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© Henning Onken

Tagesspiegel Plus

Fallstricke der Berliner Unfallstatistik: Wo auch Tempo 45 zu schnell ist – und Falschparker unsichtbar bleiben

Die Polizei führt detaillierte Statistiken zu Verkehrsunfällen auf Berlins Straßen. Aber wesentliche Aspekte werden dabei übersehen.

Zu beziffern vermag die Polizei ihren Aufwand nicht. Aber es dürfte viel Arbeit stecken in den jährlichen „Sonderuntersuchungen“, in denen die Behörde das Verkehrsunfallgeschehen bestimmter Gruppen – Kinder, junge Erwachsene, Senioren, Fußgänger, Radfahrer – untersucht. Auf teils mehr als 100 Seiten werden die jeweiligen Unfallhäufigkeiten nach Ursachen sowie zeitlicher und räumlicher Verteilung aufgedröselt.

So erfährt man beispielsweise, dass 18- bis 24-Jährige sowie Menschen ab 65 Jahren besonders häufig in Unfälle mit Personenschäden verwickelt sind, dass Fußgänger zwischen November und Januar wesentlich häufiger verunglücken als in den helleren Monaten und dass deutlich mehr Jungen als Mädchen Unfälle verursachen, insbesondere auf dem Rad.

Welche Rolle spielt die Infrastruktur?

So gründlich die Statistik geführt wird, so fragwürdig ist ihr praktischer Wert. Zum einen interessieren sich die Bezirke wenig für die Erkenntnisse, die ihnen die Polizei seit Anfang der 2000er-Jahre als Service liefert, ohne dass sie dazu verpflichtet wäre. Die Behörde selbst berücksichtige ihre Erkenntnisse „unter anderem im Rahmen der polizeilichen Verkehrssicherheitsarbeit“, heißt es auf Anfrage. Man erfasse „mehr Kriterien als gesetzlich gefordert“. Aber auch die richtigen? Mehrere Fachleute sehen das aus unterschiedlichen Gründen kritisch.

An den Hauptursachen aller Unfälle in Berlin hat sich über die Jahre wenig geändert: Abbiegefehler dominieren vor Vorfahrts- und Tempoverstößen. Doch letztere Ursache, konkret: „nicht angepasste Geschwindigkeit“, hat in absoluten Zahlen im Zehnjahresvergleich angeblich um mehr als zwei Drittel abgenommen. Ohne die Radfahrer, die die Ausnahme von diesem überraschenden Trend bilden, wäre der Rückgang sogar noch viel stärker.

Auf Anfrage, wie dieses Phänomen zustande kommt, erklärt die Polizei, dass es wohl nicht mit einer dramatisch verbesserten Verkehrsmoral der Autofahrer zu tun haben dürfte. Vielleicht sei einfach der Verkehr dichter geworden.

„Unangepasstes Tempo“ heißt nicht „schneller als erlaubt“

Siegfried Brockmann, der die Unfallforschung der Versicherer (UdV) leitet, findet den von der Polizei betriebenen Aufwand prinzipiell löblich – und fürchtet zugleich, dass die Darstellung ein gefährliches Missverständnis zementiert: „Unangepasste Geschwindigkeit“ werde landläufig mit Raserei, also einem Verstoß gegen das Tempolimit, assoziiert.

Tatsächlich ist „unangepasst“ aber auch, auf einer 50er-Strecke vor einem schlecht einsehbaren Zebrastreifen nicht vom Gas zu gehen oder mit Tempo 45 an spielenden Kindern vorbeizufahren: Laut Straßenverkehrsordnung gilt das jeweilige Tempolimit unter idealen Bedingungen. „Jedem muss klar sein, dass diese idealen Bedingungen fast nie gegeben sind“, sagt Brockmann. Vielen Autofahrern werde das erst vor Gericht klar, wenn sie wegen fahrlässiger Körperverletzung angeklagt sind.

Bei den von Kindern und Fußgängern verursachten Unfällen dominiert „Missachtung des Fahrzeugverkehrs“, oft kombiniert mit „plötzlichem Hervortreten hinter Sichthindernissen“. Um welches Hindernis es sich jeweils handelt und ob es im Parkverbot stand, wird laut Polizei „statistisch nicht erfasst“, sondern nur bei schweren Unfällen intern vermerkt.

Unfallforscher Brockmann kritisiert in diesem Zusammenhang die Berliner Diskussion, ob nun eher die Ordnungsämter oder die Polizei für Parkverstöße zuständig seien: Wer an kritischen Stellen sichtbehindernd parke, sei eine Gefahr – und für Gefahrenabwehr sei die Polizei zuständig. Zumal eine UdV-Studie ergab, dass in etwa jeden fünften Unfall mit verletzten Fußgängern und Radfahrern ein parkendes Auto involviert ist – vier Mal so häufig wie in Polizeistatistiken angegeben.

Kleinkinder unter zwei Jahren als Unfallverursacher

Roland Stimpel, Vorstand des Verbandes FUSS e.V., hat gleich drei Einwände gegen die Statistiken: Erstens fokussierten sie sich auf die direkt Beteiligten, aber nicht auf die Begleitumstände wie Falschparker. Zweitens „gibt es Gruppen, die Regeln gar nicht einhalten können, vor allem alte und behinderte Menschen oder ganz Kleine auf wackligen Beinchen“.

Stimpel verweist auf elf „unfallverursachende Kinder“ im Alter unter zwei Jahren in der 2018er-Bilanz: „Wozu nützt eine Statistik, die solche Menschen zu Verursachern erklärt?“ Und drittens fehle der Aspekt, dass „Straßen und Regeln zu sehr auf schnelles Fahren optimiert sind und zu wenig auf Sicherheit“.

Das sieht auch Ragnhild Sørensen von Changing Cities e.V. so: Unfälle würden nach einer Standardisierung aus den 1970ern erfasst und als Folge von individuellem Fehlverhalten verstanden. „Infrastruktur ist nicht im Fokus. Dieses Denkmuster zieht sich durch alle Etagen der Verwaltung.“

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