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© Benjamin Pritzkuleit/Berliner Wasserbetriebe

Tagesspiegel Plus

Chef der Berliner Wasserbetriebe: „Wir müssen unsere Systeme an Dürrephasen anpassen“

Wie stellen sich die Wasserbetriebe auf den Klimawandel ein? Der scheidende Vorstandschef Jörg Simon über langfristige Versorgung – und seine Zukunft als Flughafen-Chefaufseher.

An diesem Mittwoch ist Ihr letzter Tag als Vorstandschef der Berliner Wasserbetriebe. Etwa 18 Ihrer knapp 22 Jahre auf diesem Posten waren davon geprägt, den Leuten das Sparen abzugewöhnen – nach dem Motto: Wenn Ihr nicht spült, verkeimen unsere Rohre, und was Berlin spart, lindert die Trockenheit in Afrika nicht. Jetzt wird stattdessen über schwindendes Grundwasser geredet und über fehlenden Nachschub aus der Spree. Verlassen Sie ein allmählich strandendes Schiff?
Nein, überhaupt nicht. Nach der Wiedervereinigung lag der Trinkwasserabsatz in Berlin bei 300 Millionen Kubikmetern pro Jahr, also fast 50 Prozent über dem heutigen. Durch die drastischen Preiserhöhungen nach der Wende ist er vor allem in den östlichen Bezirken enorm gesunken, sodass unsere Infrastruktur nicht mehr ausgelastet war. Jetzt, da der Klimawandel noch schneller kommt als erwartet, müssen unsere Systeme wieder angepasst werden, um widerstandsfähiger gegen Wetterextreme wie Dürrephasen zu sein.

Ist die Wasserversorgung Berlins auch dann noch sicher, wenn auf dieses vierte Dürrejahr nacheinander noch ein paar weitere folgen?
Beherrschen wird man die Versorgung immer. Wir haben ja zwei Quellen, nämlich die Flüsse Spree und Havel einerseits und das Grundwasser andererseits. Hinzu kommen unsere eigenen Mengen, die wir gewissermaßen im Kreis fahren. Das System muss so optimiert werden, dass möglichst viel in Berlin ankommt und möglichst wenig verloren geht, indem beispielsweise mehr Regenwasser in der Stadt versickert wird. Im Moment fließt das ja großenteils in die Kläranlagen und von dort aus der Stadt heraus Richtung Nordsee. Um das zu verringern, wurde die Regenwasseragentur gegründet. Eine stärker entsiegelte Stadt bedeutet besser gefüllte Grundwasserspeicher.

Kann man perspektivisch auch das gereinigte Abwasser aus den Klärwerken versickern lassen, statt es wie bisher in die Flüsse zu leiten?
Die Bereitschaft dazu scheint mir bei den Genehmigungsbehörden bisher nicht groß. Ich glaube aber, dass das ein Thema werden sollte, zumal die Qualität des geklärten Wassers immer besser wird – beispielsweise im Klärwerk Schönerlinde, wo wir das Wasser demnächst zusätzlich mit Ozon behandeln. Insofern sollte das mit der Versickerung genauer untersucht werden.

Im großen Klärwerk Schönerlinde nördlich von Pankow – hier der Ablauf, der in Pankow und Nordgraben fließt – wird bald eine neue Filtertechnik eingesetzt.
Im großen Klärwerk Schönerlinde nördlich von Pankow – hier der Ablauf, der in Pankow und Nordgraben fließt – wird bald eine neue Filtertechnik eingesetzt.

© Stefan Jacobs

Die Klärwerke werden mit Riesenaufwand nachgerüstet, um die Gewässer zu schonen. Bis Ende 2023 haben Sie dennoch konstante Tarife zugesagt. Wird es danach richtig teuer für die Kunden, wenn Sie bis 2030 allein mehr als eine Milliarde Euro in Ihre Klärwerke investieren?
In unserer Mittel- und Langfristplanung sehen wir da schon Sprünge, aber die werden nicht allzu groß sein. Wir haben seit 2013 unsere Tarife deutlich gesenkt und seitdem stabil gehalten, also schon ziemlich lange. Im Unternehmensvertrag mit dem Land haben wir außerdem zugesagt, in den nächsten zehn Jahren im günstigsten Drittel der 30 größten Metropolenversorger Deutschlands zu bleiben. Wir arbeiten daran, dieses Ziel zu erreichen.

