• Historische Gemälde vom Ernst-Reuter-Platz entdeckt: Der Rausch einer untergegangenen Zeit

Ein ramponiertes Werk konnte restauriert werden.

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Historische Gemälde vom Ernst-Reuter-Platz entdeckt : Der Rausch einer untergegangenen Zeit
Ort der Erinnerungen. In der Villa am Knie feierte sich einst Berlins Gesellschaftsspitze selbst.
Ort der Erinnerungen. In der Villa am Knie feierte sich einst Berlins Gesellschaftsspitze selbst.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Eins der ramponierten Werke, ein „Allegorischer Brautzug“, konnte mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder und einer Henneberg’schen Familienstiftung restauriert werden und ist im Centrum Judaicum zu sehen. In den Gesichtern der Brautzug- Mädchen vor mittelalterlicher Kulisse erkenne man Warschauer-Ähnlichkeiten, sagt Thevóz. Und mit dem alten Mann auf Krücken am Bildrand sei womöglich ihr Urahn Moses Mendelssohn gemeint – im Ambiente seiner preußisch-christianisierten Nachkommen.

Begonnen hatte deren Aufstieg mit der Karriere des Breslauer Kaufmanns Marcus Warschauer (geb. 1777), der vom Angestellten und Schwiegersohn der Oppenheim-Bankiers in Königsberg zur Gesellschaftsspitze avancierte und seine Kinder taufen ließ; während er selbst im Judentum verblieb. Sohn Robert Warschauer I (geb. 1816) heiratete bei den Berliner Mendelssohn-Bankiers ein, begründete 1849 eine Filiale des Königsberger Institutes und trennte sich 1868 vom Mutterhaus, dessen Gewinne er turmhoch überflügelt hatte. Berlin mauserte sich zu Deutschlands Finanzplatz: Warschauer & Co. expandierten durch Kredite für die Industrialisierung, Eisenbahnbau und Staatsanleihen, besonders in Russland.

Dass sich trotzdem überraschenderweise der seit 1882 fungierende Chef des Unternehmens, Robert Warschauer II, im Jahr 1898 samt seinen Einlagen aus der lukrativen Companie zurückzog, versucht eine gerade vom Commerzbank-Archiv publizierte Untersuchung zu erklären: Die Wirtschaftshistorikerin Laura Hess meint, das Geldinstitut habe mehr Kapital gebraucht, das bestehende Netzwerk der Bankiers jüdischen Glaubens funktionierte aber nicht mehr so gut. Warschauer & Co. fielen als erste namhafte Privatbank dem Konzentrationsprozess der Branche zum Opfer. Und Robert II engagierte sich fortan als Privatier für Wohltätigkeiten.

Nachkriegsberlin
Zügig in die Zukunft. Diese Dame geht in Ernst Hahns gerade erschienenem Bildband "Berlin um 1950" stracksen Schritts über die Kaiserdammbrücke. Im Hintergrund kreuzt der Messedamm.Weitere Bilder anzeigen
1 von 11Foto: Ernst Hahn/Signalberg
22.03.2013 16:20Zügig in die Zukunft. Diese Dame geht in Ernst Hahns gerade erschienenem Bildband "Berlin um 1950" stracksen Schritts über die...

Heute setzt sein Enkel, Jahrgang 1952, am Ort der verschwundenen Villa das Erinnerungspuzzle zusammen. Im Januar 1914 war hier das Hochzeitsfest einer Warschauer-Tochter, die später mit ihrem Mann im Flugzeug abstürzen sollte, noch rauschend gefeiert worden. Von seinem damals verstorbenen Urgroßvater Robert I erzählt Thevóz, der habe seinerzeit ein Fries des Bildhauers Rudolf Siemering finanziert, das bei der Siegesparty 1871 am Stadtschloss die temporäre Germaniastatue zierte; später sei das Relief an Warschauers Gartenhalle eingebaut worden.

An wen zur Krisenzeit um 1922 die gesamte, im Unterhalt zu teure Immobilie dann verkauft worden ist, weiß der Nachkomme nicht. Nach 1933 übernahm sie der Reichsarbeitsdienst (RAD); Fotos von 1939 zeigen Gartenhalle samt Siemering-Fries unter Dornröschen-Gestrüpp. Wegen der RAD-Nutzung nahmen Alliierte die Berliner Straße 31 / 32 als militärisches Ziel ins Visier. Bei einem Besuch des bombardierten Geländes 1942 sei von dem riesigen Fries „nur ein Pferdehuf übrig gewesen“, zitiert Thevóz seinen Vater. 1945 konnte man dann über Trümmerfelder, vom Knie bis zum Ku’damm, vom einstigen Warschauer-Anwesen bis zum Haus Cumberland blicken.

Als einziges Relikt der Villa vom Knie sind nun Rudolf Hennebergs aufgetauchte Bilder, die auch ein Kriegerquartett bandagierter, aus dem Feldzug heimkehrender Verwandter zeigen, wieder anschaubar. Warschauers und ihre Verwandten überlebten das „Dritte Reich“ nur unter traumatisierendem Verfolgungsdruck: Heute, aus dem Blickwinkel Nachgeborener, wirkt die gemalte Botschaft bizarr. Deutschtümelnder Siegesrausch, kombiniert mit dem Wunsch der Aufgestiegenen, ganz dazuzugehören. Berliner Integrationsfantasien: anno dazumal.

Arnold Körte: Martin Gropius. Leben und Werk eines Berliner Architekten 1824 - 1880. Berlin 2013. 833 Abb., 590 S., 70 €.

Laura Herr: Das Bankhaus Robert Warschauer & Co. Commerzbank-Archiv. 143 S.

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