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Ein Besuch: Das Mädchen aus der Babyklappe

Lisa war der erste Säugling, der in einer Zehlendorfer Klinik abgegeben wurde. Jetzt hat sie mit ihren Adoptiveltern die Wiege besucht – und viele Fragen.

Von Sandra Dassler

Lisa Wald (die Namen aller Familienmitglieder wurden geändert) hüpft ungeduldig die Treppe des Empfangsgebäudes im Krankenhaus Waldfriede hinunter. „Ich weiß, wo sie ist“, ruft die Elfjährige und läuft mit ihrem sechsjährigen Bruder einen kleinen Pfad entlang. Ihre drei Schwestern, acht bis zehn Jahre alt, folgen aufgeregt. Dann stehen die fünf Kinder vor dem versteckt hinter Bäumen angebrachten Schild. „Babywiege“ steht darauf. „Hier lag’ ich drin“, verkündet Lisa. Es klingt andächtig. Und ein wenig stolz.

Dann suchen Lisas Augen die ihrer Mutter. „Stimmt doch, Mama, oder?“ Beate Wald nickt ihr zu: „Ja, und ich weiß noch genau, wie unglaublich klein du warst, als Papa und ich dich das erste Mal gesehen haben. Aber du hast dich ins Leben gekämpft.“

Lisa Wald war das erste Neugeborene, das in eine Berliner Babyklappe gelegt wurde. Gabriele Stangl, die als Seelsorgerin am Zehlendorfer Krankenhaus Waldfriede für die Einrichtung gekämpft hat, erinnert sich noch ganz genau: „Lisa – den Namen haben wir ausgesucht – wog nur knapp drei Pfund, wir mussten sie sofort zur Intensivbehandlung bringen. Die Ärzte wussten nicht, ob sie durchkommen würde.“

Auch um die unbekannte Mutter sorgten sich die Ärzte. „Sie sahen an dem Kind, dass es eine schwere, komplizierte Geburt war“, erzählt Gabriele Stangl: „Ohne ärztliche Behandlung kann die Frau oder das Mädchen es kaum geschafft haben.“

Weil solche Fälle gar nicht so selten sind, hat sich Gabriele Stangl auch dafür eingesetzt, dass Frauen im Krankenhaus Waldfriede ihre Kinder anonym, aber unter ärztlicher Aufsicht zur Welt bringen können, also ohne ihre Identität preiszugeben. Dafür ist sie oft angefeindet worden, aber das Krankenhaus steht hinter ihr, die Ärzte und Schwestern – auch, weil sie in den vergangenen zwölf Jahren vielen Frauen helfen konnten. Und weil sich fast jede dritte Frau entschloss, ihr Kind doch zu behalten und viele andere zumindest ihre Personalien hinterließen.

Die Gegner der Babyklappen und der Möglichkeit von anonymen Geburten argumentieren, dass man den Kindern damit das Recht verweigere, ihre Herkunft zu kennen. CDU-Bundesfamilienministerin Kristina Schröder will deshalb anonyme Geburten und weitere Babyklappen verbieten. Ihr Parteifreund, der Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja, hat sich gegen diese Pläne gewandt. Auch der evangelische Bischof Markus Dröge bezog in seiner Osterpredigt klare Position: Es sei immer noch besser, ein Kind kenne seine Herkunft nicht, als dass eine verzweifelte Mutter es sterben ließe.

„Sollen wir nicht ein Kind adoptieren?“

Lisa Wald weiß, dass sie neben ihrer Mama noch eine andere – sie nennt sie „Herkunftsmutter“ – hat. Die Elfjährige, deren langer Pferdeschwanz auf und ab wippt, wenn sie verschmitzt ihre Lieblingswitze erzählt und mit ihrem glockenhellen Lachen alle ansteckt, redet ohne jede Scheu darüber. Natürlich überlege sie manchmal, wie diese Herkunftsmutter wohl so sein mag, sagt sie. Und natürlich würde sie sich freuen, wenn diese Mama sich meldet. Aber wenn es halt nicht geht – „macht auch nichts“. Immerhin hat sie die Sachen, in denen die Herkunftsmama sie damals in die Babywiege legte, zur Erinnerung. „Die zieh’ ich manchmal meiner Puppe an“, sagt sie.

Beate und Bernd Wald, die Lisa vor elf Jahren adoptierten, lehnen die Pläne der Bundesfamilienministerin ab. „Natürlich sollte das nicht über Privatinitiativen erfolgen, sondern über zuverlässige Institutionen wie Krankenhäuser und Jugendämter“, sagt Lisas Vater: „Dann werden sich immer Menschen finden, die diese Kinder lieben.“

Bernd Wald weiß, wovon er redet. Zehn Jahre lang haben er und seine Frau vergeblich versucht, sich ihren Kinderwunsch zu erfüllen. „Sollen wir nicht ein Kind adoptieren?“, hat Bernd Wald eines Tages gefragt. Seine Frau war einverstanden, sie meldeten ihren Wunsch bei der Caritas an. Durchliefen alle Prüfungen und Gespräche, konnten es kaum fassen, als eines Tages der ersehnte Anruf kam.

„Ich hab sofort meinen Mann benachrichtigt, er war auf Dienstreise“, erzählt sie: „Er hat zu seinem Chef gesagt, dass er sofort nach Berlin zurück müsse, weil er Vater wird.“ Bernd Wald lächelt bei der Erinnerung. „Davon hast du ja gar nichts erzählt“, wunderten sich die Kollegen. „Ich erklär’s euch später“, hat er gesagt.

