Fahren wir immer aggressiver? : Wenn das Auto zur „Tatwaffe“ wird

Drängeln, Hupen, Schneiden – der Egoismus auf den Straßen nimmt seit Jahren zu, sagen viele. Aber stimmt das auch?

Statistiken gibt es keine. Fast jeder kann aber Geschichten über aggressives Verhalten im Verkehr erzählen.
Statistiken gibt es keine. Fast jeder kann aber Geschichten über aggressives Verhalten im Verkehr erzählen.Foto: DPA

Abbieger fahren Fußgängern an grünen Ampeln fast über die Hacken, Autofahrer treten bei Dunkelgelb noch mal richtig aufs Gas und hupen auf Verdacht, wenn es ihnen nicht schnell genug geht. Radfahrer werden zu verkehrserzieherischen Zwecken – gern neben Radwegen, die sie gar nicht benutzen müssen – angebrüllt und geschnitten. Die wiederum flüchten auf die Gehwege, wo sie sich den Fußgängern gegenüber nicht besser benehmen.

Fast jeder, mit dem man sich in Berlin über den Straßenverkehr unterhält, berichtet solche Geschichten und sagt, die Aggression werde zunehmend unerträglich. Die Frage ist, ob das so stimmt.

Diese Menschen sind am häufigsten aggressiv im Straßenverkehr

Dass die voller werdende Stadt den Druck erhöht, liegt nahe. Aber objektive Antworten sind praktisch nirgends zu bekommen, wohl aber einige Indizien. Aggression ist selbst kein Delikt – und kann auch subjektiv empfunden werden. Siegfried Brockmann, einer der renommiertesten Experten für Verkehrssicherheit, berichtet vom Verkehrsgerichtstag in Goslar, der sich vor Jahren mit dem Thema befasst hat: „Dabei ist klar geworden, dass sich das Thema nicht wirklich fassen lässt.“

Mittes schlimmste Radwege
Maximale Behinderung von Fußgängern und Radfahrern - hier noch einmal die Situation von unten. Lieferanten können temporäre Halteverbote bei den Bezirken beantragen.Weitere Bilder anzeigen
1 von 72Foto: Alexander von Seltmann
20.06.2018 10:25Maximale Behinderung von Fußgängern und Radfahrern - hier noch einmal die Situation von unten. Lieferanten können temporäre...

Ein Beispiel sei Drängelei: Der Vordermann könne sie als Aggression empfinden, während der Drängler vielleicht nur träumt oder die Lücke nicht so groß werden lassen will, dass jemand einschert. Um dem Ausmaß der Aggression näherzukommen, hat Brockmann die Datenbank der Unfallforschung der Versicherer (UDV), die er selbst leitet, nach bestimmten Delikten durchsucht, die aus Aggression resultieren können: stark überhöhtes Tempo, offensive Drängelei, riskantes Überholen und Schneiden bis hin zum Ausbremsen des Nachfolgenden. Rund ein Drittel aller Verkehrstoten in Deutschland entfällt auf diese Delikte.

[In unseren Leute-Newslettern berichten wir wöchentlich aus den zwölf Berliner Bezirken. Die Newsletter können Sie hier kostenlos bestellen: leute.tagesspiegel.de]

Anhand wissenschaftlicher Untersuchungen der UDV erkannte Brockmann, dass Aggressionstaten häufig von Menschen mit geringer Selbstkontrolle begangen werden, für die vor allem ihr kurzfristiger Vorteil zählt. Diese Täter treffen im Straßenverkehr unentwegt auf „Behinderungen“ durch andere Verkehrsteilnehmer, gegen die sie mit ihrem Fahrzeug als frei zugänglicher „Tatwaffe“ vorgehen können.

