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Peter Grottian starb 78-jährig nach schwerer Krankheit am Donnerstagabend in Bregenz. Hier sprach der Sozialwissenschaftler am 21.05.2011 in Stuttgart während einer Kundgebung der Gegner des Bahnprojekts Stuttgart 21.
© Marijan Murat dpa/lsw

Zum Tod von Peter Grottian: "Da müssen wir doch was machen!“

Kämpfer für eine gerechtere Welt: Am Donnerstag starb der Sozialwissenschaftler Peter Grottian. Hajo Funke erinnert an seinen Kollegen.

Der Autor ist Politikwissenschaftler und lehrte von 1993 bis 2010 am Otto-Suhr-Institut.

Peter Grottian organisierte Kampagnen gegen Berufsverbote wegen angeblich linksradikaler Umtriebe von Lehrenden. Er agitierte für die Abschaffung des Beamtentums. Er demonstrierte vor Grunewaldvillen für die Aufklärung des Berliner Bankenskandals. Und er stritt für ein Recht auf Mobilität, indem er Einkommensschwache zum Schwarzfahren aufrief.

Bei alledem war Peter Grottian, beileibe nicht nur nebenbei, von 1979 bis 2007 über fast drei Jahrzehnte Professor für Staats- und Verwaltungsforschung am Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin. Und - wie er dann selbst ergänzte – „Professor für neue soziale Bewegungen“.

Mit seinen Kollegen und Freunden, vor allem mit Wolf-Dieter Narr, war er ein verlässlicher, zugewandter und beliebter Hochschullehrer und Betreuer unzähliger Diplom- und Doktorarbeiten. Das Duo Narr/Grottian war an der FU wie kaum jemand sonst aktiv - ob es um Unterstützung von Streiks von Studierenden oder um die Kritik an bürokratischen Universitätsabläufen ging.

Peter Grottian war im besten Sinn ein Theoretiker, Stratege und Aktivist für eine Bewegung zu einer freundlicheren und lebenswerteren Gesellschaft jenseits des Kapitalismus. Dabei war er durchaus ein nüchterner Analytiker der Verwaltungsprozesse in Staat und Gesellschaft.

Aber aus der allzu nüchternen Beschäftigung damit ist er gewissermaßen auf die Straße gesprungen und hat von dort für eine andere Gesellschaft gekämpft. Oft in provokativen Aktionen zivilen Ungehorsams, aber immer mit dem Wissen, dass unsere Demokratie vom Bewusstsein der Menschen abhängt – und von ihrer Bereitschaft sich ungehindert einzumischen. Grottian stritt gegen die Agenda 2010, gegen Hartz IV, für eine Halbierung der Arbeitslosigkeit - und generell für Grund- und soziale Rechte.

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Er war ein entschiedener Kritiker des politisch unkontrollierten Kapitalismus. Bis zuletzt, als er vor wenigen Monaten mit vielen Mitstreitenden an der FU ein „Tribunal“ gegen das Unternehmen Black Rock organisierte, dessen langjähriges Aufsichtsratsmitglied Friedrich Merz war.

Das Tribunal kritisierte die verselbstständigte ökonomische Macht, die Verstöße gegen das Menschenrecht auf Wohnen, gegen das Völkerrecht und gegen das Klimaabkommen – eine Kurzversion also von Grottians Ideen eines freiheitlich-demokratischen Sozialismus von unten. Dieser sollte – nicht nur aus seiner Sicht - Ökonomie und Politik durch neue soziale Bewegungen grundlegend verändern. Er realisierte „das Peter-Grottian’sche Recht“ (wie Wolf-Dieter Narr es nannte) praktischer Einmischung gegen Ungerechtigkeit und für mehr Demokratie.

2004: Ein Streitgespräch zum Thema Bankengesellschaft zwischen Peter Grottian und Michael Müller (SPD), damals noch überhaupt nicht Regierender Bürgermeister.
2004: Ein Streitgespräch zum Thema Bankengesellschaft zwischen Peter Grottian und Michael Müller (SPD), damals noch überhaupt nicht Regierender Bürgermeister.
© kai-uwe heinrich

Als sein langjähriger Lehrstuhl-Nachbar im zweiten Stock der Ihnestraße 22 am Otto-Suhr-Institut habe auch ich ihn als verlässlichen, zugewandten Lehrer und Freund erfahren. Ich war jederzeit darauf gefasst, dass er zu Fragen der Universität, der Stadt oder der Gesellschaft zu mir herüberrief: „Da müssen wir doch was machen!“ Seine Radikalität und Initiativbereitschaft habe ich indes nie erreicht – in diesem Sinn bleibt Peter Grottian mein Vorbild.

Grottian starb 78-jährig in Bregenz

Mit ihm ist nun einer der Letzten dieser großen gesellschaftskritischen Tradition am Otto-Suhr-Institut (OSI) in den Jahrzehnten seit 1970 gegangen. Vor ihm haben bereits viele Verbündete - darunter Brigitte Rauschenbach, der Grottian mit Bodo Zeuner und Elmar Altvater ein Drittel seiner Stelle für die erste feministische Professorin am Otto-Suhr-Institut zur Verfügung stellte, Elmar Altvater selbst , Uli Albrecht, Ekkehard Krippendorff und Wolf-Dieter Narr - die OSI-Bühne verlassen.

Peter Grottian starb 78-jährig nach schwerer Krankheit am Donnerstagabend in Bregenz fast auf den Tag genau 100 Jahre nach dem Gründungstag der liberalen Deutschen Hochschule für Politik, dem 24. Oktober 1920. Um deren Andenken hat er sich bis in die letzten Tage bemüht.

Hajo Funke

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