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Förster Eckert aus Gatow

© André Görke

Tagesspiegel Plus

Schüsse, Wölfe, Wildschweine: Der Förster und die Geheimnisse des Berliner Waldes

Der neue Revierförster im Westen der Stadt: Christian Eckert spricht über das wilde Berlins, Schüsse und Müll im Wald, Sandra Maischberger und Berlins großen Hundestrand.

Gestatten: Berlins neuer Förster. Sein Name ist Christian Eckert, 44, und immer an seiner Seite seine Hündin Emma, eine Schwarzwildbracke. Als Berliner Revierförster ist er zuständig von Tegel-Süd über Pichelswerder und Gatow bis runter nach Kladow – ein riesiges Gebiet von Berlin-Reinickendorf bis Berlin-Spandau.

Ich sprach mit ihm übers Forsthaus und schlaue Tiere, über die kaputte Natur und kaputte Typen, über Sandra Maischberger und Giovanni di Lorenzo, über die Berliner Feuerwehren in Staaken und Gatow und den großen Berliner Hundestrand in Pichelswerder. Er erklärte mir die geheimnisvollen Zeichen an Bäumen – und erinnerte sich ans Spandauer Schullandheim in Weißenstadt: Aus der Ecke kommt er nämlich.

Lieber Herr Eckert, Willkommen! Sie sind der neue Revierförster in Gatow und… wohnen Sie eigentlich hier im Wald? 
„Nein. Es gilt zwar die Residenzpflicht, aber dafür müsste das Forsthaus wirklich mal renoviert werden. Ich habe sogar noch einen alten Ofen, gucken Sie mal (lächelt). Das Forsthaus ist auf dem Stand der 70-er und wird als Büro und Stützpunkt für die Forstwirte genutzt – mit Küche, Kaffeemaschine und Toilette für die Kollegen.“

Nehmen Sie uns Laien doch mal an die Hand. Jeder kennt den Beruf des Försters, aber keiner weiß, was Sie eigentlich den ganzen Tag machen. Wann stehen Sie auf?
„Mein Tag beginnt um 6 Uhr. Dusche, Espresso, kein Frühstück, ich nehme gerade ab (lacht). Und ab 6.30 Uhr geht‘s hier dann auch los mit Bürokram. Dann haben wir eine Team-Besprechung und dann fahren wir meistens in den Wald.“

Wie schnell dürfen Sie da eigentlich fahren? 
„Auf Waldstraßen gilt Tempo 30, aber meistens sind wir langsamer. Wir gehen dann Bürgerhinweisen nach und heben den Kopf.“

Und worauf achten Sie?
„Fehlen Blätter? Fehlen Nadeln? Und wenn wir einen toten Baum sehen, markieren wir den. Unsere Zeichensprache verstehen die Baumkletterer, die anschließend übernehmen.“

Erklären Sie uns doch mal die geheimnisvollen Zeichen, die auf die Rinde gesprüht werden.
„Roter Strich an der Rinde heißt: Fällen! Roter Punkt: abgestorbene Äste. Zwei weiße Striche: Rückegasse freischneiden. Damit meine ich die Fahrtrassen für Rückemaschinen. Wir bewegen dort tonnenschwere Baumstämme. Früher ist man ja kreuz und quer gefahren, aber das ist schlecht für Pilze und Wurzeln und drückt den Boden fest, also bleiben wir auf den Trassen.

Haben Sie hier Pferde?
„Nein, Rückepferde gibt es in Hakenfelde, aber nicht bei uns in Gatow. Wir arbeiten meist mit Manpower und Technik. Auch Harvester werden zum Einsatz kommen. Das sind diese länglichen Maschinen, die sich durch die Bäume schlängeln und riesige Ballonreifen haben. Dadurch wird die Last so verteilt, dass sie auf dem Quadratzentimeter Waldboden weniger Schaden anrichten als ich mit Schuhgröße 43 und meinen über 100 Kilo.“

Und dann gehen Sie natürlich zur Jagd. 
„Ja, das ist sogar meine Aufgabe als Förster. Wir jagen abends, wenn weniger Menschen im Wald sind. Hier hat immer der Mensch eingegriffen. Und jetzt würde ohne Einfluss von uns Menschen dieser Wald außer Kontrolle geraten, weil es zu viele Tiere gibt, aber keine natürlichen Feinde mehr. Wir regulieren zum Beispiel die Wildschwein-Population. Sie suchen Engerlinge und Eicheln im Boden, graben dabei aber junge Wurzeln aus, schwächen Bäume, verwüsten Vorgärten, kommen zu nah an Hauptstraßen. Und natürlich müssen wir auch Gnadenschüsse ausführen, wenn Tiere bei Unfällen verletzt worden sind.“

