City-West in Berlin : Neue Pläne für das Huthmacher-Haus

Ein neues Bürohaus soll das Huthmacher-Haus gegenüber vom Bahnhof Zoo ersetzen. Der Entwurf der Zürcher Architekten soll Altes mit Neuem versöhnen.

Entwurf für das Hutmacher-Haus: Der Architekt Piet Eckert hat sich von der Ästhetik der 60er Jahre inspirieren lassen.
Entwurf für das Hutmacher-Haus: Der Architekt Piet Eckert hat sich von der Ästhetik der 60er Jahre inspirieren lassen.Foto: promo

City West, Bahnhof Zoo und dem ganzen Panorama des Breitscheidplatzes steht der größte städtebauliche Eingriff seit Langem bevor: Das Huthmacher-Haus gegenüber vom Bahnhof Zoo wird abgerissen und ersetzt durch ein 95 Meter hohes Bürohaus, das mit Fahrrad-Tiefgarage, dem Einsatz von Solar- und Windenergie-Technik die Energie für seinen Betrieb selbst erzeugt. Das jedenfalls plant der Bauherr aus Hamburg, die „Newport Holding“. Dessen Architekten aus Zürich wollen mit einer frei zugänglichen Dachetage in 95 Metern Höhe eine Art öffentlichen Raum in den privaten Gemäuern schaffen.

Politikern und Verantwortlichen im Bezirk wurden diese Pläne am Mittwochabend im Stadtentwicklungsausschuss der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) vorgestellt. Die Zeit läuft, weil der Altbau von Paul Schwebes und Hans Schoszberger aus den Jahren 1955 bis 57 den Sicherheitsanforderungen nicht mehr genügt: Ein zweiter Rettungsweg fehlt und auch die Standfestigkeit ist angegriffen. Alle Mieter müssen bereits Ende 2020 ausziehen. Zwar steht das Gebäude unter Denkmalschutz, allerdings als Teil eines Ensembles zusammen mit dem Bikini-Haus am Breitscheidplatz. Der Neubau nimmt darauf Rücksicht durch Kubatur und stilistische Anleihen aus der Baukunst der Wirtschaftswunderjahre.

Umbau begann mit Abriss des Schimmelpfeng-Haus

Der Umbau der „guten Stube“ in der City West hatte bereits vor Jahren mit dem Abriss des denkmalgeschützten Schimmelpfeng-Haus und dem Bau von zwei Hochhäusern (Zoofenster und Upper West) am Breitscheidplatz begonnen. Mit der Sanierung des Bikini-Hauses griffen die Planer schon einmal in das Denkmalensemble ein.

Gemessen an der wellig-weichen Auftürmung von Büroflächen beim Upper West-Hochhaus und dem kantigen Ausrufezeichen aus Sandstein (Zoofenster) ist das nun geplante Huthmacher-Haus fast schon zurückhaltend und sicher eine Hommage an das heute überformte Baudenkmal von Schwebes und Schoszberger am Zoo.

Von deren Qualität ist seit der Sanierung der Hochhaus-Scheibe Mitte der 1980er Jahre nicht mehr viel zu erkennen: Die Stahlfassade in Lego-Optik schraubten die Eigentümer aus dem alten West-Berlin zur 750-Jahres-Feier der Stadt als Verkleidung vor den Beton-Kern.

Neuer Entwurf sieht "öffentlichen Raum" im Privaten vor

Vor allem folgt der neue Entwurf von E2A-Architekten nicht dem zeitgenössischen Zwang zur seriellen Rasterfassade, der rund um den Hauptbahnhof gleichermaßen einfältige Neubauten hinterließ, sondern ein Spiel mit den runden Formen der 1960er Jahre, das mit Variationen bei der Anordnung von Fenstern und Simsen die Monotonie bekämpft und das gewaltige Bauvolumen durchschneidet mit einem gläsernen Geschoss, dem „Bikini-Streifen“. Und dank der feinen Stelzen, die den Baukörper tragen, ist dieser auf Gehweghöhe durchlässig und durchsichtig ähnlich wie die Nachkriegsbauten im Hansaviertel.

