Helme, die sich selber aufblasen : Was bringen die Kopfairbags beim Radfahren?

Immer öfter sind in Berlin sogenannte "Hövdings", Kopfairbags zu sehen, das Geschäft boomt. Welche Vorteile haben sie – und welche Nachteile?

Luftiger Schutz: So sieht der Hövding nach dem Aufblasen aus.
Luftiger Schutz: So sieht der Hövding nach dem Aufblasen aus.Foto: imago images / Stefan Zeitz

Der Sicherheitsgewinn durch Fahrradhelme ist vielfach bestätigt, aber beliebt sind sie trotzdem nicht – schon gar nicht an warmen Sommertagen, wenn der Kopf unterm Deckel dampft. Da rückt eine Alternative ins Blickfeld, die in Berlin zunehmend häufig zu sehen ist – sofern man sie überhaupt bemerkt: der Kopfairbag „Hövding“, Schwedisch für „Häuptling“.

Er wird wie ein Schal um den Hals getragen, ist mit knapp 700 Gramm aber schwerer als ein Stück Stoff und außerdem steifer, weshalb er sich vor allem für relativ aufrecht sitzende Alltagsradler eignen soll. Bei einem Sturz oder Unfall soll der Hövding sich binnen einer Zehntelsekunde aufblasen, um Kopf und Genick vor Verletzungen beim Aufprall zu schützen.

Die Firmenzentrale in Malmö bestätigt auf Tagesspiegel-Anfrage, dass das Geschäft boomt: Die Verkäufe in Deutschland hätten sich 2018 fast verdoppelt – mit besonderem Zuwachs im zweiten Halbjahr. Genaue Zahlen werden nicht genannt, auf der Firmen-Homepage ist von insgesamt mehr als 150.000 verkauften Exemplaren die Rede, die laut Firma „mehr als 3700 Radfahrer bei Unfällen geschützt haben“.

Gegründet wurde das Unternehmen 2006, nachdem zwei Industriedesignstudentinnen den Airbag-Helm entwickelt hatten. Das Prinzip ähnelt dem von Auto-Airbags: Sensoren registrieren heftige Beschleunigungsvorgänge und lösen einen Treibsatz aus, der explosionsartig einen gefalteten Luftsack aufbläst. Die Elektronik dafür wird per Knopfdruck scharfgeschaltet und über einen Akku versorgt, der neun Stunden halten soll.

Hövding braucht Zeit

Die Erfinderinnen des inzwischen weiterentwickelten Hövdings können auf diverse Auszeichnungen und auf Tests verweisen, die dem Airbag eine deutlich bessere Schutzwirkung als einem konventionellen Fahrradhelm bescheinigen. Allerdings gilt dieser Vorteil nur bei Stürzen und bei solchen Unfällen, bei denen zwischen Zusammenstoß und Kopfaufprall etwas Zeit bleibt. Mehrere andere Untersuchungen ergaben, dass der Hövding beispielsweise beim Frontalcrash zweier Radfahrer nicht rechtzeitig auslöst.

Dasselbe gilt für die typischen Unfallsituationen, in denen plötzlich eine Autotür aufgerissen wird oder ein Auto an einer Ausfahrt den Radweg kreuzt und der Aufprall zunächst nur das Fahrrad abrupt stoppt, während der Radfahrer gegen das Auto fliegt – und sich beim Anprall etwa an die Türkante schwerste Gesichtsverletzungen zuziehen kann.

Mit knapp 300 Euro ist der Airbag deutlich teurer als ein konventioneller Fahrradhelm. Falls er ausgelöst wurde, tauscht ihn die Herstellerfirma für 200 Euro um – ganz gleich, ob einem der „Hövding“ zuvor das Leben gerettet hat oder nur bei einem harmlosen Straucheln gezündet wurde.

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