zum Hauptinhalt

© David Loeffler/promo

Tagesspiegel Plus

„Kultur tanken“ in Berlin-Neukölln : Ehemalige Tankstelle wird zum Festivalort

Seit vier Jahren liegt die Tankstelle an der Neuköllner Sonnenallee brach. Neun Studierende wollen ihr für einen Tag neues Leben einhauchen.

Einsam liegt sie da, die ehemalige Esso-Tankstelle an der Sonnenallee. Vorbeigehende würdigen sie kaum eines Blickes. Seit 2018 hat hier niemand mehr getankt. Rund um die ehemaligen Zapfsäulen steht nun ein Bauzaun, daran vereinzelt Plakate. An einer Ecke hat irgendjemand ein Fahrrad am oberen Ende aufgehängt, wie eine Art kunstvolles Wappen ragt es Richtung Hobrechtstraße.

Auf dem Gelände selbst ist nicht mehr viel zu sehen: Die Schilder sind abmontiert, der frühere Kiosk verrammelt und mit Graffiti besprüht, aus den Säulen ragen lose Kabelenden. Dort, wo früher die Autowaschanlage war, leben nun zwei Obdachlose. Auf dem Boden liegen zerbrochene Glasflaschen, benutzte Spritzen und jede Menge Taubenkot. Kurz, sonderlich einladend ist die ehemalige Tankstelle nicht.

Dass das nicht so bleiben muss, möchten neun Studierende der FH Potsdam beweisen. Am 21. Mai wollen sie der alten Tankstelle neues Leben einhauchen – nur dass dann nicht mehr Benzin und Diesel, sondern Kultur getankt werden soll. Und so heißt dann auch das Festival: Kultur.tanken.

Simon Spannig ist einer der Initiatoren des Festivals.

© Jan Bischoff/promo

„Alles hat mit einem Uniprojekt und der Faszination für diesen Ort angefangen“, erzählt Simon Spannig, einer der beiden Initiator:innen des Projektes. Spannig wohnt ums Eck im Reuterkiez und kommt regelmäßig beim Hundespaziergang an der Tankstelle vorbei. „Und jedes Mal frage ich mich: Was ist hier eigentlich los? Wie kann es sein, dass mitten in Berlin, fast am Hermannplatz, ein Ort seit Jahren einfach so vergammelt und nichts passiert?“

Aus der Faszination wurde ein Projekt, aus dem Projekt ein Festival: Irgendwie haben Spannig und Mit-Initiatorin Diana Alagic Kommilliton:innen, die Uni und schließlich auch den Eigentümer der Fläche von der Idee überzeugt. Letzterer konnte sich in den vergangenen Jahren nicht mit dem Bezirksamt über die künftige Bebauung des Areals einigen.

Beim Festival soll nun einerseits die Vielfältigkeit des Bezirks widergespiegelt werden, andererseits ein Fokus auf der queeren Szene liegen. Geplant sind Konzerte und Performances auf zwei parallelen Bühnen. Im Lineup stehen Künstler:innen wie die Singer-Songwriter Adir Jan und Emrah Gökmen und das Kollektiv Queerdos. Erstgenannter stammt aus Ostanatolien und verbindet ostanatolische Volksmusik mit queeren Texten. So wie Adir Jans Musik soll auch das Festival alte und neue Neuköllner:innen verbinden – oder zumindest einen Berührungspunkt schaffen.

In der alten Waschanlage wohnen jetzt Obdachlose.

© David Loeffler/promo

Die Fläche ist von allen Seiten einsehbar. Menschen können aber auch – ähnlich wie früher die Autos – an einer Stelle auf das Gelände treten, Kultur tanken und am alten Ausgang wieder auf die Sonnenallee treten. „Wir wollten uns den Ort zu Nutze machen, eben diese Öffentlichkeit, die dafür sorgt, dass Barrieren abgebaut werden“, erzählt Simon Spannig. Aufgeräumt werden soll natürlich vorher auch nochmal.

Gleichzeitig sieht Spannig das Festival als eine Art Modellprojekt: Es soll zeigen, wie leerstehende Gebäude und ungenutzte Brachen temporär in kulturelle Orte umgewandelt werden können – und dass man für ein solches Projekt keine große Organisation im Rücken, sondern nur ein paar engagierte Mitstreiter:innen braucht. 

Das Festival Kultur.Tanken findet am 21. Mai in der Sonnenallee 9, von 14 bis 21.30 Uhr statt, der Eintritt ist frei. Weitere Infos und das gesamte Programm gibt es hier.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
true
isPaid:
true
showPaywallPiano:
false