Auch Rehe werden gejagt.
„Auch sie können in zu großer Zahl dem Wald massiv schaden. Rehe beispielsweise sind naschhafte Tiere, wie wir das nennen, sie naschen also gerne. Sie fressen Knospen von jungen Eichen, weil die so süß schmecken und voller Energie sind. Das ist schön für die Rehe, aber schlecht für den jungen Baum, der so wichtig wäre im Kampf gegen den Klimawandel. Der wächst so langsamer und kann sterben. Das betrifft zum Beispiel Traubeneichen oder auch Hainbuchen, Nadelbäume logischerweise weniger.“

Kleine Scherze? Immer! Förster Eckert freut sich diebisch über seinen schmissigen Jägerhut.

© André Görke

Können Sie eigentlich Geräusche von Tieren nachmachen? 
„Nicht so gut, da haben andere mehr Talent. Manchmal reicht übrigens schon das Quietschen einer alten Fahrradbremse, dann werden junge Rehböcke in der Brunftzeit ganz nervös. Aber das müssen schon sehr rallige und nicht so schlaue Tiere sein (lacht).“

Welche Tiere sind denn schlau? „Jagdtiere. Denn Jagdtiere müssen immer schlauer sein als ihre Beute. In der Natur geht es jeden Tag um Leben und Tod.“

Und der Wolf? 
„Ich habe in Ueckermünde an der Ostseeküste auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz gearbeitet, da hatten wir ein Rudel. Aber in Gatow habe ich bisher keinen Wolf gesehen.“

Achten Sie auch auf Vögel? 
„Klar. Wir haben hier irgendwo einen Waldkauz, den höre ich gerne in der Dunkelheit.“

Förster Eckert, mal generell: Warum machen Sie das, was Sie tun? 
„Ich wollte diesen Beruf schon immer machen. Ich habe bei Sandra Maischberger bei NTV gearbeitet, ich habe mal ein Praktikum beim Tagesspiegel vor 20 Jahren gemacht, als Giovanni di Lorenzo noch da war. Ich habe in der Musikindustrie gearbeitet. Ich habe Kunstgeschichte und Germanistik studiert und auch in Paris und Kalifornien gelebt. Ich bin aber schon als Kind immer mit meinem Großvater und dem Hund in den Wald gegangen und gemeinsam haben wir Pilze gesucht. Ich mag den Wald, ich will keinen Bürojob, sondern in der Natur arbeiten. Konkreter Naturschutz auf der Fläche, die Kraft der Natur nutzen – das ist meins. Und so habe ich in Eberswalde an der Hochschule Forstwirtschaft studiert und mein kleines Staatsexamen gemacht. Und jetzt bin ich nach einigen Stationen als Revierförster in Gatow gelandet und will gern bleiben.

Wie lange? 
„Na, bis zur Pension! (lacht)“

Sie haben übrigens so einen fränkischen Singsang. Sie kommen aus dem Fichtelgebirge. Kennen Sie Weißenstadt? Da gab es früher das alte Spandauer Schullandheim.
„Das war früher das Naherholungsgebiet für die ganzen West-Berliner kurz hinter der DDR. Meine Verwandten haben immer gestöhnt, wenn auf den Landstraßen einer mit einem „B“ im Kennzeichen wieder so langsam fuhr (lacht). Mit den Spandauer Kindern haben wir uns den Weißenstädter See geteilt. Und den künstlichen Badesee in einem alten Steinbruch… vielleicht kennt den ja noch jemand Ihrer Leserinnen und Leser.“

Zurück zu Ihrem Tag. Wann ist eigentlich Feierabend? 
„Es gibt da so einen Leitspruch, den ich mal gelernt habe: „Wir Förster sind die letzten Könige.“ Wir erledigen alles – aber wann, das entscheiden wir allein. Denn an einem 8-Stunden-Tag schaffst du eh nicht alles im Wald. Kann vorkommen, dass ich erst morgens um 4 Uhr aus dem Wald zurückkomme.“

Wohin fährt ein Förster, der immer den Wald um sich hat, eigentlich in den Ferien? In die Stadt? 
„Ich bin in der Tat in den Ferien gern unter Menschen. Museen, Architektur, Kunst – so was mag ich, aber der Wald muss schon in der Nähe sein.“

