zum Hauptinhalt

© picture alliance/dpa

Tagesspiegel Plus

Impfpflicht für das Personal?: Wie Berlins Pflegeheime jetzt vor Corona geschützt werden sollen

Nach dem tödlichen Corona-Ausbruch in Schorfheide wird mehr Schutz für Pflegeheime debattiert. Grüne fordern Test- und Aufklärungspflicht für Mitarbeiter.

Die Toten mahnen. Zwölf Menschen sind in einem Brandenburger Pflegeheim am Coronavirus gestorben, nur die Hälfte der Pflegekräfte war dort geimpft. Erneut wird deshalb über bessere Schutzmaßnahmen in Heimen debattiert – und eine Impfpflicht für das Personal.

Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) hatte sich nach dem Corona-Ausbruch in Schorfheide dafür ausgesprochen. Auch auf der zurzeit stattfindenden Gesundheitsministerkonferenz wird das Thema diskutiert. Ein Sprecher der Berliner Gesundheitsverwaltung sagte auf Tagesspiegel-Anfrage: „Wir erwarten dazu eine klare Positionierung des Bundesgesundheitsministers.“ Die Botschaft: Führung wird erwartet – und bundesweite Einheitlichkeit der Regeln.

Wir brauchen verpflichtende Impfgespräche für ungeimpfte Pflegekräfte

Silke Gebel, Co-Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus

Die amtierende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Abgeordnetenhaus, Silke Gebel, favorisiert ein behutsameres Vorgehen: „Wir brauchen verpflichtende Impfgespräche für ungeimpfte Pflegekräfte.“ Solche Gespräche bei Ärzten könnten Sorgen vor der Impfung abbauen, blieben aber hinter einer Impfpflicht zurück. „Das wäre mehr als angemessen“, meint Gebel.

Silke Gebel ist amtierende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus

© Promo

Wie viele Mitarbeiter in Pflegeheimen in Berlin geimpft sind, dazu gibt es keine Zahlen – wie in ganz Deutschland. Inzwischen dürfen aber die Betreiber von Pflegeheimen den Impfstatus ihres Personals abfragen. In der Pflegeeinrichtung von Thomas Meißner sind beispielsweise nur drei Mitarbeiter nicht geimpft.

„Ein sehr niedriger Anteil“, sagt Meißner, einer der Ansprechpartner der Berliner Pflegekammer und Vorstand des Anbieterverbandes qualitätsorientierter Gesundheitspflegeeinrichtungen (AVG). Wie die Betreiber mit der Information umgehen, ist höchst unterschiedlich. Es gibt Betreiber, die Ungeimpften den Patientenkontakt untersagen, andere haben diesen gekündigt – wieder andere reagieren gar nicht.

Pflegekammer fordert mehr Anerkennung für Mitarbeiter von Heimen

Die Debatte um eine Impfpflicht in der Pflege hält Thomas Meißner für verkürzt. „Alle, die nicht betroffen sind, zeigen jetzt mit dem Finger auf die Pflege. Daran krankt die gesamte Debatte.“ Natürlich hätten Pflegekräfte eine besondere Verantwortung, die schwierige Frage einer Impfpflicht müsse man allerdings gesamtgesellschaftlich beantworten. „Diese tiefgreifende moralische Frage – individuelle Freiheit gegen die einer Gruppe – kann doch nicht nur für Pflege oder Ärzte und Erzieher beantwortet werden.“ Seine Haltung: „Wenn ich ein Wir in einer Gesellschaft habe, muss jeder auch eine Verantwortung für den Nächsten haben.“

Ebenfalls debattiert wird zurzeit 2G als Zutrittsvorgabe im Pflegebereich: Das würde einem – zumindest temporären – Berufsverbot für ungeimpfte Mitarbeiter gleichkommen. Meißner hält auch hier dagegen: „Wenn jemand sich nicht impfen lassen möchte, muss er mit 2G leben – aber auch das muss doch gesamtgesellschaftlich gelten!“ Statt sich politisch auf die Pflegekräfte einzuschießen, bräuchten sie mehr Wertschätzung. „Die Pflege hat besonders seit Beginn der Pandemie extrem viel geleistet – und zwar eine 24-Stunden-Versorgung, um Leid zu lindern. Das ist ein einmaliger Status.“

Meißner fordert politisch konsistentes Handeln. „Wenn ich einen Ausbruch in meinem Heim hätte, habe ich mit fünf oder sechs verschiedenen Gesundheitsämtern mit unterschiedlichen Regeln zu tun. Wir bräuchten aber einheitliches Handeln – das gibt es nicht einmal innerhalb von Berlin.“ Grundsätzlich müsse gelten: „Wer in ein Haus hinein will, muss nachweisen, dass er keine Gefahr darstellt.“ Zumindest dahingehend hatte Berlins Gesundheitsverwaltung schon vor dem Corona-Ausbruch in Schorfheide weitergedacht als die Brandenburger Kollegen. Ungeimpfte Pflegekräfte müssen sich in Berlin schon länger täglich testen lassen, der Arbeitgeber muss die Tests zur Verfügung stellen. Eine solche Pflicht gab es in Brandenburg bisher nicht.

Grünen-Fraktionsvorsitzende Gebel regt an, dass sich künftig auch geimpfte Pflegekräfte – auch im ambulanten Bereich – regelmäßig testen lassen müssen. „Wegen der Gefahr von Impfdurchbrüchen sollten sich in Risikobereichen auch Immunisierte abstreichen lassen“, sagt Gebel. „Jede Infektion ist eine zu viel, es braucht erneut ein gutes Testkonzept.“

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false