Man braucht ein dickes Fell und muss Entscheidungen gut erklären können.

Jörg Simon über Qualitäten eines Vorstandschefs

Also ganz bestimmt keine Preisschocks bis 2030?
Man kann nicht alles vorhersagen. Falls in drei, vier Jahren das Thema Wassersparen ganz groß werden sollte, würde das eine sehr große und teure Infrastruktur für geringere Wassermengen bedeuten. Da wären theoretisch Preissprünge möglich, aber praktisch würden die Berliner nicht unbedingt mehr zahlen, weil sie ja weniger verbrauchen …

… oder eben doch deutlich mehr zahlen, wenn ihr Verbrauch konstant bleibt.
Was den Einzelnen betrifft: ja. Und eines sollte man nicht vergessen: Damit unser Trinkwasser so gut bleibt, wie es ist, erzeugen wir durch die immensen Investitionen in den Abwasserbereich beispielsweise mit den zusätzlichen Reinigungsstufen, die alle Klärwerke bekommen, auch eine neue, deutlich höhere Qualität.

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Bisher sind die Wasserbetriebe trotz der riesigen Investitionen hochprofitabel. Halten Sie dieses Konstrukt mit dem politisch gewollten Jahresüberschuss in dreistelliger Millionenhöhe eigentlich für sinnvoll?
Im Moment kann das Unternehmen das verdienen. Aber die Grundsatzfrage, die dahintersteht, ist keine unternehmerische, sondern eine politische. Es gibt ja gebührenrechtliche Spielräume, innerhalb derer sich die Politik bewegen kann.

Die meiste Zeit im Jahr ist die Spree schon jetzt sauber genug zum Baden.

Jörg Simon über die Pläne für ein Flussbad

Apropos Politik: Sie kamen von Veolia zu den Wasserbetrieben, also aus der Privatwirtschaft. Jetzt, da Sie gehen, können Sie doch verraten, wie schwierig die Leitung eines politisch regierten Landesunternehmens ist.
Man braucht schon manchmal ein dickes Fell und muss Entscheidungen gut erklären können – und auch bereit zu Auseinandersetzungen sein. Ein Vorstand hat halt die Aufgabe, auch die Vorstellungen des Gesellschafters umzusetzen. Das gilt für Private ebenso wie fürs Land Berlin, wo natürlich jede Partei ihre Prioritäten hat – Stichwort Stadtwerk, das wir auch gemäß dem politischen Willen gut aufgestellt haben. Aber wir haben auch Diskussionen geführt über Dinge, die nicht gehen. Insgesamt hat das Land den Wasserbetrieben seit der Rekommunalisierung Ende 2013 genug Spielraum gegeben, sodass wir uns sowohl ums Kerngeschäft als auch um Neues kümmern konnten. Und die Suche nach weiteren Effizienzsteigerungen ist für uns auch nach der Teilprivatisierung selbstverständlich.

Wenn Sie auf Ihre knapp 22 Jahre bei den Wasserbetrieben zurückschauen: Was haben Sie erreicht, was nicht?
Wir haben die Themen, die auf uns zukommen, gut antizipiert: Fürs Regenwassermanagement bauen wir seit Jahren Speicher und stellen bei Baustellen in der Stadt auf dezentrales Versickern um, wo immer es geht. Auf den Klimawandel bereiten wir uns seit Langem vor. Auch am Thema Demografie sind wir lange dran: Nachdem wir seit 1999 mehr als 2000 Stellen abgebaut hatten, stellen wir seit etwa fünf Jahren jährlich mehr als 200 Mitarbeiter:innen ein und besetzen einzelne Stellen zeitweise doppelt, damit das Wissen im Unternehmen bleibt, wenn Kolleginnen und Kollegen in Rente gehen. Das betrifft bis 2030 übrigens ein Drittel unserer Belegschaft. Manche Jobs werden durch die Digitalisierung entfallen, und für andere werden die Anforderungsprofile noch einmal mit den künftigen Bedarfen abgeglichen.

