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Martina Witte, 56, ist bei der Freiwilligen Feuerwehr in Berlin-Friedrichshain tätig.
© privat

Sie half beim Löschen des Großbrandes im Grunewald: „In einigen Wachen ist man nicht gut auf die Freiwilligen zu sprechen“

Martina Witte ist freiwillige Feuerwehrfrau und hat mitgeholfen, den Großbrand im Grunewald zu löschen. Sie wünscht sich mehr Frauen in der Männerdomäne.

Die freiwillige Feuerwehrfrau Martina Witte lebt in Friedrichshain und arbeitet in der Versicherungsbranche. Vor vier Jahren – mit 52 – hat sie bei der Freiwilligen Feuerwehr angefangen.

Sie haben als freiwillige Feuerwehrfrau mitgeholfen, den Großbrand am Sprengplatz Grunewald zu löschen. Wie haben Sie den Einsatz erlebt, den die Berufsfeuerwehr als den gefährlichsten seit Kriegsende bezeichnet hat?
Am Löschen war ich leider nicht direkt beteiligt. Wir Freiwilligen hatten die Aufgabe, die verlegten Schläuche regelmäßig zu kontrollieren und den Wald an der Grenze des Sperrkreises zu bewässern. Ich war selbst nicht in der direkten Gefahrenzone, aber ich habe die teils heftige Knallerei der Böller und Bomben auf dem Sprengplatz mitbekommen und die Bundeswehrpanzer gehört. Deren Fahrgeräusche haben mich ein bisschen erschaudern lassen. Man denkt unweigerlich an die Ukraine – auch wenn die Situation dort für unsereinen wohl unvorstellbar ist.

Die Freiwilligen stopfen zunehmend Lücken bei der chronisch überlasteten Berufsfeuerwehr. Fühlen Sie sich geehrt, dass Sie wichtiger werden, oder ist es frustrierend?
Beides. Natürlich freuen wir uns, wenn wir in den Dienst gehen dürfen, den wir mit Leidenschaft und Herzblut machen. Andererseits gibt es einige Hauptberufler, die sagen: Solange ihr immer für uns einspringt, wird sich nichts zum Besseren ändern. An unserer Wache in Friedrichshain läuft das Miteinander gut, aber in anderen Wachen ist man nicht gut auf die Freiwilligen zu sprechen – aus genau diesem Grund, dass wir immer die Kohlen aus dem Feuer holen. Aber es ist eben unser Job, in der Not zu helfen.

Wie wird dieser Job honoriert?
Mit 3,50 Euro pro Stunde. Das ist nicht viel, aber wir machen das nicht fürs Geld. Ich habe vor vier Jahren angefangen, weil ich der Stadt und den Leuten helfen will. Die meisten von uns haben dieses ehrenamtliche Verständnis. Klar wäre eine bessere Honorierung schön. Aber vielen von uns wäre es wichtiger, dass wir bessere Technik bekommen, zum Beispiel neue Autos, neues Werkzeug, vielleicht auch mal einen schöneren Aufenthaltsraum.

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Wie läuft ein üblicher Bereitschaftsdienst?
Meine Schicht ist immer mittwochs von 17 bis 22 Uhr, oft kommt dazu eine Schicht am Freitagabend oder Samstagfrüh. Dieses feste System ist in Berlin Standard. Ob man seinen Pieper außerhalb der Schichtzeiten dabei hat oder nicht, kann man selbst entscheiden. Als sich mein Pieper am Donnerstag gemeldet hat, war ich im Homeoffice. Dann habe ich mich bei meinem Chef abgemeldet und bin in den Grunewald gefahren.

Welche Einsätze sind Ihnen die liebsten?
Ich bin da schmerzfrei. Ich hatte schon Fahrzeugbrände, Kellerbrände, brennende Mülltonnen. Wir machen auch die medizinische Erstversorgung, bis der Rettungswagen oder der Notarzt eintrifft. Das betrifft Autounfälle ebenso wie schwere Fahrradstürze oder Menschen, die von der Leiter gefallen sind. Hinzu kommen altersbedingte Notfälle, Reanimationen. Nicht jeden kann man ins Leben zurückholen; das gehört leider dazu.

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Gibt es Einsätze, vor denen Ihnen graut?
Eine Person unterm Zug hatte ich noch nicht und brauche ich auch nicht. Aber wenn es passiert, funktioniert man einfach. Man muss hinter diesem Beruf einfach stehen und damit zurechtkommen, auch wenn man es ehrenamtlich macht. Sonst ist man da fehl am Platze.

Wie ist die Frauenquote der Feuerwehr?
Sie ist deutlich gestiegen. Wir sind bei ungefähr 130 Frauen – bei insgesamt mehr als 4000 festangestellten und etwa 1500 freiwilligen Feuerwehrleuten. Ich denke, da geht deutlich mehr. Es hilft auch gegen die Machokultur. Die habe ich selbst bisher nicht zu spüren bekommen, aber ich weiß, dass es die immer noch gibt.

Spricht irgendetwas dagegen, als Frau bei der Feuerwehr zu arbeiten?
Gar nichts, sofern man fit ist. Ich habe selbst schon den berühmten Treppenlauf im Hotel Park Inn mitgemacht und laufe beim Firefighters Run für wohltätige Zwecke mit. Man schleppt einiges an Ausrüstung mit sich herum, aber wenn man sportlich ist, passt das – selbst wenn man erst in fortgeschrittenem Alter anfängt wie ich.

Ich hatte jahrelang Interesse, aber irgendwie war immer anderes wichtiger. Von den Frauen, die ich bei der Freiwilligen Feuerwehr getroffen habe, bin ich die Älteste. Bei der Ausbildung haben sie mich immer „Mama“ genannt.

Das Gespräch führte Stefan Jacobs.

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