Dann saßen die Walds bei der Frau von der Caritas, die von dem kleinen Mädchen erzählte. Dass es in einer Babyklappe lag. Dass man eine Woche gebangt habe, ob das Kind überhaupt durchkommen würde. Dass noch immer Risiken bestünden: Vielleicht würde das Mädchen nie laufen können. Und natürlich sei auch nicht auszuschließen, dass sich die Mutter noch melde und die Walds das Kind wieder abgeben müssten.

Die Eheleute hörten aufmerksam zu, doch von dem Augenblick an, als sie das kleine Wesen im Inkubator sahen, war für sie nur noch wichtig, dass Lisa überleben würde. Jeden Tag kamen sie ins Krankenhaus, nahmen das Kind in den Arm, sangen ihm Lieder vor, waren überglücklich, als sie es endlich mit nach Hause nehmen konnten.

Dass sie später doch noch vier eigene Kinder bekamen – obwohl alle Ärzte gesagt hatten, dass dies nicht möglich sei – vermehrte die Freude nur. Als Lisa mit vier Jahren ihre schwangere Mama fragte, wie sie denn im Bauch gelegen habe, erzählte Beate Wald von der Herkunftsmama. „Wir wollten nicht lügen. Lisa hat sich damit zufrieden gegeben, später immer mal wieder nachgefragt“, sagt die 38-Jährige: „Vor einiger Zeit haben wir ihr dann die Babywiege gezeigt – jetzt sollten auch ihre Geschwister sehen, wo Lisa abgegeben wurde.“

Die fünf Geschwister finden die Babywiege im Krankenhaus Waldfriede gemütlich. „Da hat es das Baby ja gut“, sagt eine von Lisas Schwestern und bestaunt die bunten Kissen und Babydecken. „Ist es auch nicht zu heiß?“, fragt der kleine Bruder: „Das sieht ja aus wie ein Backofen.“

43 Kinder in vier Berliner Babyklappen

Gabriele Stangl erklärt den Kindern, dass es nicht zu heiß ist und dass ein Alarm angeht, wenn ein Baby in die Wiege gelegt wird. Und dass der Brief, der darin liegt, für die Mutter des Findelkindes gedacht ist. „Manche Mama überlegt sich später noch, dass sie ihr Baby doch behalten möchte“, sagt sie.

Lisas Mutter hat den Brief nicht mitgenommen – im Gegensatz zu den meisten anderen 20 Frauen, die ihr Kind im Krankenhaus Waldfriede abgaben. Manche haben sich noch Monate später gemeldet und Angaben zu ihrer Person gemacht. Eine Frau hat ihren Jungen nach einigen Tagen sogar zurückgeholt. Und bei allen Kindern wissen die Behörden, wer sie adoptiert hat. „Wir können den Weg jedes einzelnen nachvollziehen“, sagt Gabriele Stangl und kritisiert Berichte über angeblich verlorengegangene Kinder: „Die Jugendämter wissen immer Bescheid, auch bei anonymen Geburten.“

In den vier Berliner Babyklappen wurden bisher 43 Kinder abgegeben, bundesweit waren es mehrere hundert. Seit es die Babyklappen gibt, sank die Zahl der getöteten oder irgendwo ausgesetzten Kinder bundesweit von 40 bis 60 im Jahr auf unter 20. „Wir können natürlich nicht jeden Fall verhindern, in dem eine Frau ihr Kind tötet“, sagt Gabriele Stangl: „Manche Mütter erreichen wir einfach nicht, andere haben die Schwangerschaft verdrängt und geraten bei der Geburt in Panik. Aber jedes Leben zählt.“

Die 50-jährige Seelsorgerin schaut auf Lisa, die mit ihren vier Geschwistern um die Wette erzählt: Dass sie Geige spielt, Russisch und Englisch lernt und am liebsten Sportunterricht mag. Dass sie bis vor kurzem Pilot werden wollte, aber nun vielleicht doch nicht mehr. Und dass sie gern ein eigenes Pferd möchte.

Diesen Wunsch werden ihre Eltern nicht so schnell erfüllen können, auch wenn beide voll berufstätig sind. Dafür unternehmen sie viel mit den fünf Kindern und gehen sehr offen mit der Adoption ihrer Ältesten um. Trotzdem kommt es noch vor, dass die Eltern einer Klassenkameradin anrufen und fragen: „Lisa hat unserer Tochter erzählt, sie sei adoptiert, das stimmt doch nicht, oder?“ „Doch, das stimmt“, sagen Lisas Eltern dann. Sie haben auch eine Selbsthilfegruppe gegründet – um sich mit anderen auszutauschen und auch den älter werdenden Kindern die Möglichkeit zu geben, Menschen mit ähnlichen Schicksalen zu treffen.

Für diesen Artikel möchten die Walds aber anonym bleiben – um Lisas willen. Sie soll später, wenn sie erwachsen ist, selbst entscheiden, wie sie mit ihrer Geschichte umgeht, sagen die Eltern. Man merkt den beiden knapp 40-Jährigen die tiefe Liebe zu ihren fünf Kindern an. „Jedes von ihnen ist etwas ganz Besonderes“, sagt Beate Wald: „Auch und gerade Lisa, unsere Große.“

Und dann erzählt sie, wie Lisa an ihrem Geburtstag am 12. Oktober plötzlich gefragt hat: „Mama, meinst du, dass meine Herkunftsmama heute auch an mich denkt?“ Beate Wald hat nicht eine Sekunde gezögert: „Aber ganz bestimmt“, hat sie geantwortet: „Sie hatte dich doch auch lieb. Und wird diesen Tag ganz sicher nicht vergessen.“

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