© istockphoto/Tagesspiegel

Das Flussbad-Projekt wird von den Wasserbetrieben seit Jahren fachlich unterstützt, aber die Realisierung scheint immer weniger realistisch. Wie ist Ihre Prognose zum Badespaß im Spreekanal?
Ich kann mir dafür eine pragmatische Lösung vorstellen, die nicht allzu teuer wäre. Die meiste Zeit im Jahr ist die Spree schon jetzt sauber genug zum Baden. Zu manchen Zeiten geht es tatsächlich nicht, aber dafür kann man ja ein Meldesystem installieren, das die Freigabe erteilt oder eben nicht. Ich weiß, dass für das Flussbad-Projekt hohe Millionenbeträge im Gespräch sind, aber man sollte ehrlich schauen, was davon wirklich mit dem Flussbad zu tun hat und was ihm nur angerechnet wird. Wenn man nicht den Anspruch erhebt, dass man da jederzeit baden können muss, lässt sich das Projekt zu relativ geringen Kosten realisieren, glaube ich.

Bisher nur für Wettbewerbe, aber bald auch für alle? Die Spree als Flussbad.
Bisher nur für Wettbewerbe, aber bald auch für alle? Die Spree als Flussbad.

© Paul Zinken/dpa

Voraussetzung für das Flussbad ist ein aufwendiges Filtersystem, das den Dreck aus der Spree holen soll, der einen Kilometer flussaufwärts aus Ihren Abwasserkanälen hineinfließt, wenn es heftig regnet. Ist das wirklich die bestmögliche Lösung?
Die Lösung ist wohl eine Kombination aus mehreren Dingen. Zum einen messen wir die Gewässergüte ja bereits, sodass wir Daten hätten für die jeweils aktuelle Entscheidung, ob man gerade baden kann oder nicht. Was die Überläufe aus unserem Kanalsystem betrifft, sind sechs Einleitstellen für die Wasserqualität im Flussbadbereich relevant, davon eine große. Bei dieser Einleitstelle handelt es sich um einen Mischwasserkanal aus Neukölln, für den wir zurzeit prüfen, ob er sich als Stauraum nutzen lässt. Bis Ende des Jahres werden wir das wissen. Der Spree würde dieser Abwasserspeicher auf jeden Fall guttun – mit oder ohne Flussbad.

Die Flughafengesellschaft wird über das verunglückte BER-Bauprojekt definiert, was den Beschäftigten nicht gerecht wird.

Jörg Simon über seinen neuen Job im Aufsichtsrat

Ihr neuer Job ab Juli ist der Aufsichtsratsvorsitz der Flughafengesellschaft. Was zieht Sie von einer renommierten „Cash Cow“ zu einer Firma, die ein problematisches Produkt hat und nach streng marktwirtschaftlichen Kriterien insolvent ist?
Ich habe nicht den einen Job aufgegeben, um den anderen zu machen. Es war umgekehrt: Ich hatte mich schon vor Jahren entschieden, meinen Vertrag bei den Wasserbetrieben nicht zu verlängern. Das Angebot für den Aufsichtsratsvorsitz der FBB kam erst danach. Nach meinem Eindruck macht die Flughafengesellschaft einen guten Job, wie man am Betrieb der Flughäfen Tegel und Schönefeld-Alt gesehen hat.

Sie wird nur immer noch maßgeblich über das verunglückte BER-Bauprojekt definiert, was den Beschäftigten nicht gerecht wird. Da würde ich gern helfen, Ruhe reinzubringen. Der Aufsichtsrat überwacht das operative Geschäft und arbeitet in Abstimmung mit den Gesellschaftern an der langfristigen Ausrichtung des Unternehmens. Dass ich Erfahrung mit komplexen Gesellschafterstrukturen habe, wird mir bei der FBB sicher zugutekommen.

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