Immer radikaler unterwegs : Warum wir auf den Straßen ein Umdenken brauchen

Autofahrer, Radfahrer, Fußgänger: Auf Berlins Straßen geht es immer ruppiger zu. Schuld an der Eskalation ist die Politik. Ein Kommentar.

Gefahrenquelle Baustelle: Dort, wo an der Verkehrswende gearbeitet wird, wird der Platz oft noch enger.
Gefahrenquelle Baustelle: Dort, wo an der Verkehrswende gearbeitet wird, wird der Platz oft noch enger.Foto: Kai-Uwe Heinrich

Bitte nicht noch ein Beitrag zum Thema Radfahren! Berlin hat genug andere Probleme. Stimmt! Und dennoch muss dieser Kommentar sein. Weil jeder, der sich in Berlin auf öffentlichem Straßenland bewegt - ob mit dem Auto, dem Rad oder zu Fuß - ganze Bücher darüber füllen kann. Die Enge der Stadt, das Tempo des Alltags, die fehlende Rücksicht aller - Berlins Straßen sind längst schon ein Pulverfass, die Geduldsfäden werden immer kürzer.

Beispiel gefällig? Eine Kreuzung irgendwo in Mitte. Es ist 16 Uhr, die Sonne scheint, alle wollen nach Hause. Weil sich die Rechtsabbieger am Gehwegrand stauen und der einzig vorhandene Radfahrstreifen geradeaus führt, rollt der Radler vor, nutzt schließlich eine sich zwischen den wartenden Autos bietende Lücke.

Ein Aktenzeichen mehr, mehr nicht

Das zu ertragen fällt dem Autofahrer schwer. Ein kurzes Aufheulen des Motors, ein beherztes Hupen und rumms: Das Hinterrad bekommt einen Hieb, gerade schwach genug, um den Fahrer nicht auf den Asphalt zu werfen. Die hinzugerufene Polizei nimmt den Unfall auf und garniert die eigene Ratlosigkeit mit einem "Bedanken Sie sich bei der zuständigen Senatsverwaltung!". Ein Aktenzeichen mehr, das war's dann aber auch.

Vorfälle wie diese gibt es Tausende in Berlin, jedes Jahr. In einer "Sonderuntersuchung Radverkehrsunfälle in Berlin" zählte die Berliner Polizei 7.069 Verkehrsunfälle mit Radfahrerbeteiligung im Jahr 2017. 2016 waren es noch 7.495 Unfälle, ein Rückgang um 5,7 Prozent. Und dennoch: Täglich werden in Berlin 19 Fahrradfahrer in Unfälle verwickelt, in 47 Prozent und damit knapp der Hälfte aller Fälle gelten sie als Verursacher des Crashs. Dass sich ihre Lage nur langsam verbessert: keine Ausrede für eigenes Fehlverhalten.

Auch wenn es viele Radfahrer nicht gern hören wollen: Sie sind eben nicht nur der bemitleidenswerte, weil ungeschützte David im Kampf gegen den übermächtigen, weil gepanzerten Goliath. Radfahrer in Berlin sind weder Unschuldslämmer noch per se - weil moralisch einwandfrei unterwegs - im Recht.

Das Deprimierende daran: Es ist so unnötig!

Einige von ihnen meinen ganz offensichtlich, sich an keine einzige Regel der auch für sie geltenden Straßenverkehrsordnung halten zu müssen - zum Leidwesen aller. Ergebnis: Das Stresslevel auf den Straßen der Stadt steigt, die Radikalisierung nimmt zu - auf allen Seiten. Neulich schrie ein Autofahrer einem Radfahrer entgegen: "Ich wünsche dir den Unfalltod!". Was immer vorher passiert war: Wo leben wir, wenn wir einander den Tod wünschen?

Das Deprimierende daran: Es ist so unnötig! Autofahrer, Radfahrer und nicht zu vergessen Fußgänger könnten in friedlicher Koexistenz miteinander laufen und fahren - getrennt voneinander, geschützt voreinander. Aktuell jedoch sind sie alle zusammen Opfer ein und desselben Versagens: Eine Stadt wie Berlin, auf dem Weg hin zu einer Metropole mit vier Millionen (!) Einwohnern, mit einer zeitgemäßen Verkehrsinfrastruktur zu versehen.

Das ist besonders tragisch, weil Berlin in Zeiten, in denen immer mehr Menschen den Nutzen von Autos in Zweifel ziehen - aufgrund der Gegebenheiten aber nicht davon abkommen (Stichwort ÖPNV) - eine riesige Chance auf echten Fortschritt verschenkt. Ein Mobilitätsgesetz zu verabschieden, über die großzügige Markierung vereinzelter Radwege aber nicht hinaus zu kommen, hilft niemandem, führt den eigenen Anspruch einer Verkehrswende ad absurdum.

Solange Radwege unter Geländern hinweg markiert, Ampelschaltungen nicht aufeinander abgestimmt, Verkehrsteilnehmer gegeneinander ausgespielt werden, droht die Situation weiter zu eskalieren - jeden Tag, an jeder Kreuzung. Der Preis dafür - im vergangenen Jahr starben 45 Menschen bei Verkehrsunfällen - ist ganz eindeutig zu hoch.

Im Schnitt verbringt jeder Berliner täglich etwa 70 Minuten im Verkehr und legt dabei etwa drei Wege zurück - entweder per Rad, Auto, mit den Öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß. Hier finden Sie aktuelle Beiträge und Hintergründe zu den Themen Fahrrad und Verkehr.

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