Blackout in Berlin : So erlebt ein Köpenicker den Stromausfall

Es gibt keine Heizung, kein warmes Wasser und keine Informationen aus der Nachbarschaft. Protokoll eines Anwohners.

Bei Bauarbeiten an einer Brücke wurden Stromleitungen beschädigt. Köpenick ist seither von der Versorgung abgeschnitten.
Bei Bauarbeiten an einer Brücke wurden Stromleitungen beschädigt. Köpenick ist seither von der Versorgung abgeschnitten.Foto: Wolfgang Kumm/dpa

Dienstag, 14.10 Uhr. Nanu?! Beim Verstauen der Einkäufe geht plötzlich das Licht im Kühlschrank aus. Ein Blick in den Sicherungskasten: alles o. k. Na gut, wird schon gleich weitergehen.

14.20 Uhr. Die Einkäufe sind verstaut, das Handy hat noch 35 Prozent Akku-Ladung. Vor der Haustür treffen sich Nachbarn, um zu erfahren, ob nebenan auch alles dunkel ist. Na, immerhin.

15 Uhr. Auf der Kreuzung am S-Bahnhof Grünau tobt hupend die Anarchie. Der Dönermann im Imbiss wetzt ratlos die Messer, die Belegschaft umliegender Läden steht ratlos in den Türen, eine Straßenbahn mitten im Weg, die meisten Fahrgäste noch drin, weitere warten an der Haltestelle in Sichtweite. Wird schon gleich weitergehen. Googeln per Handy bringt keinen Erkenntnisgewinn.

15.30 Uhr. Großes Hallo bei den Kindern in der Schule, wo die Notbeleuchtung die Treppen erhellt und ansonsten das Tageslicht aushilft. Akku: 33 Prozent.

15.55 Uhr. Auf der Kreuzung am Bahnhof regeln zwei Polizisten den Verkehr. Die Überforderung und Aggression vieler Autofahrer ist erschreckend. Ein Beamter, der von einem Kollegen abgelöst wird, rennt schreiend zum Streifenwagen: „Ick krieg’ die Kriiiiise!“

16.05 Uhr. An die Straßenbahnhaltestelle kommt ein Kleinbus der BVG getuckert, vor der Tram positioniert sich ein Unimog mit Abschleppkupplung. Aber dann braust er davon – drei Minuten später fährt die Bahn wieder, Richtung Köpenick. Offenbar konnte die BVG einen eigenen Stromzugang anzapfen.

16.50 Uhr. Die Parterre-Nachbarn klagen über Dunkelheit und kalte Heizung. Die Tiefgarage steht offen, da der Hausmeister sie vor Feierabend per Hand geöffnet hat. Man wüsste gern mehr, aber jetzt sagt das Handy: „Sie sind offline“.

17.30 Uhr. Die Nachbarschaft hat sich mit Kerzen ausgeholfen und Milch für eine Mutter von zwei kleinen Jungs gespendet, die der Stromausfall kurz vor der Kasse erreicht hatte. Hinter manchen Fenstern glimmen schwache Lichter; ansonsten sinkt der Kiez in ungewohnte Dunkelheit, die von Minute zu Minute unheimlicher wird. Das Handy ist weiter offline und jetzt bei 30 Prozent.

18.30 Uhr. Schwarz ist die Nacht, durch die Autos als gleißende Flutlichtstrahler rollen. Fußgänger sind an ihren Taschenlampen zu erkennen. Im Aldi huschen Gestalten mit Stirnlampen hin und her. Sie bringen wohl Kühlware in Sicherheit. Die Tür ist mit Holzpaletten verbarrikadiert. Im Lidl hat ein Kollege sein Auto quer vor die offene Tür rangiert. Beim Griechen, sonst immer voll: alles duster. Noch schwärzer ist nur die Halle des S-Bahnhofs. DB-Sicherheitsleute schicken Passanten weg, die einzige noch fahrende S-Bahn (von dreien) rollt, höhnisch leuchtend, ohne Halt durch. Wie einst die West-U-Bahnen durch die zugemauerten Ost-Bahnhöfe. Eine Radtour führt ins gleißende Licht: Altglienicke strahlt wie Las Vegas, wenn man aus Bohnsdorf kommt. Auch das Handy hat dort Empfang: Um 3 Uhr soll der Strom wiederkommen. Noch 26 Prozent.

19.30 Uhr. Candle-Light-Dinner mit halb gefrorenen Brotscheiben und Saftschorle. Abwasch im noch lauwarmen Wasser; der Geschirrspüler ist voll. Der Kühlschrank leider auch.

20.30 Uhr. Nachtruhe nach Katzenwäsche. Schlüssel in der Wohnungstür zwei Mal herumgedreht, nachdem ein Blick aus dem Fenster klargemacht hat: Wenn man in Ruhe klauen wollte, sollte man es hier und jetzt tun. Die Polizei wird später berichten, dass sie verstärkt Streife gefahren sei – und nichts Besonderes registriert habe. Die Feuerwehr hat getwittert: „Vorsicht mit Kerzen!“, nur erreicht sie damit die Leute im netzlosen Gebiet nicht. Später in der Nacht wird ganz in der Nähe ein Dachgeschoss brennen.

01.40 Uhr. Wenn man einmal wach ist, kann man gleich Brot für den Morgen aus dem Tiefkühler nehmen. Noch herrscht Frost im Gefrierfach.

06.10 Uhr. Der Wecker funktioniert dank Batterie. Ansonsten Kerzen fürs Licht, kaltes Wasser zum Wachwerden, kalter Kakao zum Frühstück. Das Handy hat noch 21 Prozent, aber keinen Empfang. Ohne Empfang keine Ahnung. Das Bezirksamt hat die Nacht durchgearbeitet und die Info online gestellt, dass unsere Schule geschlossen bleibt.

07.55 Uhr. Die Info erreicht uns in Gestalt der Schulleiterin am Zaun vor der Schule. Allzu viele Eltern und Kinder sind nicht hier. Immerhin ist es jetzt draußen genauso hell wie gestern.

08.05 Uhr. Vor dem ersten dienstlichen Termin ist noch Zeit, das Kind zur Oma zu schicken, die in ebenfalls kalter Wohnung der Dinge harrt und dank einer glücklichen Fügung per Handy erreichbar ist. Die Elektrofähre über die Dahme fährt sogar noch: Der Fährmann erzählt, er habe heute früh das Schiff gewechselt; das andere hatte nur noch 30 Prozent Akku. „Heute komme ich noch, morgen ist Feierabend“, sagt er. Der Handy-Akku ist bei 13 Prozent. Ein auffällig durch die leeren Straßen rollender VW-Bus erweist sich als ziviles Polizeiauto.

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08.30 Uhr. Das Kind ist versorgt, der S-Bahnhof geöffnet. Auch die Nachbarn sind unterwegs: Ein Gang in strammem Schritt soll gegen die Kälte helfen. Die Temperaturen von Wohnräumen und Kühlschränken nähern sich an. Noch gilt, dass der Strom 15 Uhr wiederkommen soll. Ein Irrtum, wie sich erweisen wird.

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