• Interview mit Städteforscher Charles Landry : „Der Holzmarkt steht für neue Lebensformen“

"Google würde die Atmosphäre versauen in Kreuzberg"

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Interview mit Städteforscher Charles Landry : „Der Holzmarkt steht für neue Lebensformen“
Button_Wem gehört Berlin

Vielleicht hatten die Holzmarkt-Leute zu sehr ihre alte Bar 25 mit den schiefen Holzhütten im Kopf, als sie anfingen, den Holzmarkt und das Eckwerk als dauerhaftes Projekt zu planen.

Das glaube ich nicht. Das Eckwerk ist eine Sache, die clever ist, die leisten sich alle möglichen Spleens, bei denen auch Geld verbrannt wird, allein die Hütten auf so teurem Baugrund, aber das Restaurant macht Geld, der Club auch. Was ist das Ziel? Eine Form von Entwicklung, die nach anderen Prinzipien funktioniert. Nach kapitalistischen Prinzipien macht das keinen Sinn, aber es bringt der Stadt einen Wert darüber hinaus. Sonst hätten all diese Orte wie die Malzfabrik in Schöneberg, das Kulturquartier Silent Green in Wedding oder das Radialsystem in Friedrichshain nicht so viel Resonanz. Diese Orte machen doch Berlin aus. Oder der Klunkerkranich in Neukölln, ein Gartenprojekt mit Familiencafé und Club auf dem Parkdeck eines Shoppingcenters. Ich weiß, dass dort viele bürokratische Fragen im Gespräch mit den zuständigen Politikern, sagen wir mal, „kreativ“ geregelt wurden.

Sie kennen viele Großstädte in der Welt. Wo steht Berlin in Sachen Zukunftsfähigkeit, städtebauliche Kreativität, neue Formen des Wohnen und Arbeitens?

Berlin bietet kulturellen Experimenten Raum, die vielleicht mal zum Mainstream gehören werden, in 20 oder 30 Jahren. In Bereichen wie Nachhaltigkeit, Fahrradfreundlichkeit oder Nutzung von intelligenten Technologien steht Berlin nicht in der Spitzengruppe, sondern eher Städte wie Kopenhagen und Helsinki. Etwa Technologien, die ermöglichen, dass Bürger bei Meetings ihrer Politiker zuschauen können und auch die Papiere lesen können, die vor ihnen liegen, wenn sie Entscheidungen treffen. Da geht es um Transparenz, Zugang zu Daten und die Stärkung der demokratischen Kultur.

Was bedeutet die Vertreibung von Google aus Kreuzberg durch eine sich ebenfalls als kreativ und alternativ verstehende Gruppe von Bewohnern?

Diese Leute sind auch gegen das, was der Holzmarkt sein will. Auf der einen Seite mache ich mir Sorgen um Berlin, auf der anderen Seite mache ich mir überhaupt keine Sorgen, weil die Resonanz und die Zugkraft der Stadt so stark sind. Okay, man hat Google verloren, aber man hat den Siemens-Campus gewonnen. Vielleicht hätte der Senat sich einmischen sollen und sagen: Google, wir wollen dich, aber nicht in Kreuzberg.

Aber Google wollte nicht woandershin, sondern unbedingt nach Kreuzberg. Genau wie andere Firmen, die aus dem kreativen Potenzial der widerspenstigen Szene schöpfen wollen.

Es ist klar, dass die Mieten steigen, wenn Google einzieht, das hat man auch in Dublin gesehen. Wenn ich mich entscheiden soll zwischen einem klaren Ja oder Nein, dann sage ich: Ich habe nichts gegen Google, aber das Unternehmen würde die Atmosphäre versauen in Kreuzberg. Darüber gibt es keinen Zweifel. Ich hätte Google gesagt: Geht doch dorthin, wo es noch rau und hip zugleich ist, nach Rummelsburg oder so.

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