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Am Großen Seddiner See vor den Toren Berlins ist der Wassermangel schon jetzt sichtbar. Kommt der Kohleausstieg 2038, wird sich die Lage verschärfen.

© dpa / Patrick Pleul

Tagesspiegel Plus

Lausitzer Pumpen werden abgestellt: Berlin droht ohne Bergbau ein akuter Wassermangel

Trotz eines steigenden Wasserverbrauchs und stark unterdurchschnittlicher Niederschlagswerte kann Berlin aus dem Vollen schöpfen. Doch das dürfte sich bald ändern.

Der Trend in Welzow geht zum Steingarten. „Für die Pflanzen reicht das Wasser einfach nicht mehr aus. Viele machen das, auch wenn es eigentlich traurig ist“, sagt Hannelore Wodtke. Aus Cottbus ist sie 2006 unmittelbar an den Rand des 130 Kilometer von Berlin entfernten Braunkohletagebaus Welzow-Süd gezogen.

Kummer ist Hannelore Wodtke inzwischen gewohnt. Nur 500 Meter von ihrem Grundstück entfernt fressen sich Kohlebagger durch das Erdreich, zerstören Ruhe und Luftqualität gleichermaßen, sorgen für Risse im Mauerwerk. „Noch mal würde ich nicht hierherziehen, ganz sicher nicht“, sagt Wodtke. Wegzug ist für sie dennoch keine Option, Welzow ist für sie zu einem Zuhause geworden.

2700 Pumpen saugen das Grundwasser aus dem Boden

Das größte Problem dort ist das Wasser. Wollten es Wodtke und die anderen gut 3000 Welzower aus dem Boden holen, müssten sie mehr als 100 Meter tief graben. Die „Stadt am Tagebau“, wie Welzow sich selbst nennt, liegt mitten im sogenannten Grundwasser-Absenkungstrichter, der für den Abbau von Kohle errichtet werden muss, lange bevor der erste tonnenschwere Bagger aufgestellt werden kann. Nur wenn das rund um die begehrten Kohleflöze gelegene Gestein vollkommen trockengelegt ist, kann der Abbau beginnen.

Dafür verantwortlich sind sogenannte Filterbrunnen, von denen die Lausitz Energie Bergbau AG (LEAG) nach eigenen Angaben rund 2700 installiert hat, um die vier noch aktiven Tagebau-Gebiete Jänschwalde und Welzow-Süd in Brandenburg sowie Nochten und Reichwalde in Sachsen trockenzulegen. Rund 350 Millionen Kubikmeter Grundwasser wurden so allein 2020 an die Oberfläche und dort größtenteils in das oberirdische Einzugsgebiet der Spree, aber auch die Einzugsgebiete von Neiße und Schwarze Elster geleitet.

Kostbares Gut, das allen flussabwärts gelegenen Gebieten, darunter Berlin, einen kräftigen Schluck aus der Pulle gönnt. Das sogenannte Wasserdargebot der Spree liegt damit seit Jahrzehnten deutlich höher, als es ohne den Bergbau der Fall wäre. Auch deshalb kann die Hauptstadt selbst bei zuletzt wieder steigendem Wasserverbrauch und deutlich unterdurchschnittlichen Niederschlagswerten sprichwörtlich aus dem vollen Schöpfen. In Welzow dagegen, und längst nicht nur dort, wird über Rationierungen debattiert – oder werden Steingärten angelegt.

Aber wie lange bleibt das so? Klar ist: Kommt der Braunkohleausstieg, wird auch Berlin sich einschränken müssen. Denn: Mit dem geplanten Ende der Kohleförderung werden auch die tief unter einem Tagebau seit Jahr und Tag arbeitenden Pumpen sukzessive abgestellt. Das sogenannte „Sümpfungswasser“ wird nicht mehr aus der Tiefe in die Flussläufe gepumpt und das dann im Extremfall durch weiter nachlassende Niederschläge weiter ausgedünnte natürliche Dargebot muss die Abnehmer allein versorgen.

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Hinzu kommt: Nach einer mehrjährigen, auf den Abbaustopp folgenden Sanierung werden die verbliebenen Restlöcher der derzeit noch aktiven Tagebau-Gebiete geflutet. Das dafür benötigte Wasser wiederum stammt aus den Flussläufen von Spree, Schwarzer Elster und Neiße. Ihr Wasserangebot wird nach einer Art Übergangsphase, voraussichtlich in den 2040er Jahren, also gleich doppelt reduziert: erstens durch das dann komplett ausbleibende Sümpfungswasser, zweitens durch die Wasserentnahme zur Flutung alter Gruben. Die darin entstehenden Seen wiederum schaffen riesige Verdunstungsflächen, die den Wasserhaushalt zusätzlich belasten – erst recht bei weiterer Zunahme von Hitze und Sonnenstunden.

