Heinrich Strößenreuther : Anleitung für Berlins Verkehrswende

Als Initiator des Volksentscheids Fahrrad in Berlin wurde er berühmt. Nach einer Pause ist Heinrich Strößenreuther nun zurück - mit einem Buch.

Heinrich Strößenreuther ist ehemaliger Bundestagsreferent, Strategieberater, Geschäftsführer und Startup-Unternehmer.
Heinrich Strößenreuther ist ehemaliger Bundestagsreferent, Strategieberater, Geschäftsführer und Startup-Unternehmer.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Es ist zuletzt relativ ruhig gewesen um Heinrich Strößenreuther. Fast schien es, als hätte sich Berlins erfolgreichste Nervensäge nach vollbrachtem Mobilitätsgesetz aus der aktiven Verkehrspolitik zurückgezogen, aber das täuscht. Denn Strößenreuther, der Anfang 2016 durch den Blitzstart des von ihm initiierten Fahrradvolksentscheides berühmt wurde, hat ein Buch geschrieben: „Der Berlin-Standard. Moderne Radverkehrspolitik Made in Germany – Ein Bildband über Deutschlands erstes Mobilitätsgesetz“. Am Mittwoch wurde das Werk vorgestellt, das einmal mehr Strößenreuthers Talent für plakative Botschaften beweist.

Meister im Mehrkanalmarketing

„Am liebsten wäre es mir, wenn das Buch völlig zerfleddert bei möglichst vielen Bürgermeistern im Büro steht“, sagt Strößenreuther. Die Bürgermeister spricht er im Text direkt an: „Sie wollen also wirklich eine Verkehrswende? Massiv für die wirksame Reduktion der CO2- und NOx- Emissionen sorgen und Ihre Stadt lebenswerter machen? Dann lesen Sie bitte weiter.“ In den folgenden Kapiteln erfahren die interessierten Bürgermeister, dass „Bauingenieure feuchte Augen bekommen, wenn es um Beton geht: Je tiefer, desto besser, je dicker, desto spannender“. Diese Betondenke lasse neue Straßen entstehen, aber keine geschützten Radwege, die eher aus Farbe und Pollern entstehen. Dazu gibt’s Fotos aus Kopenhagen und ein Zitat von Saint-Exupéry. Strößenreuther ist ein Meister im Mehrkanalmarketing.

Strößenreuther koordiniert auch Projekt für Fahrradstellplätze bei der Bahn

Der große Rest des aufwendig gestalteten Buches ist ein praktischer Leitfaden für Stadtväter und -mütter, die sich am Berliner Mobilitätsgesetz ein Beispiel nehmen wollen. Zu fast jedem Kapitel gehört eine Daumenregel, was binnen welcher Frist geschafft sein muss, sowie Grafiken zu Dauer (Rennrad = schnell, Hollandrad = mittelfristig, Lastenrad = mühsam) und Kosten (Münzen = billig, Scheine = mittelteuer, Geldsack = teuer). Alles so bestechend logisch, dass man es wirklich jeder Verkehrsverwaltung als Pflichtlektüre verordnen möchte.

Hauptberuflich liefert Strößenreuther quasi das mündliche Begleitprogramm – in „Verkehrswendetrainings“ für Kommunalbeschäftigte und Aktivisten der bundesweit etwa 15 Volksentscheide, die im Gefolge des Berliner Exempels gestartet sind. Außerdem koordiniert Strößenreuther bei der Bahn ein Projekt für bundesweit 100.000 Fahrradstellplätze.

Fürs Erste belässt er’s beim Drohen

Was er und seine Kampagneros ins Berliner Mobilitätsgesetz verhandelt haben, wird bisher allerdings so zögerlich umgesetzt, dass Strößenreuther droht, eine eigene Partei zu gründen. Eine, die verkehrspolitisch macht, was die Grünen versprechen, und die die Verwaltung so aufmöbelt, dass das konservative Bürgertum seine Freude hätte: „Da bin ich ganz bei Boris Palmer.“ Strößenreuther geht davon aus, dass er in vielen Revieren wildern könnte: Er sei ja nicht nur Umweltaktivist, sondern auch schon Geschäftsführer gewesen. Fürs Erste belässt er’s beim Drohen. Aber wenn die Verkehrssenatorin nicht bald mehr Premium-Radwege abliefert und der Innensenator nicht für die rasche Vermehrung der Fahrradpolizisten sorgt, kann sich das schnell ändern. Und wer ihn kennt, weiß, dass es dann ungemütlich wird.

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