Kritik an Essenslieferdiensten : Gewerkschaft fordert Bezahlung nach Tarif

Viele Radboten der Lebensmittellieferdienste fahren unter extrem hohem Druck. Einige kommen nur wegen der Trinkgelder auf einen akzeptablen Stundenlohn.

Christoph M. Kluge
Lieferando ist Marktführer unter den Essensbringdiensten in Berlin. Am Dienstag demonstrieren die Fahrer.
Lieferando ist Marktführer unter den Essensbringdiensten in Berlin. Am Dienstag demonstrieren die Fahrer.Foto: imago /Arnulf Hettrich

Ihre orangefarbenen Jacken und eckigen Thermorucksäcke gehören inzwischen fest zum Stadtbild. Im Auftrag von Lieferando transportieren die „Rider“ genannten Fahrradkuriere alles, was die Restaurants der Hauptstadt anbieten: von Pizza und Sushi über Burger bis zu russischer Hausmannskost.

Doch die Arbeitsbedingungen der Fahrer seien schlecht, beklagt die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG). Mit einem bundesweiten Aktionstag will sie am Dienstag auf Missstände aufmerksam machen. In Berlin protestieren die Gewerkschafter vor dem Lieferando-Hub in der Kochstraße.

Das Geschäftsmodell ist simpel: Hungrige Kunden möchten nicht lange nach einem Lieferservice suchen. Bei Lieferando können sie über eine einzige Website ganz unterschiedliche Gerichte bestellen. Die Plattform vereint deutschlandweit die Speisekarten von 18.000 Restaurants. Und kassiert bei jeder vermittelten Lieferung satte 15 Prozent Provision. Doch der Erfolg gehe zu Lasten der Fahrer, sagen die Gewerkschafter.

„Der Lohn wird oft viel zu spät ausgezahlt“, sagt Rafael Mota-Machado von der NGG Berlin-Brandenburg. Die Fahrer würden ihre Abrechnungen außerdem häufig sehr spät bekommen, was zu Intransparenz führe. Insgesamt beschreibt er die Zustände im Unternehmen als chaotisch: „Die Zentrale ist völlig überlastet“.

Grund dafür sei, dass das Unternehmen vor Kurzem seinen wichtigsten Konkurrenten übernommen hat, sagt Mota-Machado: Lieferando ist eine Tochter der niederländischen Firma Takeaway.com und inzwischen der unangefochtene Marktführer unter den Lieferdiensten in Deutschland. Denn im vergangenen Dezember übernahm der Mutterkonzern für rund 1,15 Milliarden Euro auch das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero in Berlin, dem bisherigen Rivalen.

Vorausgegangen war ein ruinöser Wettstreit, der in der Branche als „Pizzakrieg“ bekannt wurde. Die Rivalen investierten Millionen in Werbekampagnen, außerdem gingen sie mit Anzeigen und einstweiligen Verfügungen gegeneinander vor. Die Staatsanwaltschaft ermittelte gar wegen Computersabotage. Am Ende musste Delivery Hero seinen Heimatmarkt aufgeben. Seither setzt das Unternehmen auf andere Regionen, vor allem boomende Märkte in Asien.

Die Übernahme von Foodora bereitet offenbar Probleme

Mit der Übernahme wechselten auch die angeschlossenen Labels Lieferheld, pizza.de und Foodora den Besitzer. Zu Foodora wiederum gehörte eine eigene Flotte von Ridern. Die Fahrer wechselten ihre pinken Foodora-Jacken gegen die orangenen der bisherigen Konkurrenz. Allerdings besteht die Foodora GmbH weiterhin, obwohl die Übernahme eigentlich im April vollzogen sein sollte.

„Eine Integration dieser Größenordnung ist immer eine Herausforderung, aber wir kommen gut voran“, teilt Caitlin Clark per Mail mit, die Sprecherin der Zentrale von Takeaway in Amsterdam. In Deutschland war trotz mehrfacher Anfragen kein Sprecher für einen Kommentar zu erreichen. „Wir prüfen derzeit, wie und wann das Geschäft der Foodora GmbH am besten in die Takeaway.com-Gruppe integriert werden kann“, schreibt Clark.

