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Langes Anstehen fällt dem 90-jährigen Winfried Schneider schwer.

© Ingo Bach

Tagesspiegel Plus

„Ich fühle mich um meine Wahl betrogen“: 90-Jähriger scheitert im Berliner Chaos an Stimmabgabe

Dreimal reiht Winfried Schneider sich in die Schlange vor seinem Wahllokal ein. Er möchte unbedingt wählen – und kann seine Stimme am Ende doch nicht abgeben.

Eine halbe Stunde nach der eigentlichen Schließung der Wahllokale steht am Sonntag vor dem Wahllokal für den Wahlbezirk 622 in der Prinzregentenstraße 32 immer noch eine Reihe von Menschen, die wählen gehen wollen. Auch in diesem Wahllokal war am Sonntag nicht alles glattgelaufen. Immer wieder bildeten sich im Laufe des Tages lange Schlangen vor dem Eingang.

Gegen 18.25 Uhr hat sich auch Winfried Schneider dazugesellt. Schon zwei Mal sei er zuvor zu dem Wahllokal gekommen. Beide Male war die Zahl der Wartenden einfach zu groß, sagt der 90-jährige Wilmersdorfer. „In meinem Alter kann man nicht mehr so lange stehen, wissen Sie.“ Er wollte schon aufgeben, aber dann bot sich ihm scheinbar doch noch eine letzte Chance, an der Wahl 2021 teilzunehmen.

Beim dritten Versuch kam Schneider zu spät

Schneider wohnt gegenüber seinem Wahllokal. „Ich habe mir gerade ein Konzert im Fernsehen angeschaut, das war genau um 18 Uhr zu Ende.“ Winfried Schneider schaute noch mal aus seinem Fenster und sah, dass da immer noch Menschen anstanden. Er ging hinunter – der dritte Anlauf für ihn an diesem Wahltag, wie er sagt. „Dabei bin ich ja auch nicht mehr so gut zu Fuß …“

Winfried Schneider möchte unbedingt seine Stimme abgeben. Doch vor den Wahlhelfer:innen fand er keine Gnade. Die konnten sie ihm auch gar nicht gewähren, er war einfach zu spät. Die Regel, dass alle, die vor 18 Uhr in der Schlange warten, noch wählen können, kannte er nicht.

Und tatsächlich: Die letzte Wartende in der Reihe, hinter der die Wahlhelfer:innen die Schlange um kurz nach 18.35 Uhr schlossen, wartete dort schon seit 17.45 Uhr, sagt sie. Sie darf noch wählen, obwohl es schon nach halb sieben ist.

Winfried Schneider nicht mehr. Alles Diskutieren nützt nicht. All die Formalitäten, die man ihm nun nennt, warum er seine Stimme nicht mehr abgeben kann, können Winfried Schneider nicht besänftigen. „Ich fühle mich um meine Wahl betrogen“, sagt er. Und läuft langsam und leicht gebeugt zurück zu seinem Haus.

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