Diabetes mellitus : „Die Forschung hat große Sprünge gemacht“

Diabetes mellitus ist eine Volkskrankheit. Wir haben mit Charité-Experte Joachim Spranger über Hoffnungen und neueste Behandlungsansätze gesprochen.

Leonard Hillmann
Insulinmangel. Diabetes Typ 1 ist körpereigen und tritt vor allem bei Jugendlichen auf.
Insulinmangel. Diabetes Typ 1 ist körpereigen und tritt vor allem bei Jugendlichen auf.Foto: dpa/Jens Kalaene

Herr Spranger, die wichtigste Frage gleich vorweg: Wird Diabetes mellitus in absehbarer Zeit heilbar sein?

Innerhalb der nächsten paar Jahre sind wir von einem heilenden Medikament gegen Diabetes leider noch weit entfernt. Aber man kann einige Formen der Krankheit durchaus erfolgreich behandeln. Denn es gibt ja mehrere Diabetestypen. Zu den häufigsten zählen zwei Formen: Der Typ-1- oder auch Autoimmundiabetes tritt eher bei jüngeren Menschen auf, der Typ-2-Diabetes eher bei übergewichtigen und älteren Patienten.

Während beim Typ 1 durch einen Mangel am körpereigenen Insulin der Diabetes zwangläufig auftritt, wird der Typ-2- Diabetes wesentlich über Lebensstil-Faktoren beeinflusst. Das bedeutet, dass man es selbst in der Hand hat, das Auftreten des Diabetes zu verhindern oder zumindest zu verzögern – durch eine Umstellung auf eine gesündere Lebensweise.

Wenn es ein Betroffener schafft, von selbst oder beispielsweise auch durch operative Eingriffe wie eine Magenverkleinerung deutlich an Gewicht zu verlieren, kann es sogar sein, dass der Diabetes wieder verschwindet. Von daher kann man in diesen Fällen dann durchaus von einer Heilung sprechen – zwar nicht im Sinne eines Wundermittels, sondern vielmehr durch die gesunde Lebensweise, die sich positiv auf den gesamten Körper auswirkt.

Weil Sie gerade Operationen erwähnten: Wie erfolgreich sind mittlerweile chirurgische Eingriffe in der Diabetestherapie, zum Beispiel die Verpflanzung einer Bauchspeicheldrüse?

Eine Pankreastransplantation kommt nur für Typ-1-Diabetiker infrage, und damit also nicht für den im Vergleich viel häufiger vorkommenden Typ-2-Diabetes. Das Verfahren ist zwar möglich, wird in Deutschland aber relativ selten eingesetzt. Bisher wurde es vor allem in Kombination mit einer Nierentransplantation bei Patienten angewandt, deren Diabetes nur schlecht medikamentös eingestellt werden kann.

Grundsätzlich kann die Transplantation durchaus hilfreich sein, um die Lebensqualität der Patienten zu verbessern. Die Betroffenen müssen danach allerdings dauerhaft das Immunsystem unterdrückende Medikamente einnehmen, um Abstoßungsreaktion gegen das implantierte Organ zu vermeiden. Bisherige Beobachtungen zeigten, dass sich durch die Transplantation die Blutzuckereinstellung der Patienten auch über Jahre verbessert hat. Es handelt sich also um ein durchaus erfolgsversprechendes Verfahren, insgesamt kommen aber nur wenige Patienten dafür infrage, auch aufgrund der geringen Zahl der Spenderorgane.

In diesem chirurgischen Zusammenhang zielt ein neuartiger Behandlungsansatz beim Typ-1-Diabetes auf einen sogenannten Bioreaktor ab. Was hat es mit diesem „Insulin aus der Dose“ auf sich?

Beim Diabetes spielen vor allem die Inselzellen in der Bauchspeicheldrüse eine wichtige Rolle. Sie produzieren das Insulin, aber auch andere Hormone wie etwa den Insulin-„Gegenspieler“ Glucagon. Neben der erwähnten Bauchspeicheldrüsentransplantation wird deshalb auch in Deutschland an Verfahren geforscht, nicht das gesamte Organ zu verpflanzen, sondern nur die in diesem Falle entscheidenden Inselzellen. Dazu muss man sie aus einem Spenderorgan gewinnen und dem Patienten über die Venen spritzen. Dann setzen sich die Zellen typischerweise in der Leber ab und produzieren dort die lebenswichtigen Hormone.

Aber auch hiernach ist der Patient von einer kontinuierlichen Behandlung mit starken, das Immunsystem unterdrückenden Medikamenten abhängig. Der Bioreaktor zielt nun darauf ab, dass die körperfremden Inselzellen so „verpackt“ werden, dass sie einerseits die Hormone an den Körper abgeben können, andererseits aber vom Immunsystem abgeschirmt sind. Die Immunabwehr erkennt die Inselzellen dann nicht als fremdes Material und bekämpft sie auch nicht. Hierbei gilt es einige komplexe technische Probleme zu meistern, etwa die Sauerstoffversorgung der Zellen gewährleisten zu können oder den Bioreaktor durchlässig für Insulin bleiben zu lassen.

Das Verfahren ist durchaus vielversprechend, da man mit diesem Ansatz theoretisch auch Transplantate von Tieren wie etwa Schweinen nutzen könnte. Wir befinden uns aber klar noch im experimentellen Stadium. Wann der Bioreaktor so weit ausgereift ist, um regulär in die Klinik zu kommen, lässt sich momentan nicht sagen.

