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Oskar in seinem Zuhause

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Tagesspiegel Plus

In Berlin entführter Jack-Russell-Terrier: Die erstaunliche Suche nach Familienhund Oskar

Vor einem Vierteljahr entführte ein Junge den Pankower Familienhund Oskar und machte ihn zum Streuner. Seine Besitzer scheuen keine Mühen, um das geliebte Tier wiederzufinden.

Da geht ein Junge durch die Stadt und stiehlt Hunde. Er schaut sie eine Weile an, wie sie vor Geschäften frieren und nähert sich, wenn sie ihn nicht ankläffen. Er löst ihre Leinen von Fahrradständern und Laternen, zieht sie die Straße herunter und verschwindet in der S-Bahn. Ist für ein paar Stunden Herr eines Tieres an seiner Seite.

Bis er nach Hause muss. Da will der Zwölfjährige am liebsten an der Mutter vorbei ins Kinderzimmer mit seinem neuen Freund und weiß doch längst: Keine Haustiere! Noch einmal um den Block geht er mit ihm, dann trennen sich ihre Wege. Traurig löst der Junge die Leine vom Halsband und lässt einen Streuner zurück.

Unerfüllte Kinderträume, gestohlene Hunde und eine große Suche. Diese Geschichte hat Facetten von Disney-Filmen mit Tierhelden, nur fehlt das Happy End. Viele Vermutungen sind dabei und noch mehr Social Media.

Falsch, meint ein Kollege. Es ginge nur um verantwortungslose Hundehalter. Um Leute, die ihre Tiere in einer Klaustadt wie Berlin irgendwo anbinden und weggehen. Aber sollte man einen Hund in der Wohnung isolieren, weil er an vielen Orten unerwünscht ist? Eine Grundsatzfrage, die hier nicht geklärt werden kann. Interessanter scheint, dass ein auf diese Weise verlorener Hund Hunderte Freiwillige seit einem Vierteljahr zu einer erstaunlichen Suche motiviert.

Trotz seiner sieben Jahre sieht der Jack-Russell-Terrier eher wie ein Welpe aus.

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Er heißt Oskar und lebte bei einer Familie mit zwei kleinen Kindern in einer Pankower Wohnung mit Schifferparkett. Trotz seiner sieben Jahre sieht der Jack-Russell-Terrier eher wie ein Welpe aus.

Oskar wird vermisst, seit er am 9. September vor einem Drogeriemarkt am Bahnhof Pankow abhanden kam. Nur vier Minuten habe der Einkauf gedauert – während dieser Zeit wurde er entführt, sagt seine Besitzerin Friederike Brandts.

Sie erstattet Anzeige, hängt gemeinsam mit ihrem Mann Felix Flyer an U-Bahnhöfen auf. In wachsender Verzweiflung setzt das Ehepaar eine Belohnung von 5000 Euro aus und überwacht Verkaufsportale. Nichts.

Auch in die zentrale Tiersammelstelle in Falkenberg ist Oskar nicht gebracht worden. Die Brandts hätten davon erfahren, denn ihr Hund trägt einen Mikrochip mit registrierter Nummer unter der Haut. Ungefähr 400 entlaufene Hunde werden jährlich dort eingeliefert, berichtet der für Tierfang zuständige Fachbereichsleiter Frank Fleischer. Manche von ihnen können noch am selben Tag mit ihren Besitzern vereint werden, andere kommen nach fünf Tagen ins benachbarte Tierheim.

Obwohl ihr Hund verschwunden bleibt, müssen die Brandts etwas richtig gemacht haben: Sie netzwerken, schreiben Hilferufe auf diversen Kanälen, gründen ein Instagram-Profil. Sie posten auf der Facebookseite „Entlaufene Hunde Berlin/Brandenburg“, die mehr als 30.000 Empfänger erreicht.

Ihr erster Hilferuf zeigt ein Portrait von Oskar: Schmales schwarz-braunes Gesicht, nach vorn geklappte Ohren, große Augen. Er schaut auf, als erwarte er etwas. Der Eintrag zündet. Es ist wohl auch dieses treuherzige Foto, das Oskar bis ins Fernsehen bringt und seine Besitzer auf die Spur des verlorenen Hundes führt.

Ein Junge meldet sich: Ich war’s nicht!

Ein Junge aus Wedding ruft an. Über das Instagram-Profil „findetoskar“, dessen Einträge tausendfach geteilt werden, ist er auf Friederike Brandts Nummer gestoßen. Er spricht, als würde ihm der Diebstahl vorgeworfen. Nichts habe er mit der Sache zu tun. Stattdessen bezichtigt er seinen Bruder.