Was ärgert Sie im Wald? 
„Ich wünsche mir mehr Respekt vor der Natur und mehr gegenseitigen Respekt vor den Menschen, die den Wald nutzen möchten. Ich wünsche mir, dass Hundebesitzer ihre Tiere an die Leine nehmen, weil die sonst auf die Bodenbrüter losgehen. Und schlimm ist auch der Müll geworden. Die Leute kippen Sofas, Dachpappe, Autoreifen und Gefahrenstoffe in den Wald, als sei das völlig normal. Und der Wald ist auch kein erweiterter Komposthaufen für Gartenbesitzer: So breiten sich nämlich invasive Pflanzen aus, die heimische Arten verdrängen.“

Spandau, Hakenfelde. Eine Unverschämtheit.

© Lucie Friede

Ärger gab es auch um den Hundestrand Pichelswerder, der zu Ihrem Revier gehört. Hunde dürfen dort bis ans Wasser, aber nicht rein. Das verbietet aktuell der Gesetzgeber.
„Ich kenne die Debatte, aber das klären jetzt Senat und Bezirk in Ruhe. Wir haben da jetzt im Mai einen provisorischen Zaun am DLRG-Häuschen aufgebaut, damit die ehrenamtlichen Helfer keine Angst haben müssen, wenn sie zum Boot rennen. Außerdem sollen Hunde nicht einfach ins Haus rennen. Da wünsche ich mir mehr Respekt auch von Hundehaltern. Es haben sich übrigens nicht nur Familien ohne Hund, sondern auch Halter von kleineren Hunden beklagt, dass ihre Tiere zu sehr von anderen Hunden bedrängt werden. Das ist zwar ein Hundeauslaufgebiet, aber das heißt nicht, dass Hunde da unkontrolliert rumrennen können.“

Und was hat Sie zuletzt erfreut? 
„Toll finde ich die Zusammenarbeit mit den Freiwilligen Feuerwehren. Die Feuerwehren aus Gatow und Staaken üben beispielsweise große Löscheinsätze gegen Waldbrände und suchen unseren Rat. Und wir profitieren davon! Weil die Feuerwehren ihre Tanks entleeren müssen, kippen sie das nicht in den Gulli, sondern verteilen das Wasser auf die jungen Bäume, die wir im Wald gepflanzt haben. Die Feuerwehren der Suarez-Wache in Charlottenburg und die Feuerwehr aus Lichtenrade waren auch bei uns. Sie haben nach Rat gefragt, weil die Sturmschäden im Frühjahr so groß waren. So können wir unser Wissen weitergeben.“

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Wie geht es denn eigentlich dem Wald in Gatow? 
„Dem Wald geht es nicht gut. Nur 6 Prozent der Berliner Wälder sind vollständig gesund. Wir sehen den Klimawandel und den Stress für die Natur überall. Pilze, Trockenheit, geschwächte Bäume… es ist nicht fünf vor 12, sondern zehn nach 12.“

Nennen Sie doch mal zwei, drei griffige Tipps für die Leser: Was kann Otto-Normal-Bürger im Garten für die Umwelt tun? 
„Pflanzen Sie heimische Sorten an. Schwarzdorn, Weißdorn, Heckenrosen. Und auch Obstbäume bringen Nahrung! Da ist alles besser als eine Thujahecke, die ein gepflanzter Friedhof ist. Steingärten sind auch nichts. Und nicht alles muss ein Golfrasen sein. Lassen Sie ein Stückchen mit Wildblumen stehen, die nur einmal pro Jahr mit Sense geschnitten werden. Das freut Schmetterlinge.“

Ihre Lieblingszeit im Wald? 
„Die liebste Zeit ist das Frühjahr. Die volle Kraft Natur mit Laubaustrieb und hellem Grün. Ich mag die Helleberge nebenan, eine der hohen Erhebungen Berlins mit vielen Hügeln. Das erinnert mich ein bisschen ans meine alte Heimat im Fichtelgebirge.“

Und wenn Sie nicht im Wald sind, freuen Sie sich über was? 
„Über gutes Essen (lacht). Wildburger mache ich selbst, aber vietnamesisch in Kladow, italienisch im Dorf von Gatow oder türkisch in der Altstadt – das ist was für mich. Aber wie gesagt, jetzt nehme ich ein paar Kilo ab. 14 habe ich schon geschafft.“

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