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Die „Macher“ des Restaurants Cumberland: Küchendirektor Dennis Melzer, Restaurantleiter Benjamin Becker und Sommelier Steve Hartzsch (v.l.n.r.)

© Doris Spiekermann-Klaas

Tagesspiegel Plus

„Cumberland“ am Ku’damm: Neue Spitzengastronomie belebt die Räume des „Grosz“ wieder

Wo einst das „Grosz“ vor Anwohnern und dem Ordnungsamt flüchtete, versorgt nun das „Cumberland“ Gäste mit Wein, Lunch und Dinner.

Mehr Aura geht nicht. Rund um den George-Grosz-Platz am Kurfürstendamm liegen die Luxusboutiquen dicht an dicht. An zentraler Stelle, im Cumberland-Haus, übernimmt gerade Balenciaga plakativ die Räume von Versace, und so fällt nur Eingeweihten auf, dass über dem eher bescheidenen Eingang in der Mitte „Cumberland Restaurant“ steht. Hier war früher das Restaurant-Café „Grosz“ untergebracht, dessen Betreiber Roland Mary 2019, gestresst von Ordnungsamt und Anwohnern, das Handtuch warf: „Ein schwieriger Standort.“

Eine Neuauflage des „Grosz“ stand nicht zur Debatte

So schwierig, dass Hauseigentümer Thomas Bscher die Sache nun selbst in die Hand nahm. Der Kölner Top-Gastronom Vincent Moissonnier führte ihn zu Dennis Melzer, dem talentierten Sous-Chef des Drei-Sterne-Kochs Joachim Wissler in Bergisch Gladbach – und damit war schon klar, dass nur eine Neuauflage der bürgerlichen Brasserie à la Grosz nicht zur Debatte stehen würde; der Namenspatron musste sich wieder auf seinen Platz vor der Tür zurückziehen.

Jetzt, zur Eröffnung, sind die Räume durchaus wiederzuerkennen, wirken trotz markanter Änderungen immer noch, als seien sie so schon seit hundert Jahren. Tatsächlich ist das Restaurant ja in der schlauchförmigen, acht Meter hohen Lobby des ehemaligen Hotels untergebracht, wo sogar die beiden brandneuen Kronleuchter stimmig historisch wirken.

So sieht das „Cumberland“ von außen aus.

© Doris Spiekermann-Klaas

Aber das Interieur ist neu, Grafiken an den früher steif weißen Wänden lockern die Atmosphäre, und auch die Raumeinteilung hat sich geändert. Vorn, wo im Grosz eine Bäckerei untergebracht war, stehen nun Weinklimaschränke, die klar machen, dass der vordere Bereich eine Weinbar ist, die auch von einer kleinen offenen Küche seitlich mit kleinen Gerichten bespielt wird. Die eigentliche Küche, das Reich Dennis Melzers, liegt wie früher ganz am Ende des Raums – von hier werden Lunch und Dinner serviert.

Viele hochwertige Weine sind dank moderner Technik auch offen verfügbar. Ausgewählt wurden sie von Sommelier Steve Hartzsch und Restaurantleiter Benjamin Becker, die beide ihre Weinkompetenz in zahlreichen Berliner Restaurants nachgewiesen haben – die große, trendbewusste Weinkarte ist vergleichsweise menschenfreundlich kalkuliert. Aber die Hauptlast für den Erfolg liegt auf den Schultern des Küchenchefs, der ganz unverblümt sagt, dass er schon sehr enttäuscht wäre, würde der Michelin nicht spätestens im übernächsten Jahr einen Stern herausrücken.

Dennis Melzer sieht sich ausdrücklich nicht als Anhänger der skandinavisch inspirierten Regionalküche, und er verzichtet auch auf die in der Spitzengastronomie allgegenwärtigen Keramikschüsseln. Seine Kreationen serviert er flächig auf weißem Porzellan mit dezentem Goldrand und Cumberland-Logo, aber kulinarisch ist er kein Nostalgiker: Schon seine Lunchgerichte, ein Saiblingsfilet mit Radieschen und Schnittlauch und Kalbsrücken mit Vadouvan-Spitzkohl, Möhren, Sauce Bearnaise und profundem Kalbsjus, sind fein austarierte und perfekt angerichtete Köstlichkeiten eines klassisch-modernen Stils, der hier viele Freunde finden dürfte. Mittags hat das Restaurant seit dem leise gestarteten Soft-Opening schon reichlich zu tun; offiziell geht es am 23. November los. Wenn nicht Corona…

Für die Kontinuität steht übrigens der Betriebsleiter: Karlheinz Lubojanski war schon in der Grosz-Zeit im Haus, und er freut sich darüber, dass Stammgäste die Spur sofort aufgenommen haben. Denn in der Umgebung gibt es nicht nur Luxusboutiquen, sondern unzählige Büros mit Anwälten, Steuerberatern oder Makler, die vor allem einen diskreten Lunch in nicht zu engen Räumen zu schätzen wissen.

Vieles wird sich in den kommenden Monaten beweisen müssen: Schlägt die Küche ein, stimmt die Akustik, vermittelt der Service das Gefühl, dass die Gäste sich zuhause fühlen können? Und dann ist da noch die prächtige Sommerterrasse nach hinten hinaus, eine am Kurfürstendamm ziemlich einzigartige Oase. Mal sehen, wie Ordnungsamt und Nachbarn damit umgehen.

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