circular Economy Action Plan anstrebe. Dass ihr eigenes Start-up Gewinn erziele und damit ebenfalls Profit mache, sei für sie kein Widerspruch, so de Wilde.

„Wir haben alle das gleiche Ziel: Wir wollen sicherstellen, dass unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft innerhalb der Grenzen unseres Planeten funktioniert“, so de Wilde. „Und vor allem haben wir verstanden, dass wir uns gegenseitig unterstützen müssen, wenn wir unsere Gesellschaft gleichberechtigter und nachhaltiger gestalten wollen.“ Keine leichte Aufgabe. Aber auch, wenn sie dabei so gut wie jeden Tag ihre Komfortzone verlassen müsse; für sie sei es „der beste Job der Welt“.

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