Brandenburg : Lebensgefahr am Tagebau-See

Aus Brandenburgs alten Tagebauen werden Seen. Die sind noch nicht fertig – und sehr gefährlich. Trotz Verbotsschildern campen und baden Menschen dort.

Aus der Tagebau-Grube soll einmal der größte künstliche See Deutschlands entstehen - der Cottbuser Ostsee.
Aus der Tagebau-Grube soll einmal der größte künstliche See Deutschlands entstehen - der Cottbuser Ostsee.Foto: Patrick Pleul/dpa

Die Mitarbeiter der Lausitzer und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft LMBV wollten zunächst ihren Augen nicht trauen. „Der große Campingbus stand dreist direkt neben dem Schild ,Sperrgebiet. Betreten verboten. Lebensgefahr‘“, sagt LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber. „Die Touristen hatten es angeblich nicht gesehen, aber auf dem Weg dahin mussten sie bereits mehrere ähnliche Verbotsschilder ignoriert haben.“

Leichtsinnig, ja sogar verantwortungslos sei ein solches Verhalten, sagt Steinhuber. Die Camper brächten nicht nur sich selbst, sondern auch andere in Gefahr. Denn in den noch ungesicherten Bereichen der Bergbaufolgeseen der Lausitz bestünden zahlreiche Gefahren, auf Kippenböden seien es vor allem sogenannte Grundbrüche und Setzungsfließbewegungen. Letztere entstehen, weil im Braunkohletagebau zunächst die Sandböden über der Kohle abgetragen werden.

Nachdem die Bagger dann das natürlich gewachsene, feste Erdreich mit den Wasseradern zerstört und die Kohleschichten abgebaut haben, werden diese Sandböden wieder in die Grube geschüttet. So entstehen die Kippen: feinkörnige, aber sehr instabile Sandhalden. Wenn diese sich mit Wasser vermischen, verlieren sie ihre Konsistenz und fließen in tiefer gelegene Punkte. Liegen die in einem See, können sich immense Flutwellen bilden.

Gefährliche Flutwellen

So versanken am 12. Oktober 2010 im ehemaligen Tagebau Spreetal an der brandenburgisch-sächsischen Grenze Dutzende Schafe und mehrere Lastkraftwagen in den Fluten. Ein Fahrer, der sich auf sein Führerhaus gerettet hatte, konnte nur noch aus der Luft, mit einem Hubschrauber, gerettet werden.

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Zwar ist nach bisherigen Erkenntnissen keiner der in diesem Jahr in den neuen Seen Ertrunkenen durch eine Flutwelle oder eine Rutschung ums Leben gekommen, aber vielleicht hätte der eine oder andere durch einen Rettungsschwimmer vor seinem Schicksal bewahrt werden können. Die gibt es an den gesperrten Seen natürlich nicht. So ertrank in der vergangenen Woche ein 26-jähriger Afghane in dem ebenfalls gesperrten Lichtenauer See, als sein Schlauchboot kenterte. Das kann im übrigen auch durch abgerutschte Böschungen, die zu Wellenbewegungen unter Wasser führen, geschehen. Der junge Mann konnte nicht schwimmen.

„Da ist es besonders leichtsinnig, ohne Aufsicht zu baden“, sagt ein Rettungsschwimmer am Senftenberger See, wo es schon lange bewachte Strände gibt: „Ich weiß gar nicht, woher dieser Drang kommt, irgendwo eine Stelle zu finden, wo man allein schwimmen kann.“ Auch LMBV-Sprecher Uwe Steinhuber empfiehlt jene Seen, die bereits fertig sind und Badestrände haben, wie etwa den Geierswalder oder Bärwalder See. Den Verbotsschildern sei jedoch in jedem Fall Folge zu leisten, sagt er. „Wir können die riesigen Flächen nicht alle absperren und rund um die Uhr bewachen. Aber jeder, der gegen die Verbote verstößt, sollte wissen, dass er mit seinem Verhalten auch mögliche Retter in Lebensgefahr bringt.“

Trauriger Höchststand bei Zahl der Badetoten

Solche Appelle hört man dieser Tage immer öfter. In diesem Jahr sind in Brandenburg bereits 22 Menschen in Schwimmbädern und Seen gestorben, unter anderem ein sechsjähriges Kind. Vernunft ist deshalb mehr denn je gefragt – darauf hat die Deutsche Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG) in diesem Sommer schon oft hingewiesen. So sollte man nicht nach einem Sonnenbad bei mehr als 30 Grad gleich ins Wasser springen, zudem in Ufernähe bleiben und sich nicht überschätzen.

Trotz aller Warnungen droht in Brandenburg 2018 ein neuer trauriger Höchststand bei der Zahl der Badetoten. Dabei hat das Land so viel sichere Badestellen. Aber mit der Hitze scheint auch die Risikobereitschaft mancher Mitmenschen zu steigen. Die Stadtverwaltung Cottbus wies dieser Tage darauf hin, dass das Springen von Brücken oder Wehren in die Spree untersagt ist. Wassertiefe und Flussgeschwindigkeit seien unkalkulierbar, hieß es. Eigentlich sollte das jeder wissen.

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