• Klimacamp vor dem Kanzleramt: Wie sich Extinction Rebellion auf die Blockaden vorbereitet

Klimacamp vor dem Kanzleramt : Wie sich Extinction Rebellion auf die Blockaden vorbereitet

Workshops, ein Wegeleitsystem und hunderte Zelte: Seit dem Sonnabend campieren mehr als Tausend Aktivisten von Extinction Rebellion vor dem Kanzleramt.

Im Klimacamp vor dem Kanzleramt bereiten sich die Aktivisten auf die Blockaden vor.
Im Klimacamp vor dem Kanzleramt bereiten sich die Aktivisten auf die Blockaden vor.Foto: imago images/A. Friedrichs

Cleo Mieleut blickt stolz über die vielen hundert Zelte, die sich bunt und durchwuselt vor der mächtigen Silhouette des Kanzleramts drängen. Die 48-jährige Lehrerin ist aktiv bei der Berliner Ortsgruppe von Extinction Rebellion und hat das „Klimacamp“ selbst mitorganisiert.

Jetzt, gegen 12 Uhr mittags, kriechen die letzten Langschläfer aus ihren Zelten. Der Duft nach vegetarischem Eintopf liegt über der Wiese. Ungefähr Tausend Aktivisten sollen laut der Organisation bereits von Sonnabend auf Sonntag auf der Wiese zwischen Reichstag und Kanzleramt übernachtet haben. Und es kommen immer mehr. „Es ist doch toll, was man einfach mit engagierten Menschen auf die Beine stellen kann“, sagt Mieleut. „So ganz ohne viel Geld.“

Extinction Rebellion will in Berlin während der kommenden Woche mit verschiedenen Aktionen auf den Klimawandel aufmerksam machen. Besonders große Verkehrsknotenpunkte sollen blockiert werden. Am Montag ab 12 Uhr ist beispielsweise die Besetzung des Potsdamer Platzes geplant - auch die Sea-Watch-Kapitänin Carola Rackete wird sprechen.

Cleo Mieleut gehört zum Presseteam der jungen Umweltorganisation. Das Klimacamp ist für sie ein voller Erfolg.
Cleo Mieleut gehört zum Presseteam der jungen Umweltorganisation. Das Klimacamp ist für sie ein voller Erfolg.Foto: Leonard Scharfenberg

Die Strategie der Organisation: ziviler Ungehorsam – aber in seiner behutsamsten Form. Die Aktivisten wollen gewaltfrei, familienfreundlich und friedlich demonstrieren und so weit wie möglich mit der Polizei kooperieren. Diese Art des Protestes scheint viele zu überzeugen – über Landesgrenzen hinweg: Die Norwegerin Giorgina Keable findet es gerechtfertigt, dafür in der aktuellen Situation auch mal Gesetze zu brechen. „Wir haben die Kante der Klippe schon überschritten“, sagt die 61-jährige Großmutter.

Deshalb ist sie mit ungefähr 50 Mitstreitern aus Oslo nach Berlin gekommen. Ihre Hoffnung ist vor allem, dass die Aktionen von Extinction Rebellion andere Menschen in der ganzen Welt von der Drastik des Klimawandels überzeugen könnten. „Ein erster Schritt wäre, dass die deutsche Regierung den Klimanotstand ausruft“, sagt Keable.

Nur wenige im Camp haben Hoffnung, dass die deutsche Politik auf die Proteste mit mehr als der symbolischen Ausrufung eines Klimanotstandes reagiert. Auch Julia Kosten vermutet, dass es keine direkte politische Reaktion geben wird. Die 26-jährige Leipzigerin hofft stattdessen auf die Medienöffentlichkeit, die die „Rebellion Wave“ auslösen könnte. Und da sei ziviler Ungehorsam nun mal das wirksamste Mittel.

"Das ist egal! Wir müssen für das Klima kämpfen"

Auf die Blockaden und Aktionen können sich die „Klimarebellen“ in verschiedenen Großzelten vorbereiten. Es gibt Kurse zu Deeskalation, Recycling und Teambuilding. Die Stimmung ist betriebsam, aber entspannt. Am Rande der Zeltstadt arbeiten dutzende Aktivisten an Bannern und Schildern für die kommenden Tage. Manche prangern die Untätigkeit der deutschen Politik an, manche versuchen drastisch die Notwendigkeit eines „Systemwechsels“ zu verdeutlichen. Auf das größten Plakat wird gerade eine Solidaritätserklärung mit dem Seenotrettern im Mittelmeer gepinselt.
Immer wieder bleiben neugierige Passanten bei den malernden Aktivisten stehen. So auch Horst Wollenweber. Er ist, was Extinction Rebellion betrifft, zwiegespalten. „Es ist schon richtig, was die fordern“, sagt der 71-jährige Rentner aus Britz. Er hat das Gefühl, dass in der Debatte zuviel auf Deutschland geblickt werde. „Wir können ja nicht alleine die Welt retten“, meint er.

Olga Smirnova aus Moskau sieht die Klimabewegung kritisch. Ihre Tochter und ihr Enkel sind allerdings glühende Klimaaktivisten.
Olga Smirnova aus Moskau sieht die Klimabewegung kritisch. Ihre Tochter und ihr Enkel sind allerdings glühende Klimaaktivisten.Foto: Leonard Scharfenberg

Auch Olga Smirnova sieht die Klimabewegung kritisch. Die 72-jährige Moskauer Architektin protestiert seit vielen Jahren gegen Putin. Gerade besucht sie ihre Tochter in Lichtenberg. Sie befürchtet, dass eine radikale Klimapolitik Deutschlands Wirtschaft schwächen könnte. Und wenn Deutschland schwächer werde, sei Putins Russland stärker, sagt sie. Ihre Tochter Aglaya Polomarchuk widerspricht heftig. „Das ist alles egal“, sagt die 43-Jährige. „Wir müssen für das Klima kämpfen“. Auch der zehnjähriger Enkel Ivan ist fast jeden Freitag dabei – mit selbstgemalten Schildern.
Nach kurzer Diskussion stimmt Smirnova zu. Vielleicht wird sie mitdemonstrieren. Es geht gemeinsam weiter in Richtung Suppenküchenzelt, in dem man übrigens Essensmarken braucht. Eine sanfte Rebellion.

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