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Zunächst wollte der Bund das Dragoner-Areal an meistbietende Investor:innen verkaufen. Doch nach langem Hin und Her und Protest von Initiativen gegen die Privatisierung wurde es 2019 endgültig in Landesbesitz übertragen.

© picture alliance / Rainer Jensen

Tagesspiegel Plus

Brüchig, wild, geschichtsträchtig: Die 4,7 Hektar große Ex-Kaserne, die mitten in Kreuzberg versteckt ist

Das Berliner Dragoner-Areal steht kurz vor dem Umbau. Ein Dokumentarfilm zeigt den Zwischenzustand des Geländes hinter dem burgähnlichen Finanzamt.

Eine Luftaufnahme von Berlins Innenstadt, am Horizont der Fernsehturm. Doch dann bewegt sich die Kamera langsam nach unten, als würde sie zum Landeanflug ansetzen. Der Landeplatz dürfte nicht allen Betrachter:innen bekannt sein, obwohl das 4,7 Hektar große Gelände mitten in der Stadt liegt.

Viele Berliner wissen nicht, was sich hinter dem burgähnlichen Finanzamt am Mehringdamm verbirgt. Der Rathausblock, besser bekannt als Dragoner-Areal, ist ein kammförmiges, ehemaliges Kasernengelände mit brüchigen Wegen, wilden Pflanzen, Kfz-Werkstätten, dem Gretchen Club und zahlreichen Spuren deutscher Geschichte.

Dieses Kleinod steht jetzt kurz vor dem Umbruch, und so lautet auch der Titel des neuen Films von Ulrike Hartwig und Sebastian Nagel („Kleinod vor dem Umbruch“). Im Zeitraum 2020 bis 2022 haben die Filmemacher:innen das Areal ein Jahr lang dokumentiert. Dabei ist es ihnen gelungen, in einem zweistündigen, sehr informativen Dokumentarfilm die Erzählungen von 22 Protagonist:innen mit der 170-jährigen Geschichte und der Weiterentwicklung des Geländes zu verzahnen. Das Filmteam beschreibt die eigene Arbeit als „Momentaufnahme zwischen Vergangenheit und Zukunft“.

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Der Film wird vor allem von Bildern des noch unaufgeräumten, wilden Geländes und von Interviews geprägt. Gewerbetreibende, Aktive von Initiativen und Anwohner:innen erzählen, was sie sich für die Zukunft erhoffen oder was sie befürchten. Da gibt es zum Beispiel die langjährigen Gewerbetreibenden: Bodo Surma, der vor 37 Jahren seine Polstermöbelwerkstatt hier aufbaute, oder Sahin Günesdogan, der die 1988 gegründete Firma Lackdesign & Service seines Vaters weiterführt. „Ich kenne auf dem Gelände jede Ecke, jede Fuge“, sagt Geschäftsführer Günesdogan.

Doch das Dragoner-Areal wird bald anders aussehen, im Rahmen des „Modellprojekts Rathausblock“ sollen noch 2022 die ersten Abriss- und Entsiegelungsmaßnahmen starten. Vom Abriss der nicht denkmalgeschützten Hallen betroffen ist zum Beispiel der Demircan Getränkehandel, die Halle ist schon lange baufällig.

Die Gewerbetreibenden dürfen, sofern sie wollen, bleiben. Diese Forderung und das Wohnen zu günstigen Mieten sowie die „Stärkung solidarischer Gemeinwohlräume“ wurden in der Kooperationsvereinbarung zum Modellprojekt im Juni 2019 festgeschrieben. Unterzeichnet wurde die Vereinbarung von Senat, Bezirk, der landeseigenen Immobilien-Gesellschaft BIM, der landeseigenen Wohnungsbaugesellschaft Berlin Mitte (WBM) und zwei zivilgesellschaftlichen Akteur:innen: dem Forum Rathausblock und dem Vernetzungstreffen Rathausblock.

Der Film erscheint zum richtigen Zeitpunkt, denn die Kooperationspartner:innen des Modellprojekts wollen am Montag, 18. Juli, den aktuellen Stand des städtebaulichen Konzepts präsentieren. Eine Ausstellung zur Weiterentwicklung des Quartiers soll ebenfalls vor Ort ab dem 18. Juli als „Kiezgalerie“ zu sehen sein (Mehringdamm 20-30, Zaun hinter dem Finanzamt).

Was schon klar ist: Neu entstehen sollen, wie berichtet, 500 bezahlbare Wohnungen, ein Hochhaus mit 16 Geschossen, Platz für Gewerbe, sogenannte „Gemeinwohlwaben“, die von Künstler:innen genutzt werden können, sowie ein großer Marktplatz im Zentrum. Das Modellprojekt soll eine „kooperative und gemeinwohlorientierte Stadtentwicklung“ erproben.

Das Modellprojekt will ‘Geschichte machen’ und einen neuen Weg von Stadtentwicklung zeigen.

Peter Manz, Nachbarschaftsinitiative Dragopolis

Pamela Schobeß, Chefin vom Gretchen Club und Sprecherin der Gewerbetreibenden, sieht das Modellprojekt als Erfolg – als etwas, das mehr ist als nur ein Beteiligungsverfahren. Und auch Peter Manz von der Initiative Dragopolis sagt, „das Modellprojekt will ‚Geschichte machen‘ und einen neuen Weg von Stadtentwicklung“ zeigen.

Aber es gibt auch kritische Stimmen: So sorgt sich die Künstlerin und Mitbegründerin des Bündnis Stadtnatur, Angela Laich, um die weitere Nachverdichtung des Geländes in Zeiten des Klimanotstandes. Sie wünscht sich ein „nochmaliges Überdenken“ der Planung.

Im 18. Jahrhundert konnte die Natur noch ungestört wachsen: „Damals war das Gelände eine gemeinschaftlich genutzte Weide der Tempelhofer Bauern“, sagt Thomas Fues des Vereins Upstadt. Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden die ersten Kasernen, Reitbahnen und Stallungen für das Garde-Dragoner-Regiment, das zu den Eilten des preußischen Militärs zählte.

Die ehemaligen Reithallen und Pferdeställe mit den eindrucksvollen Gewölbedecken und Säulen gibt es immer noch, zum Beispiel in der ehemaligen Toyota-Halle, die seit 2021 ein „Kiezraum“ ist, und im Gretchen Club. „Wir haben die Säulen aufwendig freilegen lassen“, erzählt Pamela Schobeß. Nur durch ein zufälliges Gespräch mit dem Hausmeister habe das Gretchen-Team erfahren, was sich hinter den umschlossenen Säulen verbarg.

Vorgesehen ist zudem die Schaffung eines Lern- und Erinnerungsortes. Die deutsche Revolution 1919 hinterließ auf dem Areal ebenso ihre Spuren wie die NS-Diktatur. Bei den Januaraufständen 1919 wurden auf dem Areal sieben „Vorwärts-Parlamentäre“ erschossen. Im Zeitraum 1933 bis 1945 war das Dragoner-Areal außerdem durch Rüstungsproduktion und Zwangsarbeit geprägt.

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