Unfallforscher Siegfried Brockmann an der Kreuzung Eberswalder Straße / Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg.
Unfallforscher Siegfried Brockmann an der Kreuzung Eberswalder Straße / Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg.Doris Spiekermann-Klaas TSP

Brockmann: Menschen mit aggressiver Grundhaltung ausschließen

Angesichts der furchtbaren Folgen, die das haben kann, resümiert Brockmann, dass Menschen mit aggressiver Grundhaltung „erkannt und von der Teilnahme am Straßenverkehr ausgeschlossen werden“ müssen.

Die Mittel dafür seien ein entsprechend fokussiertes Punktesystem in der Flensburger Verkehrssünderkartei, die Einstufung von Raserei als Straftat, gezielte polizeiliche Überwachung möglichst mit zivilen Videowagen und die Anpassung von Fahrassistenzsystemen, die Raserei und andere Verkehrsverstöße erschweren. Letzteres wäre technisch längst machbar.

Verkehrspsychologen erklären die geringe Hemmschwelle im Straßenverkehr traditionell mit dem Auto, das vom Fahrer selbst als persönliche „Trutzburg“ empfunden wird, in der er von anonymen Widersachern umgeben ist. Anders gesagt: Es fällt zumindest dem Durchschnittsmenschen schwerer, jemanden zu beschimpfen, wenn er ihm dabei ins Gesicht schaut.

Auf dem Schreibtisch von Andreas Winkelmann landen die Fälle, in denen es nicht beim Hupen oder Meckern geblieben ist. „Die Aggression hat sowohl im Fahrverhalten als auch im Verhalten drum herum zugenommen“, sagt der auf Verkehrsstrafsachen spezialisierte Abteilungsleiter der Amtsanwaltschaft.

„Ich mache den Job seit 25 Jahren und erlebe immer häufiger, dass sich wegen Lächerlichkeiten beschimpft wird und dann ganz schnell die Fäuste fliegen.“ Die Tätergruppe sei heterogen, aber die Erklärungsmuster ähnelten sich: Hektik, Termindruck, Egoismus.

Radfahrer pochen stärker auf ihre Rechte

Eine Statistik zu seinem subjektiven Eindruck hat auch der Ankläger nicht – weil keine geführt werde. Typische Aggressionstaten sind Beleidigung, Körperverletzung und Nötigung. Aber bisher werde nur für Letztere in den Akten vermerkt, ob sie im Verkehr begangen worden sei.

„Wenn die Senatsverwaltung es wünschen würde, müssten wir zu den fraglichen Straftaten ein statistisches Merkmal anlegen“, sagt Winkelmann. „Dann ließen sich die Delikte klar zuordnen und langfristig die Trends sehen.“

Aggression im Verkehr – das sagen Experten:

  • Menschen, die sich aggressiv verhalten, sollten aus dem Straßenverkehr ausgeschlossen werden
  • Raserei sollte als Straftat gelten
  • Das Flensburger Punktesystem soll aggressives Verhalten hervorheben
  • Hektik, Termindruck und Egoismus sind Faktoren für Aggression
  • Das Auto wird als „Trutzburg“ empfunden – das ist ein Problem
  • Aggression wird subjektiv empfunden

Leif Hermann Kroll vertritt als Verteidiger in Verkehrsstrafsachen oft die Gegenseite. Er ist seit 15 Jahren im Beruf und „würde sagen, dass die Aggression der Autofahrer untereinander schon immer relativ groß war“. Oft stecke nach seinem Eindruck typisch deutsche Rechthaberei dahinter – plus Berlin-Zulage.

Einerseits fielen Hermann Kroll Radfahrer auf, „die forscher auf ihre Rechte pochen als früher“ – was er verstehen könne, aber bei Verkehrsteilnehmern ohne Knautschzone bedenklich finde. Andererseits seien Berliner Autofahrer im Allgemeinen weniger rücksichtsvoll als beispielsweise die in seiner ostwestfälischen Heimat, sagt Kroll. Aber auch das ist eher ein Gefühl.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!