Der Neubau wird geschätzt 250 Millionen Euro kosten.
Der Neubau wird geschätzt 250 Millionen Euro kosten.Foto: promo

Davon sollen auch die Besucher der City West profitieren: Vom Bahnhof Zoo können sie unter dem Gebäude hindurch laufen und erreichen ohne Umweg das Kino „Zoo-Palast“ und den Breitscheidplatz. Oder sie steigen hoch auf „Hüfthöhe“ des Gebäudes und verschaffen sich aus 37 Metern Höhe einen Überblick über das Quartier. Wem das nicht reicht, steuert direkt das 80 Meter plus gelegene, überdachte letzte Obergeschoss an, für den großen Panoramablick Berlins.

Ein Café oder Restaurant gibt es dort nicht und auch keinen Souvenir-Verkauf. Zum „öffentlichen Raum“ auf privatem Grund erklärt der Bauherr das. Er gibt damit gleichsam etwas dafür zurück, dass er die rund 40000 Quadratmeter für den Neubau nur bauen kann, wenn die Obergeschosse einige Meter über sein Grundstück hinaus in den städtischen Luftraum hinausragen. Freien Zugang sollen alle Berliner auch zu den 700 Stellplätzen für Fahrräder im Keller bekommen, ohne an Parkplatzwärter oder -häuschen vorbei zu müssen. Ein Komfort, den der in Berlin lebende Bauherr, selbst Fahrradfahrer, als kleine Förderung des umweltschonenden Verkehrsträgers ansieht.

Etwa 250 Millionen Euro wird der Neubau wohl kosten, für dessen Errichtung es drei Jahre brauche. Falls der Bezirk die Pläne billigt, könnte das „Nullenergiehaus“ Anfang 2024 öffnen. Ein grünes Bürohaus? Damit warb schon Norman Foster für den Turmbau der Commerzbank in Frankfurt – der heute als Energiefresser gilt. Wie das hier gelingen soll? „Mit Geothermie, Fotovoltaik in der Fassade und auf dem Dach, zu öffnende Fenster, Windenergie und ein Heiz- sowie Kühlsystem, das mit wenig Energie sehr effektiv umgeht“, sagt Architekt Piet Eckert.

Architekt plante auch Neubau der "Taz"

Zusammen mit seinem Bruder Wim hat er in Berlin etwa den Neubau für die „Taz“ errichtet. Gekühlt werde sogar mit „Verdunstung“. Und wo steht der Mast für das Windrad? Gibt es nicht, die Architekten fangen den an den Fassaden entstehenden „Luftzug“ auf Firsthöhe ab und leiten ihn an den Generatoren vorbei, um die Windlast in Strom umzuwandeln. Deshalb ist das Dach auch scharf gezeichnet, dort entsteht die zur Stromerzeugung erforderliche Abrisskante.

Was aber ist, wenn Bezirk und Denkmalschutz das alles nicht wollen? Steht dann am Zoo in gut einem Jahr ein Geisterhaus? „Oder es wird weitergewurstelt mit dem Haus und Sondergenehmigungen des Bauamtes für dessen Nutzung wie bisher“, sagt der Bauherr. Jedenfalls „werden wir es sicher nicht kernsanieren“, fügt er hinzu.

Kernsanierungen waren beliebte Kompromisse in den Nachwendejahren. Da blieb von Baudenkmälern oft nichts übrig als die historische Fassade wie in einer Filmkulisse. Im Fall des Huthmacher-Hauses wäre nicht mal das möglich, weil das Kleid des historischen Betonkerns ja aus den 1980er Jahren stammt und wohl nicht unter Schutz steht. Bliebe nur übrig, den Beton-Kern zu erhalten und diesen wie beim Schloss mit einer historisierenden Fassade zu verzieren. Aber das ist „wirtschaftlich nicht vertretbar“, heißt es bei Newport.

Mit der Vorstellung der Pläne ist diese Debatte eröffnet, die durch die Bewertung dieses Eingriffs in das städtebauliche Ensemble entschieden wird. Mit 95 statt bisher 60 Metern und der größeren Dimension, so argumentieren die Architekten, wollen sie diesen historischen Rahmen des Tiergartens mit den neu entstandenen „Toren“ vor dem Breitscheidplatz versöhnen. Der Neubau sei höher als das am anderen Ende des Bikini-Ensembles liegende Hotel 25 Hours, aber deutlich niedriger als die beiden neuen Türme und kleiner als das Europa-Center, der anderen Hochhausscheibe am Platz. Kurzum, damit werde die „Marginalisierung“ des historischen Erbes seit dem Bau der beiden neuen Türme rückgängig gemacht, sagen die Architekten.

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