Erstes Duschmobil für obdachlose Frauen : 90 Minuten für Körper- und Seelenpflege

Deutschlands erstes Duschmobil für obdachlose Frauen steht in Berlin. Es ist eine emotionale Rettungsinsel, die Frauen können sich dort pflegen und entspannen.

Endlich mal wieder duschen. Vor allem an Brennpunkten von Obdachlosen wird das Duschmobil stehen.
Endlich mal wieder duschen. Vor allem an Brennpunkten von Obdachlosen wird das Duschmobil stehen.promo

Zum Badezimmer geht’s am Urwald vorbei. Zwei Schritte auf einem Trittbrett, dann steht man in einem Vorraum, dahinter das Bad, mit blauen Wänden, viel Tageslicht und ausreichend Platz unter der Dusche. Der Urwald ist als Motiv an die Außenseite angeklebt, an der Seite des Transporters. Aber alles andere ist echt. Willkommen im ersten Duschmobil für wohnungslose Frauen, das es in Deutschland gibt. Der Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) betreut es, nun wurde es am Badeschiff in Treptow feierlich übergeben.

Zwischen 6000 und 9000 Obdachlose in Berlin

Zwischen 6000 und 9000 Obdachlose leben in Berlin, die genaue Zahl weiß niemand. Rund ein Drittel davon sind Frauen. Allein der SkF mit seinen Hilfseinrichtungen, darunter „Evas Haltestelle“ in der Müllerstraße, eine Notunterkunft mit 20 Schlafplätzen, hat im vergangenen Jahr 688 Frauen betreut.

Im Duschmobil finden diese Frauen Ruhe, einen Ort, an dem sie nicht bloß durchatmen können, hier finden sie auch zu dem Gefühl von Würde, zum Gefühl, sich wieder wirklich als Frau empfinden zu können. „Sie können sich eincremen, ihre Nägel machen, sie können alle Mühe mal wegduschen“, sagt Elke Ihrlich, Bereichsleiterin des SkF. Vor allem können sie sich mal fallen lassen, 90 Minuten seelischer Genuss, keine Hektik, kein Blick auf die Uhr – Inseln der emotionalen Seelenstärke. In Notunterkünften ist die Duschzeit meist auf fünf Minuten begrenzt.

In einem Vorraum des Duschmobils erhalten die Frauen Kaffee und Croissants. Der Unternehmer Matthias Müller von „workerfashion M.M. Team GmbH“ hat es gespendet, er bezahlt auch die Instandhaltungskosten. Der Bezirk Mitte übernimmt in den ersten vier Monaten die Kosten für die zwei Teilzeit-Fachkräfte, die im Mobil die Frauen betreuen. Der SkF hofft, dass anschließend die Senatsverwaltung für Arbeit Geld überweist. Ansonsten müsste alles über Spenden finanziert werden. Das Duschmobil wird vor allem an Brennpunkten von Obdachlosen platziert, am Hansaplatz zum Beispiel. Aber auch dort etwas abseits, damit die Frauen das Gefühl haben, ihre Privatsphäre werde respektiert.

Scham spielt eine große Rolle

Das sind dann kurze, kostbare Zeiträume, Kontrastpunkte zu einem Leben, dessen Konstanten Misstrauen, Angst, psychische Belastung und Scham sind. Das Leben als Obdachlose ist für Frauen ein permanentes Scannen der Umwelt. Wo droht mir Gefahr, wem kann ich vertrauen, wie verberge ich meine Situation und bewahre die Fassade?

Der Kampf um die Fassade absorbiert unendlich viel Energie. Frauen versuchen so lange wie möglich, viel länger als Männer, den Weg zum Alltag auf der Straße zu vermeiden. Wenn sie eine Freundin oder Bekannte finden, bei der sie unterkommen, haben sie noch Glück. Wenn sie nur Männer finden, die ihnen ein Bett nur für Gegenleistungen anbieten, oft Sex, sind sie in der Spirale des Abstiegs gefangen. Sie haben nicht bloß ihre Wohnung verloren, sie sind auch noch in der Abhängigkeit eines Mannes, der ihre Probleme noch verstärkt. Und letztlich, wenn der Leidensdruck zu groß wird, landen sie doch mit hartem Aufprall auf der Straße und flüchten in den Schutz von „Evas Haltestelle“.

Alle Frauen sind überfordert

Eine weitere Konstante im Leben dieser Frauen ist der Umstand, „dass alle psychisch überfordert sind“, sagt Elke Ihrlich. Häusliche Gewalt, der Verlust der Wohnung, das Fehlen von sozialen Netzwerken, die einen Menschen in Not auffangen, das alles gehört zu ihren Geschichten. Die Überforderung beginnt ja nicht erst bei der Suche nach einem Schlafplatz für die Nacht. Und die Not kennt keine sozialen Grenzen. Juristinnen gehören ebenso zur SkF-Klientel wie Frauen, die nie einen anderen Ernährer hatten als das Jobcenter. Und die Not frisst sich wie ein Geschwür durch die Gesellschaft. „Jetzt ist wegen der Wohnungsnot auch der Mittelstand bedroht“, sagt Elke Ihrlich. „Wer seine Wohnung verliert, findet nur sehr schwer eine neue.“

Und plötzlich stehen dann Frauen unter den Wasserstrahlen des Duschmobils, die Monate zuvor noch Wohnung und Haushalt hatten. Aber 90 Minuten Entspannung bedeuten, dass täglich nur wenige Frauen Seelenmassage genießen können. „Das ist so“, sagt Elke Ihrlich, „notfalls müssen wir Wartelisten erstellen.“

Lieber ist ihr allerdings eine andere Lösung. „Im Notfall hoffen wir auf ein zweites Duschmobil.“

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