Isabell Hiekel, die sich seit den 90er Jahren mit den Auswirkungen des Braunkohletagebaus auf den Wasserhaushalt der Region beschäftigt und selbst am östlichen Ende des Spreewalds lebt, blickt mit großer Sorge in die Zukunft. „Da kommt ein riesiges Problem auf uns zu“, sagt die seit 2019 für die Grünen im Potsdamer Landtag sitzende Brandenburgerin und hat dabei die gesamte Region im Blick.

Da kommt ein riesiges Problem auf uns zu.

Isabell Hiekel, Landtagsabgeordnete Bündnis 90/Die Grünen

Während sich das Wasserdargebot für die Hauptstadt deutlich reduzieren dürfte, „einfach weil der Wasserhaushalt der Spree durch die Abpumpung jahrzehntelang bessergestellt worden ist“, drohe den Brandenburgern noch dazu eine massive Verschlechterung der Wasserqualität, sagt Hiekel.

Mit Grauen denkt sie zurück an das Jahr 2012, als infolge massiver Einträge von Eisen in die Gewässer vor allem im Spreewald ganze Fließe verockerten, sich also in eine goldbraune Brühe verwandelten.

Dafür verantwortlich ist ein chemischer Prozess, der sich bei jeder Stilllegung eines heute noch aktiven Tagebaus zu wiederholen droht und schon jetzt massive Anstrengungen zur Reinigung des belasteten Wassers nach sich zieht. Dabei werden im Boden befindliches Eisen und Sulfat, die durch die jahrzehntelange Absenkung des Grundwasserspiegels mit Sauerstoff in Kontakt gekommen sind, durch das nach dem Abschalten der Pumpen ansteigende Grundwasser an die Oberfläche und damit in Seen und Flüsse gespült.

Rötlich-braune Brühe: Eisenhaltiges Grundwasser sorgt für die Verockerung des Spreewalds. Inzwischen wird das Wasser aufwendig gereinigt, der Eisengehalt geht zurück.

© dpa / Patrick Pleul

Während sich das Eisenhydroxid als Schlamm absetzt und nach und nach alles Leben am Gewässergrund tötet, gefährdet das wasserlösliche Sulfat die Gesundheit der Verbraucher. Um Grenzwerte nicht zu überschreiten, muss das belastete Wasser verdünnt werden. Ein Verfahren, das für die Wasserversorgungsunternehmen erstens zusätzliche Kosten verursacht und zweitens voraussetzt, dass ausreichend weniger belastetes Wasser für die Verdünnung bereit steht.

Ehemalige Kohlegruben werden zu Stauseen

Dafür wiederum werden große Speicher in Form von Stauseen sorgen müssen. Der bislang größte davon ist in Lohsa geplant, einem Ort 160 Kilometer von Berlin entfernt, kurz hinter der Landesgrenze zwischen Brandenburg und Sachsen gelegen. Dort, wo bis 1984 insgesamt 300 Millionen Tonnen Kohle gefördert worden waren, können inzwischen 97 Millionen Kubikmeter Wasser gespeichert werden – theoretisch.

Die Flutung wiederum musste in Lohsa wie auch in anderen ehemaligen Tagebau-Gebieten zuletzt immer wieder gedrosselt oder gar unterbrochen werden, weil zu wenig Wasser zur Verfügung stand. Von den pro Jahr rund 30 Millionen Kubikmetern Wasser, die künftig aus Lohsa in die Spree geleitet werden könnten, ist bislang nichts zu sehen, auch wenn zuletzt auf eine beschleunigte Inbetriebnahme des Speichers gedrängt wurde.

Unter anderem in der Talsperre Spremberg wird Wasser gestaut, das anschließend in die Spree an dann nach Berlin fließt.

© dpa / Soeren Stache

Dass die Dimension des Problems auch dort in den Köpfen angekommen ist, wo die Folgen am massivsten sein könnten, muss zumindest auf der politischen Ebene derzeit noch bezweifelt werden. Bei einer Exkursion fast aller umweltpolitischen Sprecher der Abgeordnetenhausfraktionen Ende Juni war deren Überforderung deutlich zu erkennen. Konfrontiert mit den bereits heute sichtbaren und perspektivisch drohenden Folgen des Braunkohletagebaus für die Wasserversorgung, verschanzten sich viele Parlamentarier hinter der ganz objektiv bestehenden Komplexität der Materie.

Der Grünen-Abgeordnete Benedikt Lux, der die Tour organisiert hatte, forderte zunächst eine Prognose darüber, wie viel Wasser unter Einbeziehung der klimatischen Veränderungen der Region in der Zukunft vorhanden sein wird. „Wir müssen das Worst-Case-Szenario in den Blick nehmen“, erklärte Lux und forderte von den Berliner Wasserbetrieben, die eigenen Investitionen zum Umgang mit dem absehbar deutlich reduzierten Wasserdargebot transparent zu machen.

Aktuell untersuchen das Projekt „Wasserwirtschaftliche Folgen des Braunkohleausstiegs in der Lausitz“ sowie ein vom Umweltbundesamt eingesetztes Konsortium die Auswirkungen des Kohleausstiegs auf die Flüsse der Region. Ergebnisse werden Ende dieses oder im Lauf des kommenden Jahres erwartet.

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