Hodenkrebs : Warum ausgerechnet da unten?

Die Diagnose Hoden- oder Prostatakrebs erschüttert Männer zutiefst. Viele sehen ihr Selbstbild bedroht. Dabei kann ein offener Umgang mit der Erkrankung heilsam wirken – für Betroffene und ihr Umfeld.

Andreas Monning
Sucht den Austausch. Lukas Brock erkrankte mit 26 Jahren an Hodenkrebs. In seinem Blog berät er Betroffene.
Sucht den Austausch. Lukas Brock erkrankte mit 26 Jahren an Hodenkrebs. In seinem Blog berät er Betroffene.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Lukas Brock ist ein einfühlsamer Mensch. Geleitet vom Wunsch, anderen zu helfen, studierte er Sozialpädagogik. Nach dem Abschluss startete er voller Elan als Sozialarbeiter. Doch nach einem halben Jahr in seiner zweiten Anstellung kam die knallharte Unterbrechung. Diagnose: Hodenkrebs, Stadium 3N, das heißt maximal fortgeschritten. „Als ich das gehört habe, hat mich ganz schön die Angst gepackt, dass ich vielleicht sterben werde“, sagt Brock. Und natürlich habe er sich auch gefragt, warum ihn der Krebs ausgerechnet „da“ heimsucht. Statt seinem Traumberuf nachgehen zu dürfen, musste der damals 26-Jährige von heute auf morgen die Arbeitswelt mit der Klinikwelt tauschen. Während der rund 120 Tage Krankenhausaufenthalt gab es für ihn zwei Operationen und drastische Behandlungen zu überstehen, darunter eine Hochdosis-Chemotherapie, die ihm seine Körperbehaarung raubte und sein Knochenmark zerstörte.

Heute, drei Jahre später, geht es Lukas Brock wieder gut. Seine Lebensenergie ist zurückgekehrt, seit Kurzem arbeitet er wieder als Sozialarbeiter. Bei unserem Treffen in einem türkischen Café in der Nähe seiner Weddinger Arbeitsstelle wirkt er regelrecht heiter und aufgeräumt und erzählt ganz offen. Dass er von seiner Erkrankung vorher nichts gemerkt habe. Ja, zunehmend schlapp habe er sich damals gefühlt, erinnert er sich, habe sich aber nichts Böses dabei gedacht. Vielleicht der berufliche Stress? Möglich. Aber Krankheit, zudem noch eine so schwere? Nein. Da seine Hoden schon immer unterschiedlich groß waren, hat er dort jedenfalls nicht die Ursache für seine schwächelnde Verfassung vermutet. Ein Gang zum Hausarzt, die Tastuntersuchung seiner Hoden und übliche Routine- und Blutuntersuchungen ergaben zunächst auch einen tadellosen Befund. „Topfit“, hatte der Mediziner gesagt und damit seine Werte gemeint. Doch gerade weil er sich nicht topfit fühlte, war er ja zum Arzt gegangen. Brock ist sportbegeistert und war viel mehr Leistung von sich gewohnt, und jetzt diese dauernde Müdigkeit...!?

Kann man der Erkrankung einen Sinn geben?

Der Sozialarbeiter ging mit der Empfehlung nach Hause, Vitaminpräparate zu probieren, davon könnte seine Erschöpfung verschwinden. „Aber ich habe mich trotzdem immer energieloser gefühlt“, erinnert sich der Wahlberliner, der zur Zeit seiner Erkrankung noch in Wien lebte. Ein paar Wochen später sei dann auch ein seltsames Ziehen in der Leistengegend dazugekommen, Rückenschmerzen hätten sich eingestellt, dann habe sein Gewicht sichtbar abgenommen. „Und da habe ich auch gemerkt, dass einer meiner Hoden geschwollen ist.“

Mit ungutem Gefühl ging Lukas Brock wieder zum Arzt, der dieses Mal eine umfassendere Blutuntersuchung veranlasste. Der Befund: dramatisch hohe Entzündungswerte. Alarmiert überwies ihn der Mediziner zur Abklärung direkt in eine Klinik, in der man hochakuten Hodenkrebs feststellte. Die Operation war gleich für den nächsten Tag angesetzt. In einem Routineeingriff wurde Lukas Brock der betroffene Hoden entfernt, doch in seinem fortgeschrittenen Stadium hatte der Krebs bereits Metastasen in Bauch- und Brustraum sowie im Halsbereich gebildet. Eine weitere OP wurde nötig, zudem die Hochdosis-Chemotherapie.

Was hat ihm geholfen, die erschütternde Diagnose, den langen Klinikaufenthalt, die schweren Operationen und die starke Chemotherapie zu überstehen? „Vor allem mein soziales Umfeld“, ist der 29-Jährige überzeugt. Alle hätten zu ihm gestanden. Hilfreich sei sicher gewesen, dass er von Anfang an sehr offen mit allen gesprochen habe, sowohl über Diagnose und Behandlungsdetails als auch über seine Gefühle. „Über meine Ängste und Sorgen zu reden, hat jedenfalls die Beziehungen zu meiner Familie, meinen Freunden und selbst zu meinen Arbeitskollegen gestärkt und vertieft“, sagt Brock. Und natürlich habe er sich auch therapeutisch begleiten lassen. Die Gespräche haben ihm sehr gut getan. Darüber hinaus begann er zu meditieren, lernte ein ruhiges Instrument zu spielen und las spirituelle Literatur. „Die Frage nach dem Sinn der Erkrankung und des Lebens hat mich verstärkt beschäftigt“, erinnert er sich.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!