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Nah dran. Die Einwohner Selchows müssen seit Jahrzehnten mit Lärm vom Flughafen Schönefeld leben.
© Claus-Dieter Steyer

Fluglärm und Co.: In Selchow kommt der Krach bald von allen Seiten

Der große neue Airport rückt noch näher an das Dörfchen Selchow heran. Doch Lärm machen hier nicht nur die Flugzeuge.

Der Lärm kommt in wenigen Monaten von allen Seiten. Dann dürfte sich niemand mehr im kleinen Selchow am Rand des neuen Großflughafens mehr wohlfühlen können. Denn zum Krach der Maschinen kommt noch einiges mehr hinzu. Direkt hinter den letzten Häusern wächst das neue Messegelände für die Internationale Luftfahrtausstellung (ILA) und viele weitere Ausstellungen. Die unausweichlichen Automassen werden sich auf der neuen Straße am Ort vorbeiwälzen. Für den öffentlichen Nahverkehr entsteht an der Stelle des kürzlich abgerissenen Selchower Bahnhofs ein großer Busbahnhof, wo die Zubringer für die täglich bis zu 80 000 ILA-Besucher an- und abfahren. Dazu kommt die viergleisige Eisenbahn zum Flughafen, die erst kurz hinter der Selchower Ortsgrenze im Tunnel verschwindet. Schon jetzt donnern auf einer anderen Bahnstrecke Güter- und Personenzüge am Dorf mit seinen rund 200 Einwohnern vorbei.

„Das ist hier wirklich nicht mehr zum Aushalten“, sagt Anwohner Heiko Ribbecke. „Von Lebensqualität spricht hier niemand mehr. Man kann dem Ort eigentlich nur den Rücken kehren.“ Doch dann wird er nachdenklich. Irgendwie hänge er doch an seinem Hof, der ja schon seit Generationen in Familienbesitz sei. Beim Thema Schallschutzfenster winkt er ab. „Im Ort haben vielleicht fünf oder sechs Häuser neue Fenster bekommen“, erzählt er. Er habe vor längerer Zeit einen Antrag gestellt – bislang ohne Reaktion von der Flughafengesellschaft. Die beauftrage zudem wenig kompetente Firmen, die nur schlechte Qualität ablieferten. „Dafür ist mir mein Eigentum einfach zu schade.“ Er sehe der Zukunft jedenfalls mit Sorge entgegen.

Mit dieser Meinung ist er offenbar nicht allein, wie zwei Frauen vor der Kirche bestätigen. „Ich will sofort weg von hier, weil wir ja von allen Seiten regelrecht eingebaut werden“, sagt die ältere von beiden. „Die Flughafengesellschaft hat uns den Mist eingebrockt, jetzt soll sie auch für ein neues Haus irgendwo in einer ruhigen Gegend bezahlen.“ Die stelle sich aber stur und wolle nur den Zeitwert ihres Eigenheims bezahlen. In der Ferne heulen Triebwerke auf dem bestehenden Flughafen; der neue rückt noch näher an die Häuser heran.

Viel zu wenige Haushalte wurden mit Schallschutzfensters ausgestattet.

Ortsvorsteher Alfred Mann bestätigt die große Unzufriedenheit im Dorf. „Ein kleiner, aber harter Kern will unbedingt bleiben, aber die Mehrheit will einfach nur weg“, sagt er. „Doch so einfach geht es eben nicht.“ Die überwiegend älteren Einwohner besitzen recht große Grundstücke und würden sich nur ungern verkleinern. Und von den Entschädigungen könne man sich kein Haus leisten, das wie in Selchow nahe zur S-Bahn und zu einem Einkaufzentrum liegt.

Der Ortsvorsteher wartet selbst erst einmal, wie sich der Lärm nach der Airporteröffnung am 3. Juni auswirkt. „Ich lebe seit 40 Jahren mit dem Flughafen in Schönefeld. Der Lärm zu DDR-Zeiten war durch die vielen russischen Maschinen viel stärker als jetzt. Vielleicht kommt es gar nicht so schlimm“, hofft der 66-Jährige. Natürlich könne er jeden verstehen, der fortziehen will. Die Flughafengesellschaft habe ja schon sechs Grundstücke gekauft. Insgeheim hofft Alfred Mann immer noch auf einen zahlungskräftigen Investor. „Die Unternehmen wollen doch angeblich alle in Flughafennähe. Da sollen sie mal kommen und uns das ganze Dorf abkaufen. Das wäre toll.“ Schallschutzfenster habe er deswegen auch nicht beantragt. Er kennt aber viele Beschwerden über den „sehr aufwendigen Papierkram“, „fehlende Kulanz“ und „die schlechte Qualität“. Die Flughafengesellschaft gab auf Anfrage zu, dass erst etwa 1000 Haushalte Schallschutzfenster erhalten haben – Anspruch darauf hätten aber 25 570. Ab Februar wolle man verstärkt auf rund 8000 Betroffene zugehen. Diese hätten einen Vorschlag für eine sogenannte Kostenerstattungsvereinbarung erhalten, aber noch nicht zugestimmt – vielleicht ein Thema für die Fluglärmkommission, die sich am Montag wieder trifft.

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