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Wolf Rohleder
© privat

Nachruf auf Wolf Rohleder: „Im Herzen bist du ein Gauner“

„Du bleibst zu Hause“, entschied seine Frau, und er tat nichts lieber als das. Doch im Grunde fand er, dass er besser ins 19. Jahrhundert gepasst hätte.

Ein österreichischer Sänger, ein malaiischer Pirat, ein deutscher Terrorist. In früheren Jahren hielten die Leute ihn für Udo Jürgens. Bis er sich einen Bart wachsen ließ. Dann liefen die Kinder hinter ihm her und riefen: „Sandokan, Sandokan!“ Nahm er von West-Berlin aus die Transitstrecke durch die DDR, vermuteten die Grenzbeamten, einen RAF-Mann vor sich zu haben, weil er zum Bart jetzt auch noch die Haare lang trug.

Die Frauen guckten hinter ihm her, im Café sprach er weltmännisch plaudernd die Gäste an, alle fanden ihn klug und nett, nur Bärbel sagte: „Im Herzen bist du ein Gauner.“ Sie liebte ihn dafür. Liebte ihn seit dieser Sommernacht 1966, im „Riverboat“, einem Tanzlokal am Fehrbelliner Platz. Ihnen war schwindelig vom Tanzen, und dann trug er sie über den Kurfürstendamm.

Es machte ihr nichts, dass er neun Monate nach Durban, Südafrika flog, um die Uferpromenade zu begrünen. Er hatte eine Gärtnerlehre und ein Studium als Landschaftsplaner hinter sich. Aber eben in gemäßigten Breiten. Hier herrschten feucht-subtropische Verhältnisse, und Wolf wählte vollkommen falsche Gewächse, die oft von den Wellen des Indischen Ozeans überspült wurden und innerhalb kürzester Zeit verdarben. Das berührte ihn nicht allzu sehr, er reiste nach Johannesburg und Kapstadt, guckte auf den Atlantik, aß dabei Weintrauben und dachte an Bärbel und den Satz, den er vor seiner Abfahrt einem Freund eingeschärft hatte: „Sorge dafür, dass sich keiner in meiner Abwesenheit an mein Mädchen ranmacht.“

Eine Million! Warum nicht zwei oder drei?

Zwei Mal zeigte sich sein Mädchen ernsthaft verstimmt. Zuerst war da sein Roulette-Spleen. Bad Homburg fand er besonders schick. Er fuhr ins Casino und gewann eines Tages tatsächlich eine Million. Warum nicht zwei oder drei?, fragte er und steckte in der Spielerfalle. Natürlich zerrann ihm alles zwischen den Fingern. „Solltest du eine einzige Mark von mir verzocken“, drohte Bärbel, „lass ich dich wie eine heiße Kartoffel fallen.“ Das wirkte. Und dann trieb ihn die Angst um, Magenkrebs zu bekommen, ein Onkel war daran gestorben. Irgendwas drückte und gurgelte immer im Bauch. Sein Speiseplan wechselte ja auch oft, von Bocuses Nouvelle Cuisine bis zu Lachs, der das Verfallsdatum deutlich überschritten hatte. Dann die Prostata, eine Vorsorgeuntersuchung. Vor lauter Furcht schwamm er vor Kreta, wohin sie oft reisten, hinaus aufs Mittelmeer, ließ sich stundenlang treiben und wollte untergehen. Erschöpft schwamm er zurück zum Strand und versuchte das Untergehen dann nochmal in Berlin. Da platzte Bärbel der Kragen: „Ich binde dir Steine an die Beine und stoß dich ins Wasser. Ich garantiere dir, du gehst unter!“ Auch das wirkte.

Im Grunde genommen war das ja eine romantische Vorstellung vom Tod. Kein Bettgeliege, kein Schmerz, nur sanftes Hinabsinken. Wolf fand ohnehin, dass er besser ins 19. Jahrhundert gepasst hätte. Er rezitierte Hölderlin, lag auf Wiesen und dachte über die Welt nach. Ein Bohemien in Bayern, wo er und sein jüngerer Bruder und seine Mutter nach der langen Flucht aus Breslau gelandet waren. Der Vater hatte den Krieg nicht überlebt, die Mutter verdingte sich als Magd, obwohl sie Theologie studiert hatte. Eines Tages brach Wolf in einen nicht ganz zugefrorenen Fluss ein, sein vierjähriger Bruder rannte zur Mutter, die ihn rettete. Die Jungs besuchten zig Gymnasien und Internate, immer waren sie die Außenseiter. Wolf träumte sich in seine eigenen Welten, entsprechend miserabel fiel sein Abi aus. Er wollte Jura studieren, sollte aber erst einmal was Bodenständiges lernen, deshalb die Gärtnerlehre. Sein Einsatzort war meist der Friedhof, wo er auch im Winter mit klammen Fingern grub. Er nahm ein Landschaftsplanerstudium auf. Und er spannte einem anderen dessen 16-jährige Freundin aus. Das Mädchen wurde schwanger, die beiden heirateten. Wolf liebte den kleinen Frank, die Ehe jedoch hielt nicht.

Mit Bärbel war alles anders. Sie reisten durch Afrika, sie schliefen in einem einen Meter schmalen Bett, Bärbel wurde Chirurgin und Oberärztin, Wolf ging zur Uni und nach 15 Jahren ohne Kinder, bekamen sie Karen und Lena. „Du bleibst zu Hause“, entschied Bärbel, und Wolf tat nichts lieber als das. Er baute den Mädchen ein Zelt im Tiergarten und ein Iglu auf dem Teufelsberg, er hängte ihnen Schaukeln in die Bäume und pflückte mit ihnen Sauerampfer. Wenn die Mädchen in der Schule erzählten: „Unsere Mutter arbeitet“, fragten die Lehrer: „Sind eure Eltern geschieden?“

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Wolf hörte Bach und die Beatles, er ging zum Theatertreffen, er besaß eine Kinojahreskarte. Und er werkelte im Schrebergarten. Im Winter 2009 fiel ihm ein, dass er dort das Wasser nicht abgedreht hatte, fuhr hin, das Rohr war gebrochen, er lief zu einer Grube am Rand des Grundstücks, wo sich der Hauptwasserhahn befand, entfaltete eine Plastikplane, legte sich bäuchlings darauf, rutschte kopfüber in die Tiefe und steckte fest. Bärbel wurde unruhig. Wo bleibt er nur? Sein Handy war stumm. Sie klapperte mit den Töchtern alle Cafés ab. Gut möglich, dass er wieder irgendwo saß und mit irgendwem plauderte. Aber nichts. Die Ahnung verdüsterte sich. Bis sie auf die Idee kamen, im Garten nachzuschauen. In der Dunkelheit tappten sie mit der Taschenlampe umher. Und hörten plötzlich die erstickte Stimme: „Ich bin hier!“

2014, am Vorabend ihres 45. Hochzeitstages, fiel Bärbel um und war tot, vermutlich ein Herzinfarkt. „Die beste und die schönste Frau.“ 2022 entdeckten die Ärzte Krebs bei Wolf. Er flog mit seinen Töchtern ein letztes Mal nach Kreta. Aber nicht, um unterzugehen.

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