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Ein Bier, das nicht nur schmeckt, sondern auch Gutes tut.

© Quartiermeister

Tagesspiegel Plus

Bier trinken für soziale Projekte: So unterstützen die Berliner „Quartiermeister“ den Kiez

Bio-Rotbier oder Radler Naturtrüb? Alles für den guten Zweck: Seit 2010 setzt sich der Verein aus Kreuzberg für eine gerechte Wirtschaft ein.

Eine Brauerei stellt man sich anders vor, mit Sudkesseln und Hopfenduft, und denkt kaum an eine Büroetage in dritten Hinterhof des Gewerbehofs in der Kreuzberger Oranienstraße – einen Steinwurf vom Heinrichplatz entfernt. Aber anders zu sein, genau so soll es sein bei der Brauerei Quartiermeister, erläutert Annika Brümmer die Philosophie der ersten gemeinwohlbilanzierten Biermarke Deutschlands.

Das Unternehmen setze sich für eine „gerechte Wirtschaft zum Wohle aller ein“, sagt Brümmer. Sie ist eine rothaarige, lebhafte Frau und bei Quartiermeister für das Marketing zuständig. Im Namen des Unternehmens schwingt schon mit, dass es sich mit den zwölf Mitarbeiter*innen der lokalen und regionalen Verankerung verschrieben hat.

„Wir sind kein normales Startup von der Stange“, sagt Quartiermeisterin Annika Brümmer.

© Quartiermeister

Sechs Biersorten werden für das Unternehmen gebraut – seit 2017 sind auch die Etiketten streng gegendert. Es ist kein Zufall, dass das malzige Bio-Rotbier das Bild der langjährigen Kreuzberger Polit-Aktivistin Ariane ziert.

Die ehemalige Hausbesetzerin arbeitet seit 20 Jahren in der Kreuzberger Kneipe „Zum Franziskaner“, zu der ein gleichnamiger Fußballverein gehört. Sowohl Verein als auch Kneipe treten für ein solidarisches nachbarschaftliches Miteinander ein und sprechen sich klar gegen jegliche Form von Rassismus, Nationalismus, Sexismus und Homophobie aus.

Oder dass Talu Tüntas auf dem Etikett des „Radler Naturtrübs“ zu sehen ist. Der kümmert sich ehrenamtlich um die Betreuung von Jugendlichen und Kindern, betreibt auf dem Tempelhofer Feld eine Selbsthilfewerkstatt und dort nebenbei ein Windrad mit aufgebaut. Echte Quartiermeister*innen also.

Das Bier wird in der Oberlausitz und bei München gebraut

Als alles anfing, mit einer Vereinsgründung 2010, „wusste keiner, wie man Bier braut“. Nur die Idee zählte. Vier Jahre später, als man in die Produktion einstieg, war es schon ganz anders.

Um Transport- und Lieferwege möglichst kurz zu halten und regionale Rohstoffe zu verwenden, wird das Bier für Ostdeutschland in der familiengeführten Stadtbrauerei Wittichenau in der Oberlausitz und für den Süden durch die Genossenschaftsbrauerei Gut Forsting bei München produziert.

Bei der Herstellung achtet Quartiermeister auf ökologisch produzierte Rohstoffe und umweltfreundliche Produktionsbedingungen sowie Ökostrom. Die Brau-Fachleute, darunter der ehemalige Braumeister der Craft-Brauerei Stone Brewing, Thomas Tyrell, sorgen für höchste Genuss-Ansprüche. Das hopfig-fruchtige Bio-Pils wurde vom italienischen Brau-Ingenieur Matteo entwickelt.

Ob Rotpils oder Radler – hauptsache, ökologisch produziert.

© Max Kissler

Die Umsatzkurve ging über die Jahre steil nach oben. Inzwischen finden sich die Quartiermeister*in-Biere überall in Bio-Märkten, in Spätis und zunehmend auch in Rewe- oder Edeka-Supermärkten. Man sich die Biere aber auch direkt liefern lassen.

Als kleine, nicht deutschland-weit vertriebene Marke habe man es aber bei den Lebensmittel-Giganten sehr schwer, sagt Annika Brümmer. Sie ist in Hamburg geboren, studierte nach einer Ausbildung zur Medienkauffrau noch Wirtschaftspsychologie und machte einen Master nachhaltigem Ressourcenmanagement. Seit acht Jahren lebt sie in Berlin und hat sich längst die burschikos-direkte Berliner Ausdrucksweise angewöhnt.

Begeisterungsfähig und hartnäckig für die eigene Vision zu sein, das habe Quartiermeister vorangebracht. „Wir sind kein normales Startup von der Stange und mit Business-Plan“, erzählt Annika Brümmer: „Wir setzen uns für eine gerechte Wirtschaft zum Wohle aller ein.“

Zehn Cent pro Liter geht an soziale Initiativen

Der Erfolg des Biers mit sozialer Verantwortung ist messbar – und kommt auch anderen Menschen zugute. Seit dem Start werden durch die Verkaufserlöse soziale und kulturelle Projekte in der Nachbarschaft gefördert. Pro verkauftem Liter Bier werden zehn Cent gespendet. Im Jahr kamen so rund 50.000 Euro zusammen.