Die Polizei bestätigt auf Anfrage, dass ein Zwölfjähriger als Tatverdächtiger ermittelt werden konnte. Auf Videoaufnahmen der S-Bahn sei er samt Hund zu erkennen gewesen, berichtet Friederike Brandts. Durch den Kontakt zum Bruder konnte sie ihm ein Geständnis abringen, das der Suche nach Oskar ein Ziel gab und sie vom Pankower Bahnhof nach Kreuzberg verlagerte.

Ihren Hund ließ das Kind am Kottbusser Tor von der Leine. Nicht lange danach sei der strafunmündige Junge wieder mit einem gestohlenen Hund erwischt worden, so Brandts – einem Golden Retriever aus dem Märkischen Viertel.

Wie verhält sich ein alleingelassener Hund?

Was macht ein Familienhund, wenn man ihn quer durch eine Millionenstadt bringt und fern der bekannten Nachbarschaft aussetzt? „Er bleibt nicht allein“, sagt Derk Ehlert. Für den Wildtierexperten des Senats ist die Hunderasse entscheidend. Ein Jack-Russell sei „ein absolutes Herdentier“.

Die Jagdhunde aus Großbritannien sind klein genug, um in Fuchsbauten zu schlüpfen, gelten als robust und energiegeladen. Die Suche nach einem Rudelführer scheint ihnen in die Gene geschrieben. In Indien oder Russland könnte sich Oskar anderen Straßenhunden anschließen, in Berlin kommen für „Jackies“ auch Passanten infrage. Für Ehlert stellt sich nur die Frage, ob der Hund zum Mensch gekommen sei oder andersrum. 

Die Jagdhunde aus Großbritannien sind klein genug, um in Fuchsbauten zu schlüpfen.

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Ihr Hund sei eher schüchtern, wendet Friederike Brandts ein. Sie hält es für möglich, dass er sich allein durch Berlin kämpft. Oskar, der Hundekuchen aus den Händen der kleinen Tochter schleckte, könne zu einer Art Stadtfuchs mutiert sein.

Die 31-Jährige, die als Eventmanagerin arbeitet, mobilisiert zu gemeinsamen Suchterminen. Mit überwältigendem Erfolg, wie sie feststellt. Ständig klingelt das Telefon. In kleinen Trupps laufen die Freiwilligen Straßenzüge ab, kleben bis in den Dezember hinein laut Brandts 30.000 Flyer und sehen sich alle Vierbeiner genauer an.

Die Oskars aus Kreuzberg heißen „Digga“, „Pakkun“ und „Mogyi“, wie die Suchenden bald feststellen müssen. Immer wieder entdecken sie Doppelgänger, deren Besitzer erklären müssen, dass ihr Hund nicht gestohlen ist. „Jackies“ zählen zu den zehn beliebtesten Hunderassen der Hauptstadt, wie Daten von Versicherungen belegen. Bei mehr als 100.000 gemeldeten Berliner Hunden und zahlreichen Tieren ohne Steuermarke kann es zu Verwechslungen kommen.

Friederike Brandts mit einem Suchplakat

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Eine Sichtung jagt die nächste. Mal im Görlitzer Park, dann ein paar Ecken weiter. Schließlich scheint sich der Hund in die richtige Richtung zu bewegen – von Kreuzberg in Richtung Pankow. Ein Spürhund nimmt seine Fährte auf, erschnüffelt ihn schließlich sogar im nördlichen Pankow, nahe seiner Heimat.

Für Oskar tut Friederike Brandts alles, was in ihrer Macht steht. Ein Fernsehbeitrag von Sat.1 zeigt, wie sie ihrem Hund eine Duftspur auf den Bürgersteig markiert, mit dem eigenen T-Shirt. „Ich suche meinen Hund“, sagt sie zu einer verdutzten Passantin. „Er kommt bald wieder“. Im gleichen Beitrag ist sie auch mit einem Nachtsichtgerät vor ihrem Fenster zu sehen. Vor einigen Tagen wurde im Netz gar nach einer Drohne mit Wärmebildkamera zur Unterstützung der Suche gefragt.

In vergangenen Vierteljahr habe sie vieles gelernt über Hunde und ihre Beziehung zu Menschen, sagt Franziska Brandts. Ein Buch könne sie füllen mit dem, was ihr am Telefon erzählt wurde. Darunter viele ermutigende Geschichten wie die jener Frau, deren verlorener Hund zu ihr ins Büro kam. Er fuhr mit der S-Bahn, weil er sein Frauchen täglich auf der Strecke begleitet hatte.

Da ist noch etwas, was ihr ein gutes Gefühl gibt, trotz der Trauer über den verschwundenen Hund: Schön sei es zu sehen, wie sich unter den vielen Hunde-Aktivisten Freundschaften bildeten.

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