Buchtipp aus Berlin : So haben Sie die Pfaueninsel noch nie gesehen

Von naturverliebten Majestäten und hohlen Eichen: Michael Seilers opulentes Werk über die Pfaueninsel begeistert mit Fachwissen und spannenden Anekdoten.

Selbst Wasserbüffel fühlen sich auf der Pfaueninsel wohl (im Hintergrund die Meierei).
Selbst Wasserbüffel fühlen sich auf der Pfaueninsel wohl (im Hintergrund die Meierei).Foto: Soeren Stache/dpa

Am 28. Mai 1819 wurde Seine Majestät Friedrich Wilhelm III. Opfer eines Verkehrsunfalls. An jenem Freitag wurde die neue Rutschbahn auf der Pfaueninsel mit einem königlichen Familienfest eingeweiht, offenbar ohne vorherige Festlegung der Verkehrsregeln.

Rutschbahn, so sagte man damals, aber das ist ein irreführender Begriff. Der hölzerne Anlage nördlich des königlichen Bootshauses diente ein Schuppen als Podest, von dort ging es auf zwei parallelen Bahnen auf einer Länge von fast 20 Metern in die Tiefe und dann noch einmal 38 Meter weiter einen sanft geneigten Hang hinunter.

Es wurde aber nicht gerutscht, sondern gerollt, auf vier kleinen Wagen, die danach mit einer Winde wieder nach oben gezogen werden mussten.

Genau dabei kam es zum Unfall, als Seine Majestät auf derselben Bahn in die Tiefe schoss, auf der Prinz Carl, sein dritter, knapp 18-jähriger Sohn, gerade seinen Wagen nach oben wuchtete. Die Karambolage verursachte eine Verletzung des königlichen Nasenbeins, ein Ungemach, das schon nach nicht mal zwei Wochen wieder verheilt war.

Die vernachlässigte Konstruktion wurde bei der Vorbereitung zu einem von Propagandaminister Goebbels veranstalteten Sommerfest anlässlich der Olympischen Spiele 1936 abgerissen. Nur den Schuppen und einen Rollwagen gibt es noch.

Es sei „wünschenswert, die Rutschbahn, ein einzigartiges, zum Teil erhaltenes Zeugnis von Spielanlagen in der Gartenkunst, durch Rekonstruktion der Abfahrtsrampe wiederherzustellen“ – man kann Michael Seiler bei diesem Vorschlag nur zustimmen. Seiler war von 1979 bis 1993 für die Pfaueninsel zuständiger Oberkustos und danach bis 2004 Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg.

Jede Menge gartenhistorisches Spezialwissen

Mit der Materie bestens vertraut, hat er das von Spezialwissen strotzende Buch „Landschaftsgarten Pfaueninsel. Geschichte seiner Gestaltung und Erhaltung“ vorgelegt, nach Seilers bescheidener Einschätzung „kaum mehr als eine Vorstudie zur Gartengeschichte der Pfaueninsel“ – dem wird der gartenhistorische Laie kaum zustimmen. Stellenweise droht Seiler ihn eher zu überfordern, lange Zitate aus Originalquellen früherer Jahrhunderte sind nicht jedermanns Sache.

Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise beim Familienausflug auf die Pfaueninsel.
Friedrich Wilhelm III. und Königin Luise beim Familienausflug auf die Pfaueninsel.Foto: Alamy Stock Photo/Mauritius Images

Es ist eben weit mehr ein fundiertes Fachbuch als ein fürs breite Publikum geschriebenes Werk, wenngleich auch dieses, gerade in Corona-Zeiten mit ihrem Boom des heimischen Tourismus, aus dem Buch manche Anregung für Entdeckungen ziehen kann.

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Wie viele Berliner mögen schon oft auf der Insel gewesen sein, aber haben nie die „Tilo-Eiche“ registriert? Ein ausgehöhlter Baumveteran, schon 1869 in einem Aquarell des Malers Theodor Hosemann verewigt, mit einer hölzernen Tür vor der Höhlung, als ginge es dort direkt ins Reich der Waldelfen.

Rund 150 Jahre später konnte Tilo Eggeling (daher der Name) von den Staatlichen Schlössern und Gärten Berlin den mittlerweile unverschlossenen Baum über das Bild identifizieren, dem Michael Seiler in seiner Zeit als Oberkustos eine neue Tür verpassen ließ, als Rekonstruktion der alten „märchenhaften Inszenierung“.

Das Glück ist eine Insel. Die künstliche Schlossruine auf der Pfaueninsel wird derzeit saniert.
Das Glück ist eine Insel. Die künstliche Schlossruine auf der Pfaueninsel wird derzeit saniert.Foto: Thilo Rückeis

Seiler beschränkt sich auf die Nutzung der Insel als Landschaftsgarten, streift die vorherige Kaninchenzucht unter dem Großen Kurfürsten nur kurz, spart sich den dort wirkenden Chemiker und Glastechniker Johann Kunckel ganz, setzt erst mit dem Kauf des Eilands durch Friedrich Wilhelm II. im Jahr 1793 ein.

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Akribisch zeichnet er die Entwicklung des Gartendenkmals nach, dessen Besichtigung nach der coronabedingten Schließung wieder möglich, in der Zahl der Besucher aber begrenzt ist. Dabei beschränkt Seiler sich nicht, wie so oft geschehen, auf die Blütezeit der Insel, das Wirken Lennés und der beiden Hofgärtner Fintelmann und besondere Bewohner wie den Sandwich-Insulaner Harry Matey, sondern schreibt die Inselgeschichte fort bis zu seinem eigenen Wirken als Oberkustos.

In diese Periode fiel 1989 auch der 200. Geburtstag Lennés. Man feierte ihn mit einem besonderen gartenpflegerischen Akt: der Wiederherstellung des Rosengartens, an dessen Gründung 1821 der preußische Gartenkünstler entscheidenden Anteil hatte.

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