Bewerben um die Gelder können sich Initiativen und Projekte. Die rund 120 Vereinsmitgliedern entscheiden gemeinsam mit all jenen, die online mit abstimmen. Bald soll es auch noch eine gemeinnützige Stiftung geben, die die Markenrechte übernimmt, und damit die Unabhängigkeit sichert.

Gefördert wurde im vergangenen Jahr etwa das Skatemobil der „Spreewölfe“, bei denen Kinder das Inlineskaten lernen und zugleich gesellschaftliche Teilhabe erfahren. Die Frauen aus dem Bundesliga-Skaterhockey-Team der „Spreewölfe“ sorgen insbesondere für das Empowerment von Mädchen. Das Skatemobil kooperiert mit bezirklichen Quartiermanagements und Einrichtungen für Geflüchtete.

Auch das ehrenamtliche Urban-Gardening-Projekt „Wilde 17“ in Mitte erhielt Unterstützung, um die Kosten für das Gelände zu stemmen. Mit 2000 Euro wurden zudem das interdisziplinäre Festival „114 über Marzahn“ auf den Ahrensfelder Bergen unterstützt, sowie das „Zero Waste Label“, das den verpackungsfreien Einkauf propagiert. Und die Initiative „Back on track“, die über 150 Kinder aus geflüchteten Familien mit gezieltem Unterricht fit für eine erfolgreiche Schullaufbahn macht, erhielt Geld für die Einrichtung von Seminarräumen.

Über alle Projekte erfährt man mehr auf der Webseite der Quartiermeister*innen. Transparenz auf allen Ebenen ist ihnen wichtig – auch was die eigenen Geschäfte angeht. Alle drei Monate werden die Einnahmen, Ausgaben und Gehälter veröffentlicht. Außerdem unterzieht sich das Unternehmen als einziger Betrieb der Branche einer Gemeinwohlökonomie-Zertifizierung.

Dabei werden alle Faktoren von ökologischer Nachhaltigkeit, sozialer Gerechtigkeit, innerbetrieblicher Demokratie, Arbeitsplatzqualität und Gleichstellung sowie einer gerechten Einkommensverteilung überprüft. „Wir postulieren eine Wirtschaftsordnung jenseits von Profitmaximierung, Ausbeutung und Wachstumszwang“, heißt es auf der Webseite über die Vision der Bierbrauer*innen.

Hoffnung auf das nächste Kiez-Sommerfest

Natürlich ist das Corona-Jahr auch nicht an Quartiermeister spurlos vorbei gegangenen. Die meisten Mitarbeiter*innen sind seit einem Jahr in Kurzarbeit. Erstmals ging durch die Schließung der Gastronomie auch der Umsatz zurück.

Aber Annika Brümmer ist optimistisch gestimmt, auch weil die Vereinsmitglieder sich einbringen. So gibt es etwa eine virtuelle Kneipe, in der man sich trifft, um miteinander im Gespräch zu bleiben. Brümmer hofft trotzdem auf andere Zeiten und reale Nachbarschaft – wie beim Sommerfest 2019 im Gewerbehofs in der Oranienstraße, als die Vereinsmitglieder, die Beschäftigten und viele Initiativen aus dem Kiez zusammen feierten.  

Gute Laune, Sonne und gemeinsam Bier trinken: Darauf freut sich das Team wieder nach der Pandemie.

© Quartiermeister

Ist das nicht etwas merkwürdig, die Kombination aus sozialer Verantwortung und dem Verkauf von Alkohol? Die Quartiermeister gestehen zu, dass die Verbindung nicht ganz widerspruchsfrei ist. „Wir verführen nicht zum Saufen“, sagt Annika Brümmer und kann auf den vollständigen Namen des Unternehmens verweisen. Der lautet: „Quartiermeister - korrekter Konsum GmbH“

Nicht allen gefällt die „Quartiermeister*in“

Zum korrekten Konsum gehört eben auch ein leckeres Bier; zumal es mit einer klaren Message daher kommt. „Unser Marketing zielt nicht darauf ab, Menschen zum Biertrinken zu animieren, sondern ihren bisherigen Konsum mit einem sozialen Mehrwert zu verknüpfen“, sagt Brümmer.

Sie sieht den Betrieb als politisches Unternehmen. „Quartiermeister*innen verändern die Wirtschaft und gestalten mit, wie die Welt von morgen aussieht“, heißt es dazu selbstbewusst in den Statuten. 

Nicht alle kommen klar mit dem Anspruch der Quartiermeister*innen. So brach ein vornehmlich vom männlichen Rockern besuchtes Lokal die Lieferungen ab, weil ihnen das gegenderte Etikett gegen den Strich ging, erzählt Annika Brümmer. Dann sei das eben so.

Manche Wünsche möchte man dagegen noch umsetzen. Zwar sei Bier von Natur aus vegan. Bislang aber sei es nicht möglich, einen Etikettenkleber aus nicht-tierischen Produkten zu verwenden, da die Eigenschaften des Klebers eine andere Abfüllmethode benötigen als die, die für Brauereien technologisch möglich sind. Vielleicht kommt einem Kunden oder Kundin dazu eine Idee – bei einer Flasche Quartiermeister*in.  

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