Freiheit statt Rollenbilder : Sängerin Novaa singt für Selbstbestimmung

Die Berliner Elektropop-Sängerin Novaa will Vorurteile hinter sich lassen. Ein Treffen.

Sophie Vondung
Sängerin Novaa wirkt im Gespräch oft ernst, gibt sich in Musikvideos aber auch kindlich und verspielt.
Sängerin Novaa wirkt im Gespräch oft ernst, gibt sich in Musikvideos aber auch kindlich und verspielt.Foto: Doris Spiekermann-Klaas TSP

Trotz des Nieselregens kommt Novaa mit dem Fahrrad. Den Kopf tief im Kragen ihres dicken Mantels vergraben, bleibt sie auf dem Gehweg vor dem Café stehen und schaut zweifelnd auf ihr Handy. „Ich war hier noch nie. Meine Managerin Lena hat den Ort vorgeschlagen.“ Dann betritt die 23-jährige das Café in Friedrichshain und legt ihren Mantel ab.

Novaa lebt seit eineinhalb Jahren in Berlin und macht Elektropop. In diese Kategorie wird sie zumindest von den meisten Kritikern gesteckt. Zum Beispiel von der Jury des New Music Awards, die sie im vergangenen Jahr zur Newcomerin des Jahres kürte. Minimalistisch führt ihre rohe Stimme teils a cappella durch die oft melancholischen Songs. Kräftige Beats geben den sphärischen Klängen Struktur. Novaas gesellschaftskritische Texte behandeln Themen wie Feminismus und Selbstbestimmung. Ihr Debütalbum stellte sie im April in der Kulturbrauerei in Berlin vor. Außerdem schreibt und produziert sie auch für andere Künstler, kollaborierte mit Musikern wie Moglii und ging als Support mit der Folk-Band Mighty Oaks auf Tour.

Im Café klackt der Blitz der Tagesspiegel-Fotografin laut durch den düsteren Raum. Novaa sitzt neben einem großen Lampenschirm mit gelbem Licht und umklammert ihr Glas mit frischem Pfefferminztee. „Ich habe schon lange keine Fotos mehr gemacht“, sagt sie.

Novaa heißt eigentlich Antonia, benannt nach der Hauptfigur des niederländischen Films „Antonias Welt“, der 1996, in ihrem Geburtsjahr, einen Oscar gewann. Darin geht es um eine starke Frau, die weiß was sie will und das auch bekommt. „Der Film hat mir klargemacht, wie wichtig es ist, zu unterscheiden zwischen dem was ich will und dem was andere von mir erwarten“, sagt Novaa. Sich selbst glücklich zu machen und selbstbestimmt leben. Das sind Themen, die sich wie ein roter Faden durch ihre Songs ziehen.

In „Almond Eyes“ etwa singt sie davon, als Frau mit Vorurteilen und Rollenklischees konfrontiert zu sein. „I'll always be wrong when I feel like a woman“, ich werde immer falsch liegen, wenn ich mich wie eine Frau fühle, heißt es da. Sie singt an gegen festgefahrene Rollenbilder und die Stigmatisierung des Anders-Seins.

Frauen mit klaren Botschaften haben Erfolg

Damit trifft sie bei ihrem Publikum einen Nerv. Von Novaas Vorbild Lizzo über Lorde bis zu Mega-Star Billie Eilish: Starke Frauen mit klaren Botschaften haben Erfolg. Lass dir von niemanden sagen, was du zu tun hast, lautet diese Botschaft oft. So tritt zum Beispiel Billie Eilish im Schlabberlook auf, weil sie keine Lust hat auf „sex sells“. Und Lizzo singt, dass sie zu allem fähig sei – und sich über kleine Dinge keine Sorgen machen müsse.

