• Demonstranten auf der Flaniermeile: Einweihung der autofreien Friedrichstraße in Berlin-Mitte abgesagt

Demonstranten auf der Flaniermeile : Einweihung der autofreien Friedrichstraße in Berlin-Mitte abgesagt

Am Sonnabend sollte die Fußgängerzone in der Friedrichstraße eröffnet werden – Gegendemonstranten der Corona-Proteste durchkreuzten den Plan.

Ein Radfahrer ist am Samstag auf der autofreien Friedrichstraße unterwegs.
Ein Radfahrer ist am Samstag auf der autofreien Friedrichstraße unterwegs.Foto: Fabian Sommer/dpa

Regine Günther sitzt vor einer Kaffeetasse, ein paar Meter entfernt vom U-Bahnhof Französische Straße. Ihr Tisch steht direkt auf der Friedrichsstraße, für die Verkehrssenatorin von den Grünen ist das schon mal ein kleines Zeichen für den Erfolg des Projekts. „Normalerweise“, sagt sie und deutet zu einer Glasfront, „hätte dieses Café seine Tische hier nicht aufstellen dürfen.“

Jetzt aber schon. Es ist Samstag, kurz vor 13 Uhr, in ein paar Minuten sollen Günther und Stephan von Dassel (Grüne), Bezirksbürgermeister von Mitte, die „Flaniermeile Friedrichstraße“ offiziell eröffnen; diese Zone zwischen Französischer und Leipziger Straße, eine Plattform nur für Fußgänger und Radfahrer.

Aber Sekunden später brechen Dutzende schwarz gekleidete Gegendemonstranten der Corona-Demo in die Flaniermeile, gefolgt von Polizisten. Großes Durcheinander, die Eröffnung wird kurzerhand verschoben, das Datum steht bei Redaktionsschluss noch nicht fest.

„Heute ist nicht der richtige Tag dafür“, sagte der stellvertretende Senatssprecher Julian Mieth am Samstagnachmittag zur abgesagten Eröffnung. Grund sei die spontane Auflösung der Demonstration der Initiative „Querdenken 711“, die sich gegen die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung richtet. Tausende Demonstranten hatten sich im Umfeld der Friedrichstraße versammelt.

Bis zum Auftauchen der Demonstranten auf der Flaniermeile ist freilich alles entspannt. Auf den Sitzflächen auf der Straße genießen viele, vor allem junge Leute, die Sonne, und ab und zu fährt gemächlich ein Radfahrer vorbei. Niemand muss hektisch ausweichen, und Regine Günther sagt: „Ist doch eine schöne Atmosphäre hier.“

„Wir werden uns Wünschen, die an uns herangetragen werden, nicht verschließen“

65 Bäume in Kübeln sind aufgestellt, dünne Bäume, sie haben deshalb nicht allzu viel Grün und wirken in der Szenerie auch ein wenig verloren. Man hat sie halt irgendwo hingestellt. Ende Januar sind sie wieder weg, bis dahin läuft das Projekt „Flaniermeile Friedrichstraße“.

Aber Verbesserungen, gerade beim Grün, während der Zeit des Experiments „Flaniermeile“ sind durchaus erwünscht. Andere Forderungen auch. „Wir werden uns Wünschen, die an uns herangetragen werden, nicht verschließen“, sagt Regine Günther. Ihr gehe es um das „Gesamtpaket“. Jeder müsse auf seine Kosten kommen, Fußgänger ebenso wie Radfahrer und Geschäftsleute. „Mir ist das Miteinander wichtig“, sagt die Senatorin.

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Da ist noch einiges zu tun. Fußgänger befürchten, dass Radfahrer das Tempo-20-Schild am Beginn der Meile als unverbindliche Empfehlung betrachten und sich rüde durch den Fußgängerverkehr schlängeln, und Geschäftsleute haben Angst vor wirtschaftlichen Einbußen. Geliefert wird über Seitenstraßen, es muss sich zeigen, ob das reibungslos läuft.

Bei einem jungen Mann, der seine Designerbrille ins Haar geschoben hat und Milchkaffee trinkt, ist von Skepsis allerdings nichts zu spüren. „Ich genieße die Ruhe“,sagt er. Und sein Nachbar, der täglich mit dem Rad durch die Friedrichstraße zur Arbeit fährt, ist „sehr froh, dass die Autos weg sind“.

Dafür sind um 13 Uhr Demonstranten und Polizisten da. Die Beamten bilden Riegel und lassen zeitweise niemanden durch. Auch eine Frau in einer pinken Jacke, blauer Jeans, blauer Bluse und Mundschutz nicht. „Sie müssen leider warten“, sagt ein Polizist höflich. „Entschuldigung, ich bin die Senatorin für Verkehr, ich muss dringend durch“, antwortet Regine Günther. Sie darf passieren.

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