Lieferando beschäftigt in Deutschland nach eigenen Angaben insgesamt etwa 4500 Personen. Das seien 2000 Angestellte in Vollzeit, von denen 800 in den Berliner Büros tätig seien. Alle anderen seien Kuriere. Etwa 2500 weitere Rider würden in Teilzeit arbeiten. Einen Konflikt mit der Gewerkschaft bestreitet die Unternehmenssprecherin. „In Berlin gibt es einen zentralen Betriebsrat. Lieferando befürwortet die Arbeitnehmervertretung“, schreibt sie.

Lieferando verhindere systematisch Gründung von Betriebsräten

Gewerkschafter Mota-Machado widerspricht: „Das stimmt ganz einfach nicht.“ Arbeitnehmervertretungen gäbe es zwar in einigen Städten Süd- und Westdeutschlands, aber nicht in Berlin. Lieferando versuche sogar systematisch, die Gründung von Betriebsräten zu verhindern und setze Fahrer unter Druck, sagte er. Die ehemaligen Foodora-Rider seien benachteiligt. Mota-Machado spricht von einer „Zweiklassengesellschaft“.

Mehrere Rider berichteten dem Tagesspiegel von einer für sie intransparenten Buchhaltung. Aufträge würden über eine App verteilt. Wenn sich ein Rider über die Arbeitsbedingungen beschwere, erhalte er danach weniger Fahrten – und damit weniger Geld – behauptet Michael, der bei der Foodora GmbH arbeitet und NGG-Mitglied ist.

Einmal habe er vier Wochen lang kein Geld bekommen, auf Mails und Nachrichten habe die zuständige Stelle nicht reagiert. Dann habe er sich bei einem seiner Chefs beschwert - und danach eine Zeitlang kaum Aufträge erhalten. Diesen Zusammenhang kann er allerdings nicht beweisen. Der Arbeitgeber weist Vorwürfe zurück.

Rider sind keine klassischen Angestellten

Und nicht alle sind unzufrieden. „Das ist der beste Minijob, den ich bisher hatte“, sagt Henry. Der 19-Jährige lebt noch bei seinen Eltern und ist in keiner Gewerkschaft. Die Bezahlung sei zwar „nicht die fairste“. Bei einem Verdienst von etwa zehn Euro in der Stunde fühle er sich „schon ausgebeutet“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Aber mit dem Trinkgeld käme er insgesamt gut über die Runden. Wenn er über die App einen Auftrag erhält, schwingt er sich auf sein Elektrorad, das ihm von der Firma gestellt wird. „Zwischendurch fahr ich nach Hause und zocke Videospiele“, sagt er.

„Rider sind sehr freiheitsliebende Menschen“, sagt Mato-Machado. Da müsse auch er als Gewerkschafter dazulernen. Denn viele würden sich gar nicht als klassische Angestellte sehen. Viele würden keinen Vorteil darin sehen, von ihrem sauer verdienten Geld Mitgliedsbeiträge zu zahlen. Dennoch ist er davon überzeugt, dass „strukturelle Lösungen“ nötig seien und fordert Tarifverträge. „Wir stehen hier noch ganz am Anfang“, sagt er.

Beim kleineren Konkurrenten Deliveroo spielt gewerkschaftliche Organisation praktisch keine Rolle, dort sind alle Kuriere Freelancer. Aus Sicht der Gewerkschaft ist das jedoch bloße Scheinselbständigkeit. Der britische Anbieter hat in Deutschland nur etwa 2000 Restaurants an die App angeschlossen. Doch das könnte sich bald ändern, denn im Mai hat Amazon einen mutmaßlich hohen Millionenbetrag in das Unternehmen investiert. Auch Deliveroo war für den Tagesspiegel für Fragen nicht zu erreichen.

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