Nach dem selben Prinzip schreibt, arrangiert, singt und produziert Novaa ihre Songs. Aufgewachsen in Karlsruhe, hat sie schon mit elf Jahren Songs geschrieben und mit 15 angefangen, zu produzieren. Nach einem Jahr Studium an der Popakademie Mannheim nahm sie sich ein Urlaubssemester und schrieb ihr erstes Album. Nach Berlin zu ziehen war dann der nächste sinnvolle Schritt. „Eigentlich bin ich ja nicht so der Großstadt-Fan“, sagt sie. Doch hier habe sie die Möglichkeit, mit internationalen Künstlern zusammenzuarbeiten.

Mittlerweile fühlt sie sich wohl hier. „Jeder hat hier seinen Platz. Es ist perfekt, um sich auszudrücken, denn man wird nicht immer gleich bewertet.“ Berlin sei für sie der perfekte Retreat, fasst sie ihr Stadtgefühl zusammen. „Es ist laut und bunt, aber kann auch anonym und einsam sein. Gerade das macht die Stadt für mich zum idealen Rückzugsort.“ Sowohl bei ihrer Musik als auch im Gespräch wirkt Novaa ernst und bedacht. Doch während sie versucht, auf dem beigen Sofa eine natürliche Pose für das Foto zu finden, albert sie herum. Sie wirft sich in eine übertriebene Modelpose, stützt sich dann auf den kleinen runden Holztisch vor ihr und steckt lachend ihren Kopf in die pinken Blumen, die darauf stehen.

Verspielt und kindlich gibt sie sich auch im Musikvideo zu ihrem Song „HMLTM“. Da macht sie Geheimagenten-Posen mit einer Wasserpistole oder springt auf ihrem Bett Trampolin. Das Thema des Songs: Als Frau offen über die eigenen Bedürfnisse und ihre Sexualität zu sprechen. Das wollte sie ansprechen, weil sie sich das früher nie getraut hätte, sagt sie. So ist der Song auch eine Revolution gegen ihr jüngeres Selbst. Am Ende steht ein Zitat von Grace Jones. „Ich bewundere sie total, weil sie so komplett zwischen den Geschlechtern steht und einfach ihr Ding macht“, sagt Novaa.

Sich befreien, statt auf Urteile anderer zu hören

Auch das passt zum Zeitgeist: Eine positive Einstellung zum eigenen Körper ist ein Thema, über das auch Novaas Vorbild Lizzo gerne spricht. Sich befreien, statt auf die Urteile anderer zu hören. Sich nicht in eine Schublade stecken lassen. Das sind Ziele, die in den sozialen Medien so häufig verbreitet werden, dass sie schon ein eigenes Lebensgefühl ergeben. Novaa will mit ihrer Musik gerade jene Menschen erreichen, die sich nicht zugehörig fühlen. Sie selbst hat als Kind angefangen Musik zu machen, weil sie die Welt um sie herum nicht verstanden hat. Durch Musik konnte sie sich ihre eigene Welt erschaffen. Denn, so sagt sie, „es ist eine Qualität, anders zu sein.“

Gerade steht Novaas zweites Album „Futurist“ in den Startlöchern. Es behandelt Zukunftsvisionen, Künstliche Intelligenz und Handysucht. Sie selbst ist sehr aktiv in den sozialen Medien und befragt etwa bei Instagram ihre Abonnenten. „Mir macht es Spaß, dort etwas zu teilen und ich mag die Interaktion mit meinen Zuschauern.“ Trotzdem sei es schwer, eine gesunde Beziehung zu seinen elektronischen Geräten zu bewahren.

Für ihre eigene Zukunft wünscht sich Novaa, mehr Konzerte zu spielen, am liebsten mal in Asien. „Ich habe das Gefühl, in Deutschland gibt es noch nicht den Raum für das, was ich mache.“ Außerdem könnte sie sich vorstellen, Filme zu machen und sich in der Schauspielerei auszuprobieren. „Und Astronautin werden. Das wäre toll.“

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