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Eine Gruppe von Weihnachtsmännern mit Rauschebärten und rot-weißen Mänteln.

© dpa/HANNIBAL HANSCHKE

Berlins Weihnachtsmännern geht der Nachwuchs aus: „Dann bekommen Familien an Heiligabend bald keine Bescherung mehr“

Vollversammlung vor dem Brandenburger Tor: Berlins Weihnachtspersonal verteilt am Sonntag Geschenke – und will auf den Personalnotstand aufmerksam machen. Ist Heiligabend in Gefahr?

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Ob die abgeklärten Berliner Kids heutzutage denn überhaupt noch an ihn glauben? „Natürlich“, sagt Andreas Penski, Oberweihnachtsmann von Berlin. Viel habe sich verändert in den vergangenen 30 Jahren, aber eines nicht: Berlins Kinder stehen fest im Glauben.

Seit drei Jahrzehnten mimt Penski den Weihnachtsmann, lässt sich buchen von Familien für die Bescherung an Heiligabend. Aber er warnt: „Wir haben ein Nachwuchsproblem“, sagt der 62-jährige Berliner. Früher war der Job attraktiv für Studierende, doch seit der Studienreform, der Umstellung auf Bachelor und Master und der damit einhergehenden Verdichtung der Studienzeit ist die Zahl der Interessenten gesunken. „Mehr als ein steter Nebenjob ist bei den meisten nicht mehr drin“, sagt Penski. Es herrscht Personalmangel.

Ein paar Weihnachts-Skills sollten Interessierte haben

2017 stellte das Studierendenwerk dann die Vermittlung ein, private Agenturen übernahmen. Sie heißen Weihnachtsmann2go, Weihnachtsmannwerk – oder eben Berliner Weihnachtsmannzentrale, wo Penski den raren Nachwuchs schult. Der sollte ein Mindestmaß an Weihnachts-Skills haben: ein paar Lieder und Geschichten kennen sowie die Grundunterschiede zwischen Santa Claus, Nikolaus und Väterchen Frost.

Oberweihnachtsmann Andreas Penski in Dienstuniform.

© privat

Frauen dürfen sich nur als Engel bewerben

Aktuell kämen sie gerade noch so hin, alle Anfragen abzudecken. Doch es werde jedes Jahr enger, der Altersdurchschnitt steige stetig. Können sich denn auch Frauen bewerben? „Ja“, sagt Penski, allerdings nur als Engel. Und die wiederum arbeiten nur als Duo mit dem Weihnachtsmann, denn man habe in der Vergangenheit unangenehme Erfahrungen gemacht. „Da wollten sich dann betrunkene Männergruppen einen Engel buchen“, berichtet Penski, „das geht natürlich nicht.“

Den Weihnachtsmann gibt es ab 65 Euro, mit im Paket ist ein Vorgespräch mit den Eltern. Da geht es einerseits um Logistik – wo stehen die Geschenke, die der Weihnachtsmann dann in seinen Sack packen soll, Ort, Uhrzeit, Anzahl der Kinder. Aber auch: Haben die lieben Kleinen sich halbwegs ordentlich benommen? Zimmer aufgeräumt, ihre Geschwister nicht gehauen? Vor allem wolle er aber Positives über die Kinder hören und ihnen spiegeln, zum Beispiel wenn sie ihr Seepferdchen geschafft oder einen Preis gewonnen haben.

Vor Ort dann dieser Moment, den Penski jedes Jahr neu genießt, auch wenn es abgedroschen klingen mag: „Die Augen der Kinder leuchten“, wenn er hereinkomme. Dann ziehe er sein Programm durch. Singen, loben, ein bisschen das unaufgeräumte Zimmer ansprechen: „Versuchst du es nächstes Jahr einfach besser, was meinst du?“, fragt er dann. Klar, sagen die Kinder, wer will schon dem Weihnachtsmann einen Wunsch abschlagen.

Sein schönstes Erlebnis: Vor Jahren bescherte er eine Berliner Familie, mit dabei eine offenbar demente ältere Frau. Immer wieder sei sie aufgestanden und zur Tür gelaufen, immer wieder habe ein Familienmitglied sie zurück zum Sofa geführt. „Ignorieren Sie sie einfach“, habe man ihm zugeraunt. „Dann bin ich zu ihr gegangen und habe ihr ein Geschenk überreicht“, erzählt Penski. Sie habe ihm lange in die Augen gesehen und dann gesagt: „Der Weihnachtsmann!“. Das habe ihn sehr berührt, „dieser alten Frau einen klaren Moment geschenkt zu haben“.

Acht bis zwölf Bescherungen zieht ein Weihnachtsmann an Heiligabend durch, doch auch vorher gibt es Arbeit: Penski und seine Kollegen gehen in der Adventszeit auch in Kitas oder Pflegeheime, auf Firmenfeiern oder in Krankenhäuser.

An diesem Sonntag versammeln sich Berlins Weihnachtsmänner und Engel vor dem Brandenburger Tor. Um 14 Uhr geht das rot-weiße Spektakel unter der Tanne auf dem Pariser Platz los mit „Kleiderappell, Einstimmung auf Weihnachten, Singen“. Auch Geschenke für „kleine und große Kinder“ sind angekündigt.

Penskis Hoffnung: Durch die Aufmerksamkeit neues Personal zu generieren. „Verwitwete Männer etwa“, meint Penski, die Heiligabend sonst allein zu Hause herumsäßen. „Sonst bekommen Familien an Heiligabend bald keine Bescherung mehr.“

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