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Eingeständnis und Entschuldigung.
© Lars von Törne

Street Art in Berlin: Künstler in Not

Bernd Matthies leidet mit einem abstiegsbedrohten Graffiti-Sprayer. Eine Glosse.

Viel ist derzeit die Rede von Identitätspolitik, also dem Bestreben, jede noch so kleine Gruppe, die sich irgendwie diskriminiert fühlt, in Schutz zu nehmen und von jeglicher Kritik abzuklemmen. Die populärste Folge dieser Idee ist das Herumhacken auf dem alten weißen Mann, der angeblich oben das Steuer der Welt in der Hand hält, während drunten die Entrechteten um ihr Leben rudern.

Die Zahl der vom ihm geknechteten Opfergruppen geht ins fast Unermessliche, aber was ist mit den Graffiti-Sprayern? Werden die nicht diskriminiert? Und wer kämpft für ihre Rechte? Man hört so wenig.

Graffiti-Sprayer sind eine gar nicht mal kleine Gruppe von Menschen aus der ganzen Welt, die ihr Leben dem Ziel gewidmet haben, alle Berliner Hauswände und Bahnen mit den Stereotypen einer ansonsten ausgestorbenen Kunstrichtung zu überziehen.

„Ich konnte das mal besser – sorry“

Das ist ein verdammt hartes Leben, denn der Staat schickt diesen Überzeugungstätern seine Büttel hinterher, macht sie sogar schadenersatzpflichtig und droht mit Strafen. Da ist es kein Wunder, dass der eine oder andere gefeierte Star um seine Fähigkeiten fürchten muss: Da mag ein Tremor in der Sprühhand den Stress der Verfolgung spiegeln, da mag plötzlich der Horror vacui vor dem frischlackierten U-Bahnwagen die Tat blockieren oder einfache Ideenarmut den Abstieg in der Rangliste des Fame einleiten.

Wenn der Staat nicht hilft, könnte ein Ausweg die Selbstkritik sein. „Ich konnte das mal besser – sorry“ hat ein Unbekannter an eine Hauswand in der Kollwitzstraße gesprüht, nur das, ungelenk und ohne jedenAnspruch – herzergreifender wurde uns das Schicksal eines leidenden Künstlers nicht mehr offenbar, seit Beethoven ertaubte.

Die logische Konsequenz müsste nun darin liegen, das Sprühen ganz und gar einzustellen. Nicht nur einer, sondern alle! Dann würden wir sie gern unter vollen Identitätsschutz stellen.

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