Fast 100 Prozent weniger Regen : In Brandenburg herrscht Wüstenklima

Die Natur leidet unter extremer Trockenheit. Doch die Wälder sollen trotz der hohen Brandgefahr nicht gesperrt werden.

In Brandenburg ist bisher im April fast 100 Prozent weniger Regen gefallen, als im vergangenen Jahr.
In Brandenburg ist bisher im April fast 100 Prozent weniger Regen gefallen, als im Durchschnitt.Foto: Monika Skolimowska/dpa

Im April hat es in Brandenburg fast gar nicht geregnet. „Da haben wir ein Minus von fast 100 Prozent zum durchschnittlichen Niederschlag – und das ist schon dramatisch“, sagt der brandenburgische Waldbrandschutzbeauftragte Raimund Engel.

Zumal auch der Januar und März dieses Jahres schon 30 beziehungsweise 20 Prozent trockener gewesen sind als gewöhnlich. Nur im Februar regnete es zehn Prozent mehr, aber das konnte die Defizite nicht ausgleichen. Schließlich fielen, sagt Raimund Engel, auch im gesamten Jahr 2019 durchschnittlich zehn bis zwölf Prozent weniger Regen.

2018 betrug das durchschnittliche Minus gar um die 30 Prozent. Statt einer üblichen Niederschlagsmenge von knapp 600 Litern pro Quadratmeter fielen nur 450 bis 480. In einigen Regionen waren es unter 300 Liter. „Das ist eindeutig Wüstenklima“, erklärt Engel.

Die Waldbrandgefahr wird weiter steigen

Die Böden in der Mark sind in diesem Frühjahr so trocken, dass bereits fast überall die beiden höchsten Waldbrand-Gefahrenstufen 4 und 5 gelten. Auch in anderen Bundesländern wächst die Gefahr. Erst am Freitag hat der Präsident des Verbandes der Waldeigentümer, Hans-Georg von der Marwitz, gewarnt: „Die Situation in vielen Wäldern Deutschlands ist dramatisch“, sagte er. „Vertrocknete Bäume und trockenes Unterholz sind ein gefährlicher Brandherd“.

Von der Marwitz machte deutlich, dass sich Länder, Kommunen und Waldeigentümer angesichts der regenarmen Zeit in diesem Jahr frühzeitig auf die Waldbrandgefahr einstellen müssten. Er rät den Kommunen dringend, Notfallpläne zu erstellen.

In Brandenburg wird die Waldbrandgefahr in den nächsten Tagen weiter steigen, sagt Raimund Engel, denn ausreichender Regen sei nicht in Sicht. Dabei gab es in diesem Jahr bereits mehr als 60 Waldbrände in Brandenburg, allein über Ostern waren es 14.

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Eigentlich brenne es derzeit jeden Tag irgendwo, konstatiert Engel. Spekulationen, wonach demnächst das Betreten der Wälder verboten wird, weist er allerdings zurück. „Der Landesbetrieb Forst wird jedenfalls die Wälder nicht sperren“, sagt er. „Gerade in Zeiten von Corona sollte sich jeder im Wald erholen können. Wir gehen davon aus, dass die Menschen vernünftig, vorsichtig und achtsam und somit zusätzliche Waldbrand-Bekämpfer sind.“

Gefahr für Feuerwehrleute durch alte Munition im Boden

Überhaupt sieht Engel das Land in Sachen Brandbekämpfung gut aufgestellt. „Wir haben gute Technik, motivierte Kameraden und engagierte Forstleute“. Außerdem habe die Waldbrandzentrale in Wünsdorf seit kurzem die Früherkennung von Bränden im gesamten Süden des Landes übernommen. „Da wurde sowohl die Soft- als auch die Hardware auf den neuesten Stand gebracht, sodass es unter anderem viel einfacher ist, Brandherde auf früheren Truppenübungsplätzen zu entdecken.“

Die zahlreichen munitionsbelasteten Flächen in Brandenburg sind nach wie vor ein Problem bei der Brandbekämpfung. Denn niemand will riskieren, dass Feuerwehrleute verletzt oder gar getötet werden. „Leben geht vor“, sagt Engel. „Da lässt man lieber mal einen Hektar mehr abbrennen.“

Vergangenes Jahr brach ein Waldbrand auf ehemaligen Truppenübungsplatz bei Jüterbog aus.
Vergangenes Jahr brach ein Waldbrand auf ehemaligen Truppenübungsplatz bei Jüterbog aus.Foto: Julian Stähle/dpa

Dass Brandenburg, die märkische Streusandbüchse, generell leichte und damit für Trockenheit und Feuer sehr anfällige Böden hat, wissen nicht nur die Bauern. Immerhin gelten etwa drei Viertel der landwirtschaftlichen Fläche nach EU-Kriterien als „benachteiligtes Gebiet“ und sogar etwa die Hälfte der Ackerböden als „hoch“ oder „sehr hoch erosionsgefährdet“.

Wahrscheinlichkeit für Sandstürme steigt

Das wiederum erhöht die Gefahr von Staub- und Sandstürmen, gerade in diesen Tagen, wo vielerorts die Mais-Aussaat stattfindet. Die oberen Bodenschichten sind trocken und werden aufgewirbelt. Kommt dann noch starker Wind dazu, kann das zu gefährlichen Entwicklungen führen.

Bekannt ist der Sandsturm, der sich am 8. April 2011 an einem frisch bearbeiteten Feld an der Autobahn 19 bei Rostock bildete. Es kam zu einer Massenkarambolage mit 80 Fahrzeugen, acht Toten und 130 Verletzten.

So sah es an der Unfallstelle auf der Autobahn bei Rostock nach dem Sandsturm aus.
So sah es an der Unfallstelle auf der Autobahn bei Rostock nach dem Sandsturm aus.Foto: Bernd Wüstneck/dpa

Ausschließen könne man die Entstehung von Sandstürmen nicht, heißt es beim Zentrum für Agrarlandschafts- und Landnutzungsforschung in Müncheberg. Allerdings habe man in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem brandenburgischen Agrarministerium Gegenmaßnahmen erforscht und empfohlen und Fördergelder bereitgestellt. Was hilft ist eine veränderte Fruchtfolgen und das Anlegen von Windschutzhecken.

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