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"Ein neuer Glanzpunkt unserer Metropole" : Cirque du Soleil zieht an den Potsdamer Platz

Das ehemalige Musicaltheater am Potsdamer Platz wird ab Winter 2020 feste Spielstätte des Cirque du Soleil. Die Show wird eigens für Berlin entwickelt.

Bald ständig in Berlin: der Cirque du Soleil
Bald ständig in Berlin: der Cirque du SoleilFoto: Humberto Ohana/ZUMA Wire/dpa

Hinterm Horizont geht’s weiter, da hat Udo Lindenberg sicher recht, fragt sich nur: Wann genau? Im Spätsommer 2016 öffnete sich zum letzten Mal im Theater am Potsdamer Platz der Vorhang zu dem mit jeder Menge Lindenberg-Songs aufwartenden Musical. Die jahrelange Zugnummer über Lindenbergs Mädchen aus Ost-Berlin zog nicht mehr so recht, ein anderes Stück war nicht in Sicht, und so ließ der Betreiber, die Stage Entertainment, das Riesenhaus lieber leerstehen, durch einen Mietvertrag bis 2022 gebunden. Die alljährliche Berlinale war davon nicht betroffen, die Stars liefen über den roten Teppich wie eh und je, hin und wieder gab es auch Gastspiele von diesem oder jenem Veranstalter, dazwischen dümpelte das Berliner Flaggschiff der leichten Muse sinnlos vor sich hin. Kein Horizont in Sicht, nirgends.
Seit dem gestrigen Montag aber schon. Da gab der in Frankfurt am Main ansässige Unterhaltungsriese Live Nation bekannt, dass er ab Mai kommenden Jahres der Betreiber des Hauses sein werde. Es hat also ein Arrangement zwischen dem Vermieter Brookfield, dem alten Mieter Stage Entertainment und dem neuen Live Nation gegeben – zur Zufriedenheit aller Seiten.

Das Theater wurde für mehr als fünf Jahre gemietet

Fürs Publikum interessanter war freilich die Information über den Inhalt, mit dem der neue Betreiber die leeren Sitze zu füllen gedenkt. Sie bedeutet eine Art Sonnenaufgang für das genau genommen nicht am Potsdamer Platz, sondern am Marlene-Dietrich-Platz gelegene Theater: Ab Winter 2020 soll dort der kanadische Cirque de Soleil, nein, nicht gastieren, sondern das Haus als „erste europäische ,Residenz’“ nutzen, wie es bei Live Nation heißt. Eine feste Spielstätte also, gemietet für „mehr als fünf Jahre“, wie es bei dem Frankfurter Unternehmen heißt. Man hofft also, langfristig die Berliner und die Touristen für den Sonnenzirkus begeistern zu können. Die Berlinale sei davon nicht betroffen, die könne weiterhin das Haus ihre zwei Wochen im Februar nutzen, wird versichert.

Es wird auch nicht irgendeine, anderswo schon oft gezeigte Show sein, sondern eine, die eigens für Berlin entwickelt wird und zu der die Proben in Berlin im Mai beginnen sollen. Sie werde von der Stadt an der Spree und ihrer Kultur inspiriert sein, „wobei die Essenz des Cirque du Soleil natürlich Dreh- und Angelpunkt bleibt“. Und das bedeutet erstklassige, fantasievoll verpackte Artistik, stets nah am Theater, mit Livemusik und die Nummern irgendwie zu einer angedeuteten Story verbunden.

Die neuen Herren am Potsdamer Platz: Finn Taylor, Senior Vice President bei Cirque du Soleil, und Marek Lieberberg, CEO von Live Nation (re.).
Die neuen Herren am Potsdamer Platz: Finn Taylor, Senior Vice President bei Cirque du Soleil, und Marek Lieberberg, CEO von Live...Foto: Promo

Der Regierende Bürgermeister Michael Müller bezeichnete die Standortwahl des Cirque du Soleil als "einen großen Erfolg für die Unterhaltungsbranche und insgesamt für die Wirtschaft unserer Stadt". Bereits 2017 habe er in ersten Gesprächen in Montréal die Entscheidung angebahnt und dann auch begleitet. Er sei sicher, dass "auch der Potsdamer Platz dadurch mit neuem Leben erfüllt" und "einmal mehr zum Glanzpunkt unserer Metropole" werde.

Der Präsident und CEO der Cirque du Soleil Entertainment Group, Daniel Lamarre, sieht in der neuen Show sogar „eine wundervolle Weise, die 25-jährige Beziehung mit der Stadt zu feiern“. 1995 war der Zirkus mit seiner Show „Saltimbanco“ zum ersten Mal in Berlin, schon damals am Potsdamer Platz, allerdings in einem weißen Zelt, die Bebauung kam später. Zahlreiche weitere Gastspiele folgten, das bislang letzte fand erst im Vorjahr in der Mercedes-Benz-Arena statt: „Toruk“, inspiriert von James Camerons Film „Avatar“. Darin war das Volk der Na’vi und ihr Lebensbaum von einer Naturkatastrophe bedroht, die nur durch eine „reine Seele“ abgewendet werden konnte. Zwei furchtlose Jungen machten sich erfolgreich auf die abenteuerliche Suche – mit Akrobatik, Tanz und Musik.

Marek Lieberberg, CEO von Live Nation in Deutschland, Österreich und der Schweiz, habe schon lange die Idee gehabt, den Cirque du Soleil in ein festes Haus nach Deutschland zu holen, hieß es in seinem Unternehmen. Das Problem sei gewesen, das richtige Theater zu finden – eine Suche, bei der man sich jetzt auf der Erfolgsspur glaubt. Jährlich könnten rund 400 000 Besucher die Aufführungen erleben, hieß es optimistisch.

Auch Lieberberg zeigte sich „wirklich begeistert über die Weltpremiere, denn uns alle eint dieselbe fantastische Vision, das Publikum mit außerordentlichen Ereignissen zu inspirieren“. Sein besonderer Dank gehe an die Partner vom Cirque du Soleil „für das Vertrauen, das sie in uns gesetzt haben“. Näheres zum Programm und seinen Machern soll bei einer Pressekonferenz im November bekannt gegeben werden, der Ticketverkauf Ende des Jahres beginnen.
So dürfte es also mit dem Areal des Potsdamer Platzes, der vorzeitig in die Jahre gekommen zu sein schien, wieder etwas aufwärts gehen. Auch die zu großen Teilen schon entmieteten Potsdamer Platz Arkaden sollen ja wieder aufgemöbelt und den Seh-, Flanier- und vor allem Kaufgewohnheiten der Gegenwart angepasst werden. Da kann ein funktionierendes Großtheater sicher nur helfen, und die wieder flüssiger durch die Arkaden strömenden Käufermassen dürften auch ein potentielles Zirkuspublikum abgeben.

1800 Plätze sind im Theater zu füllen

Eröffnet wurde das Theater 1999 mit viel Tamtam, damals betrieben von der Stella AG. Insgesamt 1800 Plätze sind dort zu füllen, auf denen sich seit drei Jahren der allerdings von niemandem mehr aufgewirbelte Staub niederlässt. Nun, das dürfte sich ändern, wenn erst die Akrobaten durch die Lüfte schwingen, ihre Saltos oder Purzelbäume schlagen. Udo Lindenberg hatte also doch recht: Hinterm Horizont geht’s weiter.

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