Wie sieht es denn mit technischen Alternativen aus? Schon jetzt nutzen viele Diabetes- Patienten Insulinpumpen, die im Laufe des Tages die benötigte Menge Insulin an den Körper abgeben. Bisher muss der Patient ja die Menge des Insulins noch durch die Blutzuckermessung bestimmen. Wenn die Pumpe es nun hinbekäme, den Blutzucker selbst zu messen und dann die jeweils nötige Menge Insulin automatisch zu dosieren, wäre das doch eine Art künstliche Bauchspeicheldrüse.

Für die kommenden Jahre schätze ich das als sehr viel realistischer ein als die beiden zuvor genannten Verfahren. Diese Methode wird in den kommenden Jahren sehr wahrscheinlich eine Therapieoption bieten. Wir arbeiten bereits jetzt schon mit Apparaten, die kontinuierliche Blutzuckermessungen über zwei Wochen vornehmen können. Und es gibt mittlerweile schon eine Reihe von Studien, in denen diese kontinuierlichen Glukose-Messungen an computergesteuerte Pumpensysteme gekoppelt sind. Damit kann man vor allem den gefährlichen Komplikationen einer Unterzuckerung entgegenwirken.

In den USA wird solch ein Verfahren zur Behandlung gerade zugelassen: Es steuert die Abgabe von Basalinsulin, also nicht die an eine Mahlzeit angepasste, sondern die kontinuierlich über den Tag benötigte Insulindosis. In Deutschland gibt es solche Kopplungsgeräte auch bereits, aber bisher noch vor allem als Sicherheitsvorrichtung, die im Falle einer Unterzuckerung die Pumpe automatisch abschaltet.

Bisher sprachen wir über Therapieoptionen für den Diabetes mellitus Typ 1. Welche neuen Verfahren sind bei der Behandlung des sehr viel häufiger vorkommenden Typ-2-Diabetes in der Pipeline?

Beim Typ 2 hat die medizinische Forschung vor allem in der Medikamentenentwicklungen große Sprünge nach vorn gemacht. Das ist schon bemerkenswert, weil zuvor über viele Jahrzehnte keine nennenswerten Weiterentwicklungen erfolgten. Aber in den letzten drei bis vier Jahren kam gleich eine ganze Reihe von neuen vielversprechenden Mitteln auf den Markt. Dazu zählen etwa die Medikamentengruppe der sogenannten SGLT-2- Hemmer, die über die Niere wirken und dazu führen, dass vermehrt Zucker über den Harn ausgeschieden wird und so ein hoher Blutzuckerspiegel gesenkt wird. Außerdem unterstützen sie die Gewichtsabnahme, können den Blutdruck senken und eine diabetische Nierenschädigung verzögern. In großen Studien konnte gezeigt werden, dass sie das Sterblichkeits- risiko bei Diabetespatienten reduzieren konnten.

Beträchtliche Erfolge zeigten sich auch für die Gruppe der sogenannten GLP-1- Analoga. Diese Wirkstoffe muss man sich in das Unterhaut-Fettgewebe spritzen. Sie sind zwar schon länger bekannt. Doch nun zeigen Studien, dass die Präparate ebenfalls die Sterblichkeitsrate verbessern, eine verstärkte Gewichtsabnahme begünstigen sowie die Blutzuckerwerte bessern konnten. Die weiterentwickelten Medikamente sind ein deutlicher Fortschritt in der Diabetes-Therapie. Ich erwarte auch noch weitere neue Präparate.

Neben der medikamentösen Therapie erkennt man auch immer mehr die Vorteile einer chirurgischen Magenverkleinerung. Bei den Patienten, die dafür geeignet sind, erkennt die Forschung immer deutlichere Vorteile sowohl für die Lebensqualität als auch für die Blutzuckereinstellung und letztlich auch für die Sterblichkeit. Auch die dafür eingesetzten Operationsverfahren werden immer feiner. Unsere Chirurgen beispielsweise testen im interdisziplinären Adipositaszentrum der Charité bereits endoskopische Magenverkleinerungen, was natürlich einen gewaltigen Fortschritt darstellt.

Das Interview führte Leonard Hillmann. Joachim Spranger ist Direktor der Medizinischen Klinik für Endokrinologie und Stoffwechselmedizin der Charite. Noch mehr Artikel zu Themen, die den Stoffwechsel betreffen, finden Sie in der Ausgabe NR. 12 des Magazins „Tagesspiegel GESUND“. Es kostet 6,50 Euro und ist erhältlich im Tagesspiegel-Shop, www.tagesspiegel.de/shop, Tel. 29021-520 sowie im Zeitschriftenhandel. Aus dem Inhalt: „Unser Körper braucht Fette, Kohlenhydrate und Proteine – aber die richtigen müssen es sein“, „Atmen dient der Sauerstoffaufnahme – und weist uns den Weg zur inneren Ruhe“, „Magenverkleinerung – vor 20 Jahren noch verpönt, heute ein anerkanntes Verfahren“, „Warum Diabetes sogar die Psyche angreift“, „Testosteron – das Sexualhormon macht aus Jungs Männer“. Außerdem: Eine Vergleichstabelle mit Ärzteempfehlungen für Berliner Kliniken, die Diabetes Typ 1, Schilddrüsenvergrößerungen und COPD behandeln.

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